“On the surface of things”
Daddy von Sternenkindern

Marco Starcks Sternenkind Marco Starck ist etwas Unfassbares passiert. Etwas unfassbar Trauriges. Er hat mit seiner damaligen Freundin drei Babys hintereinander noch im Mutterleib verloren. Eines davon, Liara, in der 33. Schwangerschaftswoche. Das Reden über den Verlust hat ihm geholfen, mit dem Schmerz umzugehen. Viel besser als wir, kann er also in Worte fassen, was genau passiert ist…

Marco, wir können das nicht beschreiben, kannst du uns deine Geschichte erzählen?
Ich möchte die zweite Schwangerschaft genauer erklären, die erste war ein Abgang in der 12. Woche.
Es war Schwangerschaftswoche 32. Obwohl wir immer überzeugt waren, dass wir nicht viel brauchen bevor unsere Tochter zur Welt kommt, hatten wir die wichtigsten Sachen für die Kleine schon im Zimmer stehen. Bett, Wickelkommode, ein paar Sachen zum Anziehen und Kinderwagen…. Eine letzte Routineuntersuchung mit Ultraschall. Völlig unerwartet wurden Auffälligkeiten im Kopf unserer Tochter festgestellt. Der Frauenarzt schickte uns zur Sicherheit zu einem Kollegen mit besserer Ultraschalldiagnostik (DEGUM). Wir wurden unruhig und die Tage zwischen den beiden Terminen waren unerträglich. Bei der zweiten Untersuchung stellt der Frauenarzt eine schlimme Krankheit fest. Verdacht auf Holoprosenzephalie. Es herrschte völlige Verzweiflung und Angst. Wir wurden nochmals zur Sicherheit nach Bonn in die Uniklinik Bonn überwiesen, um mit Ultraschall DEGUM III in den Kopf unserer Tochter zu schauen. Mit großer Hoffnung und zugleich völliger Verzweiflung fuhren wir in die Uniklinik nach Bonn und warteten bis wir endlich zum Ultraschall gerufen wurden. Die Schreckensdiagnose wurde bestätigt. Fehlbildungen am Gehirn unserer kleinen Tochter, Holoprosenzephalie vom Interhämisphärentyp. Es war als würde jemand mit dem Messer direkt ins Herz stechen. Die Achterbahn der Gefühle endete in Angst, Leere, Traurigkeit und völliger Verzweiflung. Wir entschieden uns dafür, unsere Tochter von ihrer schlimmen Krankheit zu erlösen und verbrachten die letzten 3 Tage vor der geplanten Geburt Zuhause, um Abschied zu nehmen. Diesen Gefühlszustand kann ich nicht in Worte fassen. Wir mussten unsere Tochter tot auf die Welt bringen. Mit einer ganz natürlichen Geburt, eingeleitet durch Tabletten, mit 24 Std. Wehen… und am Ende einem Engel im Arm. Bei der dritten Schwangerschaft wurde die gleiche Diagnose in der 18. Woche festgestellt.

 Wie habt ihr das durchgestanden?
Diese Frage habe ich mir oft gestellt und komme heute zu der Antwort, dass der Mensch in solchen Situationen einfach nur funktioniert oder eben auch nicht. Es ist ein langer Weg, zu lernen, mit diesem Schmerz umzugehen. Wir haben immer mit Freunden und Familie darüber geredet und waren füreinander da. Weil wir sehr naturverbunden sind, haben wir Liara auf einem Waldfriedhof, dem Friedwald, beerdigt. Eine lange Reise mit dem Bus durch Europa war auch ein Teil des Trauerpozesses – eine Art Seelenweg, der uns geholfen hat, wieder Kräfte zu sammeln. 
Für mich war es wichtig, von Anfang an darüber reden, das war mein Ventil und meine Art zu trauern. Ein allgemeingültiges Rezept, wie man trauert, gibt es glaube ich nicht, aber ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch seinen Rucksack mit Problemen hat und Trauer, Schmerz und Leid die Menschen zusammenbringt. Man teilt sein eigenes Leid mit anderen und man sollte jeden seinen eigenen Trauerprozess durchleben lassen und sich auch nicht scheuen, professionelle Hilfe zu nehmen. Es auch mal zulassen, traurig zu sein. Denn mit jeder Träne kommt ein Stück Liebe zurück.

