Two years ago…
Kleine und Große Erkenntnisse

Kolumne_TwoYearsAgo

Manchmal bin ich mir nicht sicher: Rast die Zeit oder ist das einfach nur eine Begleiterscheinung des Älter werdens? Mein kleines, süßes Supergirl ist letzte Woche zwei Jahre alt geworden. Zwei aufregende, wundervolle und verdammt anstrengende Jahre liegen also schon hinter uns als Familie…

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„Man weiß gar nicht, wie wenig man eigentlich weiß“
Wenn man noch nicht Mutter ist, hört man so wahnsinnig viele Geschichten von Müttern und immer wieder die gleichen Weisheiten. Man wird darauf vorbereitet wie anstrengend das Leben wird, hat aber im Grunde überhaupt keine Vorstellung. Warum? Ganz einfach, wenn man es nicht am eigenen Leib erfährt, kann man es einfach nicht wissen. In der eigenen Fantasie kann man nicht einmal annähernd den Erschöpfungsgrad erdenken, den man erreichen wird. Und das ist mit Sicherheit auch gut so. Und trotzdem bekommt man Kinder. Warum? Weil es ganz einfach – egal wie kitschig sich das anhört – das größte und beste Abendteuer auf der Welt ist. 

„Grenzüberschreitende Erfahrung und so“
Aber ja, es ist auch verdammt anstrengend und bringt einen über alle bisher gekannten Grenzen, bei der Geburt angefangen (mit meiner Geschichte hatten wir unsere „The day that…“ Serie gestartet). Doch darüber hinaus gibt es noch so viele Dinge, die wir ganz neu an uns entdecken. Seiten, von denen man nie gedacht hätte, dass man sie in sich trägt. Obwohl, meinen Hang zum Dramatischen kannten bereits meine Eltern. Seit dem ich Mutter bin, hat ihn auch mein Freund kennengelernt. Von meinem ersten Nervenzusammenbruch hatte ich ja ausführlich berichtet – natürlich hatte ich bereits einige davon. Gleichzeitig habe ich eine enorme Ruhe und Gelassenheit erlangt, die ich mir selbst niemals zugetraut hätte. Ich kann diversen Tobsuchtsanfällen mit erstaunlicher Geduld begegnen (natürlich auch nicht immer), ich kann ganz wichtige Arbeitsangelegenheiten mühelos vor der Haustür abstreifen und mich voll und ganz auf das Spielen mit Helene konzentrieren (meistens), ich kann – ohne ungeduldig zu werden – einen einstündigen, 100 Meter langen Weg vom Auto bis zur Haustür aushalten (meistens setze ich mich bei jeder erstbesten Gelegenheit kurz hin) und ich kann wirklich, wirklich lange am Esstisch sitzen und mir die tollsten Dinge einfallen lassen, damit Helene doch noch alles auf isst. 

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„Die Sache mit der Mutter-Rolle“
Ich muss aber leider auch ganz ehrlich sagen, dass ich es wirklich nicht leicht hatte in der Mutter-Rolle anzukommen. Doch ja, ich war von Anfang an glücklich Mummy zu sein, eine Familie zu haben und mein kleines Supergirl. Doch mit Abstand betrachtet habe ich wirklich lange gebraucht um meine Rolle wirklich zu finden und zu definieren. Nicht einer künstlichen Rolle zu entsprechen, nicht alles richtig machen, nicht alles rechtfertigen zu wollen. In mir war immer eine Unruhe, als ich das eine Jahr in Elternzeit zuhause war. Anstelle es in vollen Zügen zu genießen war ich irgendwie neidisch auf meinen Freund, weil er weiterarbeiten durfte. Weil er noch seine Freiheiten hatte und ich nicht mehr. Klar, ich habe einen riesigen Luxus, dass meine Eltern hier in der Stadt sind und auch noch überaus engagierte Großeltern und habe mir früh schon einen gewissen Freiraum geschaffen. Trotzdem, mir fehlte in diesem Jahr etwas, was andere Mütter vielleicht nicht brauchen. Ich glaube, wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich meine Mutterrolle erst so richtig gefunden, als ich wieder halbtags anfing zu arbeiten. Gut, ich habe natürlich nie ganz aufgehört und auch nie wirklich nur halbtags gearbeitet, aber ich hatte jeden Werktag ein paar Stunden nur für mich. Da wird auf einmal Arbeit regelrecht zum Urlaub – zumindest im richtigen Job. Und wahrscheinlich habe ich jetzt auch nur eine Ahnung von meiner Rolle als Mutter in der Zukunft, aber ich fühle mich gerade ganz wohl mit meinem Modell. Auch wenn es sehr anstrengend ist, ich mich teilweise zerreißen muss und immer wieder die Momente in mir aufkeimen, in denen ich alles hinschmeißen will. Das gehört aber dazu. Egal ob man Mutter ist oder nicht.

