The day that…
Arthur was born!

Geburtsgeschichte, Geburt, Entbindung, Baby, Geburt

Susan ist Hebamme, hatte schon weit mehr als 500 Geburten hinter sich, als sie zum ersten Mal Mutter wurde. Doch hilft es einem, wenn man in der Theorie alles weiß, es aber in der Praxis noch nie erlebt hat? Susan erzählt uns ihre Geschichte und überrascht ein wenig. Doch lest selbst…

Schatz, ich muss zu einer Geburt – ach nee, ist ja unsere eigene! 

Ich war vier, als ich erstmals den Wunsch äußerte „Gebärmutter“ zu werden. Bis zum heutigen Tag lebe ich meine Berufung in vollen Zügen, begleitete bis zu meiner eigenen über 500 Geburten in Kliniken und zu Hause. Erlebte den Facettenreichtum des Wunders Geburt. War gefühlt 1000 mal nachts an mein Telefon gesprungen und zu Geburten gedüst. Eines war mir schon immer klar: das wollte ich auch erleben und zwar zu Hause, aber bitte nicht nachts! 

Ich hatte die Bilder vor Augen von völlig übernächtigten, wehenden Frauen, welche sich kaum auf ihren Beinen halten konnten und mantraartig „schhh bin sooooo müüüüüüde“ in den Wehenpausen vor sich hin säuselten. Natürlich war mir bewusst, dass die meisten Kinder nachts auf die Welt kommen, aber ich war schwanger und somit  war mein Hebammenwissen von einer Maschinerie Hormonen vernichtet worden. 

Es kam, wie es kommen musste: In der NACHT des Halbfinales der Fußballweltmeisterschaft 2014, als Holland auf Argentinien traf, war ich bereits einen Tag überfällig und rechnete schon  nicht mehr mit einer baldigen Niederkunft unseres Babies (Geschlecht unbekannt). Mein Freund war schon im Bett, da er am nächsten Morgen hätte arbeiten sollen. 1:48 Uhr, offizielles Spielende, entschied auch ich, mich dazu zu legen. Als ich mich im Bad nachtfein machen wollte, bemerkte ich, dass ich wohl einen Blasensprung hatte. Wann? Wo? Wie? Weiß ich bis Heute nicht. Gestern, also vor knapp 2 h, am errechneten Geburtstermin, hatte ich mich doch gerade erst damit abgefunden, jetzt richtig weit zu übertragen. 

Da ein CTG zu meinem Inventar gehört, legte ich es mir kurzerhand selbst an und kontrollierte schnell die Herztöne unseres Babies. Mit diesen positiven Auswertungen konnte ich nun meine Freundin, Kollegin und Hebamme (alles in einer Person) anrufen, um zu berichten: „Hey Miechen, ich hatte glaube ich gerade einen Blasensprung. Fruchtwasser ist klar. CTG habe ich geschrieben, war super. Wehen habe ich noch keine. Nur dass du Bescheid weißt, ich melde mich wieder! Schlaf noch schön ( ich hasste diesen Spruch mitten in der Nacht und jetzt sagte ich ihn selbst) tschööööö“. Maria am anderen Ende war erleichtert und meinte, ich sollte sagen, wenn ich sie bräuchte, dann würde sie sofort kommen. Überzeugt winkte ich ab und nahm mir vor, sie ausschlafen zu lassen. 

Ich legte mich zu meinem Freund ins Bett, um ganz schnell festzustellen, dass ich viel zu aufgeregt war, um zu schlafen. Mist! Ungehört schlich ich mich wieder aus dem Schlafzimmer, um vorerst auf der Couch Platz zu nehmen. Aber was kann man nachts schauen, außer schlechtes Fernsehen? Die Auswahl belief sich zwischen Pest und Cholera- Homeshopping, Telefonsexwerbung oder Familien am Brennpunkt? Alles in allem sehr schwere Kost für eine bevorstehende Geburt, vor der man eigentlich nochmal schlafen sollte. Wo ist das Kaminfeuer, wenn man es braucht? 