Wie verliefen die Schwangerschaften?
Die Schwangerschaften verliefen bis zur Diagnose immer gut. Es war eigentlich immer alles gut, so schien es zumindest.

Welche Hinweise gab es?
Es gab keine Hinweise auf die Krankheit. Nachdem man wusste, dass man sich den Kopf des Embryos genauer anschauen muss, konnte man gezielt nach den Fehlbildungen schauen. Genetische Untersuchungen wurden auch bei uns vorgenommen, welche zu keiner Diagnose führten.

Was hat euch dabei geholfen, weiter zu machen?
Nach diesen Rückschlägen mit den Schwangerschaften gab es leider erneute Trauerfälle in der Familie. Innerhalb von 3 Jahren ist viel passiert, dennoch haben wir immer versucht, optimistisch durchs Leben zu gehen und haben immer versucht einen Sinn darin zu sehen. Es war uns immer wichtig, wieder positive Energie zu finden. Das klappt mal mehr, mal weniger. Mir hat es geholfen, dass es sehr viel Leid, Armut und Trauer auf dieser Erde gibt. Aufenthalte wie z.B. In indischen Waisenhäusern haben mir dabei geholfen, mein eigenes Leid zu relativieren.

Gab es einen absoluten Tiefpunkt?
Den absoluten Tiefpunkt als solches gab es nicht. Die gesamte Zeit war eine große Herausforderung. Trotzdem haben wir immer versucht nach vorne zu schauen und das Beste aus diesen schlimmen Situationen zu machen. Das Leben besteht nicht nur aus Höhepunkten, man sollte auch mit Tiefpunkten umgehen können.

Was hat diese Erfahrung mit Euch persönlich gemacht?
Wir haben durch diesen Trauerprozess vieles gelernt. Der Mensch ist zu wesentlich mehr fähig als man glaubt. Auch wenn es um negative Momente geht. Wenn man es schafft, die innere negativ befleckte Lampe wieder in die positive Richtung zu lenken, können wir sehr viel erreichen und wieder diese wundervolle Lebensenergie genießen. 
Nach diesem Rückschlägen gab es sehr viele Veränderungen in meinem privaten und beruflichen Umfeld. Für mich war es wichtig, eine große Veränderung vorzunehmen und somit Beziehung, Beruf und Wohnort zu verändern. Wir sind heute nicht mehr zusammen. Uns wird diese Zeit aber für immer verbinden, dafür bin ich dankbar.

 Welche Unterstützung hattet ihr in dieser schweren Zeit?
Wir haben einen sehr guten und intensiven Freundes- und Familienkreis, die uns immer wieder aufs Neue zugehört haben, mit uns geweint und gelacht haben und uns immer zur Seite standen, wenn es uns nicht gut ging. Ein sehr emotionaler und großartiger Moment war, als mich mein Freund fragte, ob ich Pate seiner Tochter sein möchte. Ich werde diesen Moment niemals vergessen. Mir die Verantwortung und das Vertrauen zu geben war ein wundervolles Gefühl.
Die Momente des Glückes gab es oft und haben uns geholfen wieder die Sonne in unser Herz zu lassen. Die Sonne ist seitdem mein allgegenwärtiger positiver Begleiter, denn sie ist immer präsent, auch wenn man sie mal nicht sieht. Zu der privaten Unterstützung war ich regelmäßig in einer Praxis für Ayurvedamedizin und Naturheilverfahren. Ruhe für den Geist und Raum für die Seele war für mich das Erfolgsrezept und hat mich wieder in die richtige Richtung gelenkt.

