The day that… Nova was born!

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Gast-Mummy Veronique ist 33 Jahre alt, Grafikerin und lebt mit ihrem Mann Kevin in Zürich. Für uns hat sie ihre Geburtsgeschichte aufgeschrieben. Der Tag, als Töchterchen Nova auf die Welt kam war irgendwie magisch und die Entscheidung in ein Geburtshaus zu gehen, war für Veronique die beste Entscheidung…

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“Am Abend des 21. Aprils 2015 um ca. 18 Uhr hatte ich mich gerade von einer besuchenden Freundin mit ihrem einjährigen Sohn verabschiedet und wollte mit meinem Gemahl bei einem Tennisplatz im Wald abendessen gehen. Als ich schon die Turnschuhe anhatte und aus dem Kellerabteil trat merkte ich wie ein bisschen Fruchtwasser abging, was ich mit einem überraschten “Oh!” und einem gleich darauf folgenden langem, wissenden “Oooooh…” kommentierte.

Die zwei Wochen zuvor hatten wir mehrheitlich schlafend und auf unserer Dachterrasse liegend verbracht, da wir bereits nach ein paar frühen Senkwehen alles erdenkliche vorbereitet hatten und ich mittlerweile schon eine Woche über dem Termin war.
Nun war es also soweit. Wir hatten einen Geburtsvorbereitungskurs besucht, ich hatte gefühlt alle wichtigen Bücher gelesen und mich auch seelisch  eingestimmt so gut dies nun mal bei einem unbekannten Ereignis möglich war. Ich war bereit. Und ich freute mich! Ich wartete was als nächstes passieren würde. Zum Glück setzten kurz darauf ganz leichte Wehen ein. Ich legte mich auf unser Sofa und rief im Delphys Geburtshaus an. Ich hatte erwartet, dass der Anrufbeantwortet abnimmt, wie es in dem Infozettel stand. Also dann doch direkt die Hebamme abnahm, wusste ich erst einmal gar nicht was ich sagen sollte – und so lachten wir erst einmal gemeinsam…
 
Eine Stunde später waren wir zur Kontrolle im Delphys. Die Taxifahrt dorthin war geradezu magisch. Es war einer der ersten sonnig-warmen Abende in Zürich, die Menschen schienen alle draussen zu sein und wir fuhren mit offenem Fenster glücklich zusammen, auf dem Rücksitz lächelnd, zum Geburtshaus.
 
Nach der Kontrolle am Wehenschreiber und Blutabnahme durften wir wieder nach Hause. Wir gingen erstmal ins Bebek nebenan etwas zu Abend essen, da ich wusste, dass ich die Energie später noch brauchen würde. Während dem Essen verkündete ich jede Wehe freudig und in solcher Unwissenheit ob der Kraft die sich hier in langsamen Wogen aufzubauen begann und welche mich in ein paar Stunden komplett vereinnahmen würde.
Auf dem Nachhauseweg nahmen wir sogar noch das Tram, was ich allerdings bereute weil ein Kerl die halbe Fahrt so laut redete, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Also wechselten wir auf den Hügel hoch  nochmal auf ein Taxi  – bei dem ich mir fast sicher war, dass etwas Fruchtwasser auf seinen Ledersitz geschwappt war! Uuuuups…
 
Zuhause legte ich mich ins Bett, mein Mann zündete eine Kerze an, auch im Bad, was sehr sinnlich war. Ich hatte Lavendel-Duftessenz neben mir und hörte von unten die Platte Egberto Gismonti, Jan Garbarek, Charlie Hayden – MAGICO laufen. Es war wunderschön. 
Ich merkte wie die Hormone, die meinen Geist während der ganzen Schwangerschaft umnebelt hatten allmählich einer scharfsinnigen Klarheit und umfassenden Weitsicht wichen. Ich konnte irgendwie meine Schwangerschaft rückblickend betrachten und mich damit auch ein wenig davon verabschieden.
 
Um ca. 23 Uhr wurden die Wehen deutlich stärker und jedes Mal wenn ich aufstand waren sie bereits ziemlich stark und in zügigen, sehr viel kürzeren Abständen. Als mein Mann um 2 Uhr morgens das Taxi belud war ich auf allen vieren vor dem Schuhregal und verarbeitete eine Wehe. Als das Taxi durch die schwarze Nacht fuhr versuchte ich nicht zu laut zu Schnaufen oder Ächzen. Der Fahrer konnte sich wohl einen Furz nicht verkneifen. Die Magie war verflogen.
 