Ich entschied mich gegen Schlafen (hätte auch richtig schief gehen können) und begann noch etwas aufzuräumen und Wäsche abzuhängen. Wohlweislich, dass dies in den darauffolgenden Tagen nicht mehr möglich gewesen wäre. Währenddessen lies ich mir eine Wanne ein, denn „Bei der Einen forciert es, bei der Anderen bremst’s“ so habe ich es gelernt und meinen Schülerinnen auch mit erhobenem Finger weitergegeben. Mittlerweile war es 4 Uhr und von Wehen fehlte jede Spur. Ich lag in meiner Badewanne und fühlte mich aufgrund meiner Wassereinlagerungen wie ein Wal im Minipool. Fast 30 Kilo Gewichtszunahme sind auch im Wasser ein wortwörtlich schweres Los. Lange hielt ich es nicht aus und stieg schnell wieder aus der Wanne raus. Eine kurze Herztonkontrolle beim Baby und da war sie – die erste Wehe und dann auch gleich die 2,3,4 (….).

Ich wartete bis ungefähr 5 Uhr, bis ich meinen Freund mit den Worten weckte: „Wollen wir heute unser Baby bekommen?“ (Einen Tag zuvor hatten wir vereinbart, dass ich ihn, wenn es nachts losgeht, schlafen lasse, da er mich eventuell nur nervös macht). Freudestrahlend sprang er auf, küsste mich und fragte, ob er noch schnell duschen dürfte. Ich hatte seit 40 Minuten relativ regelmäßig Wehen, Zeit zum Duschen war auf jeden Fall. Das Kindchen kommt bestimmt erst am Abend, sagte mir mein Hebammenherz. 

Philipp ging duschen und als er zurück kam fand er mich, vor dem Bett kniend, in einem desolaten Zustand. Wo waren die Periodenschmerzen, von denen ich immer in meinen Kursen erzählte? Langsame Steigerung der Intensität, Rückenschmerzen, Ziehen entlang der Oberschenkel. Von wegen man spüre nur Druck, mein Becken drohte bereits zu zerbrechen! Ich erlebte die Wehen innerhalb kurzer Zeit in ihrer virulentesten Form und überhaupt nicht so, wie ich je davon gesprochen habe.

Obwohl ich ein sehr temperamentvoller Mensch bin, war ich in-mich-gekehrt und sehr ruhig. Ich wusste jede Art von Ablenkung würde mich aus meiner Konzentration herausbringen. Permanent musste ich für mich sein und meine Augen geschlossen halten. Philipp stützte von hinten mein Becken, so wie ich es ihm gesagt hatte. Nach ganz kurzer Zeit bat ich meinen Freund, unsere Hebamme anzurufen. Einerseits wollte ich sie bei uns haben, andererseits war es mir fast peinlich Maria jetzt schon aus dem Bett zu holen, damit sie dann eventuell noch weitere 10 Stunden neben uns wacht und hundemüde ist. Ich bin doch Hebamme; ich muss das doch alleine können und immerhin hatte ich erst knapp eine Stunde Wehen. 

Als sie da war, schleppte ich mich vom Schlafzimmer auf die Couch, um ein CTG schreiben zu lassen. Die Couch blieb mir in schlimmster Erinnerung. Nicht mobil sein zu können, liegen zu müssen und dann war die auch noch so unglaublich weich. Maria untersuchte sofort nach Anlegen des CTG`s auf meinen Wunsch hin meinen Muttermund. Ich fühlte mich als wäre er bereits 8 cm geöffnet und die Geburt in vollem Gange. Leider war dem nicht so und sie enttäuschte mich mit zarten 2 cm (negativer Nebeneffekt: als Maria und ich Geburten zusammen betreuten, waren meine Muttermundbefunde tendenziell immer etwas weiter als Marias, d.h. in meinem Kopf kreiste eine deprimierende 1 cm Muttermundsweite).

Ich war frustriert! Alles fühlte sich schon an, als würden wir unser Baby bald kennenlernen, doch die Realität sah anders aus. Ich dachte kurz an eine Verlegung in die Klinik. 3 Wehen später konnte ich schon nicht mehr unterdrücken mitschieben zu wollen. Der Druck war immens und es fühlte sich so an, als würde das Kindchen jetzt kommen wollen. Mein Hebammenhirn dachte sofort an Regelwidrigkeiten mit einem fehleingestellten Kopf des Babies im mütterlichen Becken. Zudem wurden die Herztöne unseres Ungeborenen während der Wehe etwas schlechter. Maria informierte uns und gab mir Atemanleitung, damit ich diesen „elenden“ Pressdrang unterdrücken konnte. Darunter verbesserte sich das CTG schnell wieder zum positiven und konnte nach 30 Minuten beendet werden. Maria war zufrieden und wollte sich auf den Heimweg machen, um nochmals etwas zu schlafen. 