Wie geht ihr mit eurer Trauer und dem Verlust um?
Wir gehen offen damit um. Ich stelle sehr oft fest, dass es für andere Menschen nicht einfach ist, wenn ich so offen damit umgehe. Es ist nicht meine Absicht, damit Mitleid zu erzeugen, sondern zu zeigen, dass das Leben nicht immer eine Wolke ist und dass es dazugehört Tiefpunkte zu erleben. Einen Spruch, den ich mir an eine Körperstelle tätowieren lassen möchte: on the surface of things. Das bedeutet für mich, dass die Fassade des Menschen nicht immer das wahre Gesicht der inneren Seele wiederspiegelt. Ich möchte mehr über den Menschen wissen, als nur die Oberfläche.

Wie hast du dich verändert?
Ich habe gelernt mit Leid, Trauer, Tod und Problemen viel besser umzugehen. Meine Mum hat immer gesagt, du lachst, pfeifst und singst schon sehr lange nicht mehr. Ich möchte dich wieder lachen sehen, ich möchte meinen Sohn wieder glücklich sehen. Das hat mich immer wieder bestärkt nach vorne zu schauen und glücklich und zufrieden zu sein. Ich war mir sicher, dass dieser Zustand wieder kommt und habe es gefühlt und immer daran geglaubt. Es gibt auf der Welt so viel Leid, dass es für mich auch immer wichtig war mein eigenes Leid zu relativieren bzw. zu teilen.

Und wie haben sich die Vorfälle auf dein Leben ausgewirkt?
Vor einiger Zeit habe ich meinen Job in einer Festanstellung aufgegeben und war danach erst einmal sehr viel auf Reisen. In dieser Zeit ist mein Bruder mit einem Fahrrad 18.000 km in der Welt rumgefahren, hat seine Reise gefilmt und mittlerweile als erfolgreichste Dokumentation in den Kinos gezeigt. Nach meinem beruflichen Austritt hatte ich eine sehr intensive Zeit mit meinem Bruder. Wir waren Tag und Nacht zusammen, in den Kinos, Filmstudios und bei Radiosendern unterwegs und haben den Film „Pedal The World“ erfolgreich vermarktet.
Unsere brüderliche und freundschaftliche Beziehung wurde dadurch noch intensiver und wir hatten eine wundervolle Zeit zusammen. Wir haben zusammen in Berlin gewohnt und verbrachten viel Zeit uns mit neuen Projekten zu beschäftigen. Vor ein paar Monaten habe ich www.seisolieb.de gegründet. Der Grundstein ist gelegt und die erste Idee in Form einer Internetplattform wurde bereits umgesetzt. Eine Online Plattform für ausgewählte Produkte, bei denen Natur, Ökologie und Ästhetik im Vordergrund stehen. Jedes einzelne Produkt wird mit Sorgfalt ausgewählt, denn nicht nur die Ausstrahlung muss stimmen – auch Herkunft und Produktionsweise zählt. Ich möchte meine Erfahrungen auch in Form von seisolieb.de weitergeben und zeigen, dass der zweite Blick oft der wichtigere ist. Es gibt noch ganz viele Ideen, die wir mir der Denkweise von seisolieb.de umzusetzen wollen. Ich bin zuversichtlich und extrem motiviert an neuen Projekten zu arbeiten. Bewusstsein, Achtsamkeit und Entschleunigung spielen hierbei eine wichtige Rolle.

Die Ereignisse sind jetzt drei Jahre her. Wie geht es dir heute? 
Ich lache, pfeife und singe wieder. Das sagt doch alles, oder?

Wir danken dir, Marco, dass du deine traurige Geschichte mit uns teilst und so hilfst, anderen Mut zu machen bzw. uns vor Augen hältst, was wir an gesunden Kindern haben…

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2 Gedanken zu „“On the surface of things”
Daddy von Sternenkindern

  1. Dass Du Deinen Kindern, die nur diesen kurzen Weg mit Euch gegangen sind eine Stimme gibst und sie nicht verschweigst ist so tapfer und wundervoll. Ich wünsche mir, dass jeder der Eure Geschichte hört sich einmal mehr bewusst macht wie glücklich man ist mit dem Geschenk des Lebens.

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