Im Geburtshaus durften wir uns erstmal im Geburtszimmer einfach auf das Bett legen und zwischen den Wehen etwas schlafen. Der Muttermund war schon 6 oder 7cm geöffnet. 
Nach einem missglückten Einlauf – bei dem ich fast in Ohnmacht fiel weil es meinen Kreislauf durcheinander brachte – konzentrierten wir uns auf die starken Wehen. Ich begann ziemlich bald unwillkürlich am Ende einer Wehe zu pressen, was die Hebamme überraschte, war der Muttermund doch noch nicht vollständig geöffnet. Sie liess das Badewasser ein und hielt mich an, nicht zu sehr zu pressen sondern “durchzuatmen”.
 
Nach einer ganzen Weile in der Badewanne (entgegen meinen Erwartungen war mir nicht richtig wohl im Wasser) war der Muttermund endlich 10 cm geöffnet und ich durfte pressen soviel ich wollte. Was folgte war ein unglaublich lauter und brachialer Schrei, der mich selbst überraschte. Die Hebamme gab mir den goldigen Tipp, tiefer zu schreien damit es mehr die Bauchgegend aktiviert – und die Ohren aller Beteiligten schont.
Ab da weiss ich nur noch Bruchstücke der folgenden sechs (!) Stunden Presswehen. Ich weiss wie wohltuend Kevins Hände waren, wie ich sie aber manchmal auch einfach kurz wegwischte wenn es mir gerade so nicht passte. Dass ich nur noch das Nötigste mit wenigen Worten kommunizierte. Wie ob das noch normal ist und dass ich bald nicht mehr kann. Dass ich Kevins Tränen als Erkältung deutete und ihn anherrschte gefälligst rauszugehen wenn er erkältet sei. Wie ich die Geburtsfilmli auf Youtube verfluchte weil sie so schön kurzgeschnitten waren und mir dadurch dummerweise nicht bewusst war, dass man stundenlang in der gleichen Geburtsphase den gleichen Schmerz immerwieder durchmachen muss. Irgendwann dachte ich: Wenn nur diese Schmerzen vorbei sind habe ich kein einziges Problem mehr auf dieser ganzen Welt.
 
Schlussendlich verbrachte ich die Presswehen in genau der Position die ich vor langer Zeit mal im Schweizer Film “Geburt” gesehen und so schrecklich gefunden hatte, weil die gebärende Frau aussah wie ein Tier, ja, wie eine gebärende Seekuh. Aber es war am bequemsten und ich konnte so tatsächlich zwischen den Wehen kurz schlafen (auch dank Kevins beruhigenden Zauberhänden) – also im Bett auf dem Rücken liegend mit einem Bein von der Hebamme in die Höhe gehalten. Dabei war es für mich von essenzieller Bedeutung wieviele Kissen wo genau zwischen den Beinen waren…
 
Nach einer Weile quälender Wehen bei denen NICHTS zu passieren schien, gab mir die Hebamme Homöopathische Kügelchen und zwar ziemlich oft nacheinander. Als dann die Herztöne der Kleinen schneller wurden und Kevin und die Hebammen (mittlerweile war die zweite auch dazugekommen, was eigentlich (!) die Endphase ankündigt) mich anzufeuerten (“Ja, SUPER, drück das RAUS!”), begann ich bewusster zu pressen. Vorher war es wohl eher ein Klarkommen mit den Wehen. 
 
