„Hast Du eigentlich immer noch keinen Mann?“
Ein ganz normaler Tag als Solo-Mama

Kind mit blauer Zunge Blaues eis Camilla hat vor einiger Zeit ein Wochenende ohne Mann alleine mit Kind verbracht und darauf hin, diesen Artikel geschrieben, einen der meist gelesenen ever. Weil das Thema Single-Eltern so wichtig ist, haben wir unsere Gast-Autorin Verena Schulemann alias MAMA BERLIN (lebt mit ihrem Sohn in Mitte) gebeten, uns und euch aus ihrem Alltag mit Kind zu erzählen …

Also eines mal vorneweg: Ob wir nun seit 25 Jahren den einen Ehering mit dem selben Datum am Finger tragen, vierfache Witwe oder nymphoman sind – Mama ist Mama und damit basta. 

Meine Meinung: Es gibt kein IDEALES Modell. ALLE MODELLE sind super (oder auch nicht). ABER DIE ÄUSSERE FORM ist bestimmt nicht entscheidend. Wichtig ist, dass es den Kindern gut geht. Also: Free your Mind. Macht Euch locker. Hört auf, alles auf Euch zu beziehen und mit dem Vergleichen. Was das Beste für Euch ist, könnt nur ihr wissen. Und es ist Euer Recht, dass auch mit allem Selbstbewusstsein zu leben. 

Für mich ist z.B. das Beste, hier und jetzt mit meinem Sohn alleinerziehend zu sein. Hatte ich jetzt so zwar nicht geplant, aber inzwischen gefällt’s mir richtig gut. Abgesehen davon ist doch eh alles im Fluss … 

Es gibt zwar viele, die stöhnen übers Alleinerziehendsein und es ist auch anstrengend, wie Vieles im Leben. Aber da ist dann auch immer die Möglichkeit mit dem halbvoll/halbleer.

Ich finde z.B., dass Alleinerziehende einfach mal per se, viel, viel stolzer auf sich sein sollten. Sie sollten sich eigentlich jeden Tag auf die Schultern klopfen, ihren Kindern beim Wachsen zuschauen und laut und deutlich in den Spiegel sprechen: Du bist ganz schön supergeil!!!

Klar, davon wird das Konto auch nicht wieder voll, der Stress und die Arbeit auch nicht weniger und der Ex auch nicht zahmer – aber am Ende kommt es doch eh nur darauf an, ob wir ein gutes Leben geführt haben, geliebt haben und geliebt wurden. Es ist tatsächlich so, ich weiß das, ich war schon einmal beinahe tot … 

So, was wollte ich eigentlich sagen? Ach, ja mein Alltag – es beginnt am sehr, sehr frühen Morgen: 

2.30 Uhr: „MAMA! MAMA! Wo bist Du…?“ Wie durch einen Nebel dringt ein Hähen und Spähen zu mir … Mein kleiner Sohn! Er braucht mich! Mein Muttertier wird schlagartig aktiviert, ich springe auf, ich spute in sein Zimmer. Er steht oben auf seinem Hochbett: „Darf ich in Dein Bett?“ Klar. Ich trag ihn rüber, er kuschelt sich an mich und schläft in nullkommanix ein. Die Mama nicht – also ich. Ich denke. An den nächsten Tag, ich muss noch … Und: Oh, Gott, wie soll ich das bloß alles schaffen?! 

5.30 Uhr: Mein Wecker klingelt. Soll das ein Witz sein? Ich bin doch erst vor einer Stunde eingeschlafen? Ich stelle auf 6.30 Uhr. Ach, was soll’s. Ich setze mich um 5.35 Uhr an den Schreibtisch und checke E-Mails. Früher Vogel usw. 

7.30 bis 7.45 Uhr: Sohn wacht langsam auf und will „Kuscheln, Mama“. Er kommt sonst nicht aus dem Bett. Harte Drohung. Im Anschluss gibt es eine Morgengeschichte und – ausnahmesweise – Frühstück im Bett, man gönnt sich ja sonst nix. 

morgenlektüre

8.30 Uhr: Anziehen. Kind spielt. Anziehen! Kind spielt weiter. ANZIEHEN!!!!!!! Kind hat die Ruhe weg. Ich rufe: „ICH HABE JETZT zum 10. Mal gesagt (rhetorisches Mittel der Übertreibung): ANZIEHEN. Das machst Du jetzt sofort. Sonst darfst Du eine Woche lang nicht Avocado essen!“ Kind: „Ich hasse Avocado.“ Mutter: „Das tut jetzt überhaupt nichts zur Sache. Anziehen!“ Kind zieht sich an. Na, also, geht doch! 

8.55 Uhr: Kind steht gestriegelt, zähnegeputzt, bekleidet, besohlt, bemützt und berucksackt im Flur. Auf in den Kindergarten! Moment: Wo ist mein Schlüssel …??

9.15 Uhr: Abschied an der Kita-Tür mit dem immergleichen Ritual, Küsschen und Tschüsstschüsstschüsstschüsstschüss … bis ich nicht mehr zu sehen bin. Was ist er für ein Goldstück!