„Mummys brauchen Mummys“
Ich habe wirklich zwei ganz elementare Entdeckungen gemacht, die mich erstaunt und erschrocken haben – zu gleichen Teilen. Zum einen ist es wirklich so, Mummys brauche unbedingt mindestens eine Mummy im direkten Umfeld, die gerade genau das selbe  durchmacht. Sie ist dann die Partnerin in Crime, der Kummerkasten, der Boxsack und die wohl einzige Person, die sich genauso über ganz kleine Dinge im Alltag freuen kann, wie man selbst. Dinge, die man dem Mann abends gar nicht als Highlight des Tages erzählen möchte, weil man sich so doof vorkommt. Das heißt nicht, dass der Mann es doof findet oder es nicht hören möchte, aber ich fand es schon immer sehr unangenehm, wenn mein mein Tageshighlight war, dass Helene heute mal neun Löffel Brei anstelle der üblichen sieben gegessen hat… Ihr wisst was ich meine oder? Kommen wir jetzt zu meiner zweiten Entdeckung:

„Willkommen im Haifischbecken“
Ich habe es schon während meiner Schwangerschaft geahnt und es dann als Mummy volle Breitseite abbekommen – Mütter sind kein Club, in dem man zusammenhält, sich gegenseitig unterstützt, die andere respektiert, bzw. zumindest toleriert. Es wird gelästert, geurteilt, mit abschätzigen Blicken gestraft und teilweise wird man sogar (mehr oder weniger) offen angefeindet, wenn man sich Nikes Bericht mal durchliest. Warum? Tja, gute Frage. Mein liebster Vergleich ist immer der mit dem Bundestrainer bei der Fußball-WM: Es gibt nur einen Trainer, aber 10 Millionen Fußball-Fans wissen es natürlich besser. Genauso verhält es sich unter Müttern. Egal wie Du entscheidest und wie Du dein Kind erziehst, es gibt immer andere Mütter, die das für falsch halten – und natürlich wäre es ja langweilig, wenn sie das nicht äußern könnten. Gut, ich muss zugeben, dass auch ich nicht frei bin von Urteilen. Es ist halt manchmal gar nicht so leicht, weil die Ansichten und Erziehungsvorstellungen oftmals sehr weiter auseinander klaffen. Das ist auch ok so. Aber stellt Euch mal vor, wie toll es wäre, wenn man mal nicht für zu frühes Abstillen, zu langes Stillen, zu lange Zuhause bleiben oder zu früh wieder im Job rechtfertigen würde. Wenn Mütter sich untereinander grundsätzlich mehr Anerkennung entgegen bringen würden, anstelle mit Blicken zu strafen, was meint ihr wie stark wir Mummys sein würden. Das ist der Weg um einen anderen Stand in der Gesellschaft und der Arbeitswelt zu haben. Ja, vieles (Unternehmen, Politik) muss sich änder, aber vielleicht sollten wir mal bei uns anfangen oder?