Die Wehen übernehmen irgendwann komplett das ganze Wesen und man nimmt nur noch sehr selektiv die Aussenwelt wahr. Irgendwann sah ich überrascht im Fenster (wir waren in der Kalkbreite über dem Tramdepot mit Fenster ins Depot) dass die Sonne schien und einige Autos fuhren. Es wurde Mittag in Zürich. Die Hebamme schlug vor ich solle nochmal aufs WC zum pinkeln gehen, weil das die Geburt beschleunigen kann. Ich erwiderte: “Aber wenn ich aufstehe wird es wieder so heftig!” worauf sie liebevoll  lächelnd meinte: “Das ist eben gut so.” An diesem Punkt muss man anmerken dass der Kopf der kleinen Dame bereits einige Male bei den Wehen fast rausgeschaut waren, jedoch immerwieder hineinschlüpfte. So ging ich also von zwei Hebammen gestützt zur Toilette. Die Tür zum Wartezimmer der Sprechstunde war zu. Ich selbst hatte schon dort gesessen, schwanger und zufrieden und die Laute einer gebärenden Frau vernommen, was mich gleichzeitig fasziniert und irritiert hatte. Auf dem Weg zur Toilette zwang mich eine enorm starke Wehe in die Knie. Ich dachte kurz was die Frauen im Wartezimmer sehen würden wäre die Türe jetzt offen – es wäre bestimmt schockierend. Eine halbnasse, halb angezogene Frau die schreiend und entkräftet neben zwei Hebammen in die Knie geht. Kevin war hinter uns und auf der Toilette erfasste mich eine so heftige Wehe dass das Baby beinahe in die Schüssel fiel. Jedenfalls dachten wir das, denn der Kopft kam bis zur Hälfte raus. Kevin hatte sich schon bereit gemacht das Baby aufzufangen. Die Hebamme meinte möglichst ruhig: “Gut, vielleicht gehen wir jetzt zurück ins Zimmer!” und ohne zu Pinkeln gingen wir wieder zurück (ich: “Haltet mich ja gut fest!”). Ich kniete mich vor dem Bett hin, Kevin war auf dem Bett und hielt meine Arme und Hände, was mir ermöglichte an einem Gegengewicht zu ziehen. Ich bewegte meine Hüften intuitiv in Kreisbewegungen und bei der nächsten Wehe war der Kopf wieder zur Hälfte draussen und blieb diesmal auch so. Ich fühlte wie mein Damm einriss. Ich sagte das der Hebamme und fragte ob man denn nichts machen kann. Sie meinte nein, das muss ich einfach aushalten (sie hatte zuvor heisse Heublumentücher an meinen Damm gehalten). Im Nachhinein bin ich so froh, dass ich nicht in einem Spital war, denn ich bin sicher in einigen von diesen Momenten wäre interveniert worden. Und dass  wollte ich ja eigentlich nicht, auch wenn ich mich aber nicht hätte wehren können, resp. vielleicht sogar gutgeheissen hätte. Ich erinnere mich daran, dass ich nach ein paar Stunden Presswehen jede Frau beneidete die per Kaiserschnitt “auschecken” kann. 
 
Bei der nächsten Wehe war der Kopf endlich komplett draussen. Die Hebamme fragte mich, ob ich nicht versuchen wollte gleich nochmal zu pressen da die Schulter schon fast draussen sei. Das tat ich sofort beherzt und die kleine Dame schwuppste raus. Welche Erleichterung!
 
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Ich blickte zwischen meine Beine (diese Aussicht werde ich nie mehr vergessen) und sah ein hüstelndes kleines Geschöpf. Sie weinte nicht einmal. Dafür lagen Kevin und ich uns weinend in den Armen während die Hebammen die Kleine versorgten. Es war Mittag 12 Uhr. Als ich sie zu mir nehmen wollte passierte beinahe noch ein kleines Missgeschick, denn die Nabelschnur war ja noch dran und ich verhedderte sie auf dem Weg zurück zu mir – sie musste wieder zwischen meinen Beinen hindurch in meine Arme.
Sie war von einer unvergesslichen, unendlich friedlichen Aura umgeben. Ihr zweiter Name ist Malou und heisst “mit Frieden” auf Hawaiianisch. Die Plazenta kam extrem schnell heraus. Die Hebamme meinte, das habe sie noch nie erlebt – kurz zupfen, eine Wehe und draussen war das Teil. Ich trank eine warme Schokolade die jedoch leider gleich wieder hochkam. 
Mir musste noch der Damm genäht werden, durfte aber die Kleine auf meinem Bauch behalten, was sich so gut anfühlte. Vom Mittagessen konnte ich noch nichts essen aber das Dessert werde ich nie vergessen: Erdbeeren mit Schlagsahne! Ich war in einem Glücksrausch und fühlte mich fantastisch. 
 
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Kevin schlief bereits in unserem wunderschönen Familienzimmer einen Stock höher, als ich mit der Kleinen hochkam. Ich war etwas heiser vom Schreien. Die nächsten vier Tage liessen wir uns von den liebevollen Hebammen und grossartigen Köchinnen verwöhnen und am Tag unserer Rückfahrt nach Hause (ein Sonntag) trugen die Bäume, die die Strasse säumten, rosarote Blüten.
 
Dann begann das Leben zu Hause.
 
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Vielen Dank liebe Veronique, dass Du Deine Geschichte mit uns teilst!
 

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Für unsere Serie “The Day that…” freuen wir uns über jede Mummy unter Euch, die einen Gastbeitrag schreiben und ihre Erlebnisse mit uns teilen möchte – Bei Interesse schreibt uns eine Nachricht an: info@mummy-mag.de

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