9.30 bis 16 Uhr: Alles was geht und muss in die paar Stunden reinquetschen. Job, Blog, Haushalt, Freunde, Planung. Mein Plan ist übrigens: Es gibt keinen Plan.  Am liebsten sitze ich übrigens an diesem Platz in meinem kleine Gärtchen (fehlt nur noch die Sonne): 

gärtchen

12.45 Uhr: Ich treffe eine alte Bekannte im Coffee-Shop. Verheiratet, zwei Kinder. Hübsch, stylisch, immer lächelnd, naiv tuend – aber in Wirklichkeit eiskalt berechnend wie Adolf Eichmann (mindestens!): „Naaaaaaa … Wie geht es Dir? Hast Du eigentlich immer noch keinen Mann? Ist anstrengend, oder?! Aber dieser natürliche Look steht Dir übrigens total gut. Hast Du abgenommen? Du musst mal wieder was auf die Rippen kriegen …“ Nette Begrüßung, denke ich. Und kann meinen Mund einfach nicht halten: „Danke für die Komplimente. Das sind ja gleich drei auf einmal!“ Und: „Nein. So richtig Single bin ich eigentlich nicht mehr. Ich habe jetzt eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Und zwar mit Deinem!“ Sie guckt irritiert. Ich lache: „Ach, Quatsch, nee, war nur ein Scherz. Du, ich muss weiter!“ Yo, East-Coast West-Coast rivalry.

14.32 Uhr: Ich lese einen Artikel über Alleinerziehende in Deutschland. Sie und ihre Kinder gehören zur größten Armutsrisiko-Gruppe. Klasse. Schuld ist das Estäblischment. Vielleicht mal Steuererleichterungen einführen, Kinderbetreuung flexibler gestalten, aber vor allem einfach mal die Vorurteile abbauen und uns einfach arbeiten lassen. Wir sind alleinerziehend – nicht geistig minderbemittelt. Wir haben bloß Kinder, nicht die Pocken! 

16 Uhr: Kind wieder abholen. Total verdreckt liegt er im Kitagarten und ist überglücklich. „Mama, ich habe ein Mikroskop gebaut!“ Er zeigt auf einen Haufen Steine. „Super! Das hast Du ganz, ganz toll gemacht.“ Kind ist überglücklich! Hach, was bin ich für eine liebevolle Mutter. 

16.15 Uhr: MAMA-DARF-ICH-ZEIT: Mama, darf ich ein Eis? Darf ich ein Überraschungsei, Gummibärchen, ein kleines Lego-Paket, ein mittelgroßes Lego-Paket, ein großes Lego-Paket, ein Trampolin, ein Pferd??? Moment mal. NEIN! Natürlich nicht!!! Na, gut, ein Eis. 

16.45 Uhr: ICH werde eingeladen! Zum Cappuccino mit Herz. Unsere Kinder spielen gemeinsam im Park und kichern! Die Sonne scheint. Freunde ziehen vorbei, bleiben stehen, wir quatschen. Ich fühl‘ mich wie im Urlaub.

Solo Mama capuccino mit Herz

17.45 Uhr: Bio-Supermarkt auf der Brunnen. Schnell noch Milch, Brot, Eier … „Macht dann 46,78 Euro!“ Oh, äh, kann ich auch mit Kreditkarte …?! Mein Sohn geht unterdessen seinem Nebenjob als Schiedsrichter beim Tennis am Rosenthaler Platz nach. Als ich wiederkomme, steht es 15:Love – für die Straßenbahn!

Solo Mama Tennis

19.30 Uhr: Kind steht gebadet und im Schlafanzug im Flur: „Ist heute Filmtag?“ (Dienstag und Donnerstag). Okay, Film (Fritz Fuchs) und – ausnahmesweise – Abendbrot im Bett, man gönnt sich ja sonst nix. Ansonsten bekommen mein Sohn und ich oft abends überraschend Besuch, dann sieht das so aus … 

Abendbrotstisch

21.30 Uhr: Kind schläft, Mama liegt auch schon daneben … Heute lese ich mal endlich weiter. Auf Seite zwei fangen die Buchstaben an zu tanzen. „Alice, haben, zwei Stunden, Nein, Büro, kann doch nicht, Kaffee …“ Ich schrecke hoch! Huch, bin ich überm Buch eingeschlafen?! Was soll’s. Viel Schlaf macht schön. Und dann klappt’s auch mit den Männern … ; ) 

 

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Teaser_Verena  

Verena (41) hat schon viel erlebt und mindestens genau so viel geschrieben. Mit 21 Jahren landete sie in der BILD-Bundesredaktion, machte ein Volontariat (Axel Springer Journalistenschule) und wurde anschließend Deutschlands jüngste BILD-Redakteurin. 2007 wechselte sie zu den digitalen Medien, wurde erst Nachrichtenredakteurin, später Text-Chefin bei BILD.de. Seit 2009 ist Verenas vielschichtiges Leben vollkommen, sie arbeitet und ist Mutter. Auf MAMABERLIN.org und neuerdings auch auf mummy-mag.de schreibt sie kritisch süffisant. 

 

 

 

3 Gedanken zu „„Hast Du eigentlich immer noch keinen Mann?“
Ein ganz normaler Tag als Solo-Mama

  1. Großartig liebe Verena!

    Denn Trick mit der Avocado kannte ich noch nicht. Werde ich mir merken.

    Die Passage mit dem verheirateten Mann ist klasse, und nicht abwegig!
    Frage: „Hast Du noch immer keine Mann?“
    Antwort:“ Doch, aber keinen, den ich mit versorgen muss.“

    „Wir haben nur Kinder, nicht die Pocken.“ KÖSTLICH!!!!!!

    Hat Spaß gemacht zu lesen.
    WEITER SO!

    LG

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