Auf meinen Wunsch hin, da der Druck immer mehr zunahm, untersuchte sie mich nochmal und machte dabei große Augen. Sie sagte nur „Ich habe da keinen Muttermund mehr“. Jesus, ich war vollständig! Deswegen der Pressdrang. Niemand war falsch eingestellt. Das Baby war ein Rennfahrer. 

Mein Freund hat es überhaupt nicht verstanden. Er fragte Maria, ob sie nun wieder nach Hause fahre, aber wir beantworteten gemeinsam im Chor „Nein, das Baby kommt jetzt!!!“ Miechen rannte schnell runter zum Auto, um Geburtshocker, Sauerstoffflasche und Notfallmedikamente zu holen. Wir blieben oben und ich beruhigte meinen jetzt ziemlich nervösen Schulmedizinergatten und bereitete ihn unter Wehen auf die bevorstehende Hausgeburt vor.

Maria war schnell wieder da und genauso schnell war unser Kind geboren. Jeden Millimeter konnte ich nachvollziehen und somit meiner Hebamme immer den genauen Standort unseres Kindes mitteilen („Maria, jetzt ist es Beckenmitte“). Ich habe es nur noch geschafft von der Couch auf den Geburtshocker umzusatteln. Philipp stützte mich von Hinten mit all seiner Kraft und Liebe. Er saß auf der Couch und funktionierte als meine Lehne. Er reichte mir die Hände und sprach mir positiv zu. Ich sagte weiterhin sehr wenig und hielt die Augen geschlossen. Im Nachhinein würde ich sagen, war ich sehr selbstreflektiert, intuitiv und ausgeglichen. Das einzige, was mir wirklich super half, waren meine Worte an die werdenden Mamas in meinen Kursen „Ihr müsst locker sein und loslassen können, sonst stößt euer Kind da unten auf Beton.“ Ich versuchte daher nicht, die Zähne zusammen zu beißen, sondern mich in meinen Partner fallen zu lassen und vertraute in vollster Hingabe meiner Freundin Maria. Nur so war es möglich, dass unser zauberhafter SOHN pünktlich nach Sonnenaufgang um 7:01 Uhr bereits das Licht der Welt erblickte und genauso, wie seine Eltern ziemlich überrascht schien. Er war perfekt und ist es heute noch! Unser kleiner Arthur war endlich  da.

SONY DSC                        Processed with VSCOcam with x4 preset

Alles was danach kam, war ebenso entspannt wie die Geburt. Wir mussten keinen Stress leiden und hatten keinen Ärger. Wir hatten uns und die Romantik des Wochenbettes. Maria ging zwei Stunden nach Arthurs Ankunft nach Hause und kam am Nachmittag zum ersten Wochenbettbesuch wieder zurück. Am nächsten Tag hatte unser Sohn bereits 120 g zugenommen und wirkte angekommen. Er ist bis heute ein ausgeglichenes, ruhiges Kind. Nichts würde ich ändern! 

Geburtsgeschichte_Arthur

Schlussfolgernd muss ich sagen, dass ich gesegnet wurde mit dieser wunderschönen Geburt und ich bin sehr glücklich darüber. Das liegt aber nicht an meinem Hebammendasein, sondern daran, dass ich meine zwei mitunter wichtigsten Vertrauenspersonen an meiner Seite hatte und ich nicht gestört oder gehetzt wurde. Schon allein die derzeit herrschenden Umstände in der Gesundheitspolitik bereiten mir am ganzen Körper Gänsehaut. Eventuell beim nächsten Kind nicht mehr so gebären zu dürfen oder zu können, wie es meiner Vorstellung entspricht, treibt mir die Tränen in die Augen. 

#meineGeburtmeineEntscheidung

Vielen Dank Susan, dass Du Deine Geschichte mit uns teilst – und ja, auch wir haben oftmals ein beklemmendes Gefühl was die Entwicklung des Berufstandes der Hebammen betrifft. Doch wir hoffen sehr, dass wir in der Politik noch rechtzeitig die Kurve kriegen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.