„Kindliche Früherziehung – Blah, Was?“
Es gibt eine Sache, von der ich persönlich wirklich absolut nix halte und das nennt sich „Kindliche Früherziehung“. Klar, man soll bitteschön machen, was dem Kind Spaß macht, aber dann ist auch Schluss. Der Stress kommt doch früh genug, wenn die Kids zur Schule gehen, bis dahin sollen sie doch bitte genießen, Spaß haben und die Welt alleine entdecken. Man muss nicht erzwingen, dass die Kids schon vor Schulbeginn drei Sprachen lernen, die man zuhause nicht spricht, oder die nicht die eigene Muttersprache sind. Kleinkinder müssen nicht dreimal die Woche verschiedene Kurse nach dem Kindergarten besuchen – und Kinder müssen nicht im ersten Lebensjahr spielerisch Lesen lernen. Zum ersten Geburtstag von Helene haben wir tatsächlich das Buch „How to teach your Baby to read?“ geschenkt bekommen. Ich meine geht’s noch? Klar, man kann alles spielerisch machen um den Tag zu füllen. Aber was genau gibt man da dem Kleinkind schon mit? Genau, Leistungsdruck. Der kleine Mensch soll so früh wie möglich sie viel wie möglich in sich aufsaugen, verarbeiten und verstehen. So schnell wie kleine Kinder lernt der Mensch schließlich nie wieder, bla bla bla. Im Gespräch mit Erziehungsexpten- und Wissenschaftler Prof. Dr. Malte Mienert sprach dieser genau dieses Thema an und mir aus dem Herzen, als er sagte, dass „Kinder genau das zu der Zeit lernen, was er gerade lernen soll. Sobald man dem Kind künstlich durch kindliche Früherziehung von dem Ablenkt, kann es das nicht mehr alleine lernen“. Wir tun also das, was der Mensch immer tut: in natürliche Prozesse eingreifen. Dabei gibt es doch nichts besseres, als den eigenen Kindern eine entspannte und stressfreie Kindheit zu bieten. Das ist auch ohne irgendwelche Früherziehungsmaßnahmen heute schon Herausforderung genug oder?

„Mein Fazit? Eins geht noch“
 Ja, ich bin immer ganz gut darin ein wenig zu meckern (das ist der Berliner in mir) und hin und wieder mit meiner Meinung vorzupreschen. Und ja, ich stehe zu meinen kleinen Nervenzusammenbrüchen, weil alles wieder einmal zu viel wird und ich an chronischem Schlafmangel leide. Aber das sind nur Momente. Denn im Grunde ist das alles so viel besser, mein Leben so viel reicher als vorher, dass das jede Anstrengung wett macht. Ehrlich gesagt, ich freue mich schon sehr auf die nächste Runde (auch wenn ich mir noch etwas Zeit damit lasse), in der ich so viele Sachen entspannter sehen kann. Ja, auch die Anstrengung wird wieder etwas größer, aber wie gesagt, das ist es auf alle Fälle wert. Außerdem wächst man bekanntlich ja an den Aufgaben, stimmt’s?

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 [Grafiken und Angelina-Bild via Pinterest]

4 Gedanken zu „Two years ago…
Kleine und Große Erkenntnisse

  1. Ganz wunderbar geschrieben und ich merke wieder einmal, wie sehr wir uns in den Meinungen und Ansichten gleichen. Und das ist sicherlich auch ein Grund, warum ich diesen Blog so gerne lese 🙂
    Und trotzdem schreibst du auch ganz richtig, dass es eben auch andere Ansichten gibt, die es zu tolerieren gilt. Jede Mama und jeder Papa muss seinen eigenen Weg finden, in die Elternrolle hineinzukommen.

  2. Ein sehr schönes Fazit über die ersten 2 Jahre, dich nahezu gleichzeitig Teile und Dir voll zustimme. Ich habe auch Mütter, mit denen ich mich austauschen konnte, aber ich fand es auch sehr inspirierend von der ein oder anderen Mutter aus anderen Ländern über Blogs mitzubekommen, wie es Ihr in der Situation geht. Lg nadine

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