The day that… Jannes Lou was born

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“Stellt Euch vor, ihr würdet einen ganz großen Haufen machen. So in etwa fühlt sich die Geburt an.” Hm, naja, nicht wirklich. Zumindest nicht bei unserer heutigen Gast-Mummy Sanya, die uns eine unglaublich detaillierte und spannende Geburtsgeschichte aufgeschrieben hat – die übrigens mir einem 4-Minuten-Not-Kaiserschnitt endete. Halt so unvorhersehbar, wie es manchmal einfach ist. Und am Ende ist ein gesundes Kind einfach immer die größte Belohnung! 

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“In meiner Schwangerschaft habe ich mit Begeisterung alle Geburtsgeschichten vom Mummy Mag gelesen. Irgendwie auch in der naiven Annahme, diese facettenhaften Erzählungen könnten mich ein bisschen mehr auf das vorbereiten, was mich mit dem Einsetzen der Wehen erwartet. Rückblickend weiß ich: Nichts und niemand kann einen wirklich vorbereiten. Am allerwenigsten die liebe, junge Hebamme aus unserem Geburtsvorbereitungskurs, die tatsächlich meinte: „Stellt euch vor, ihr würdet einen ganz großen Haufen machen. So in etwa fühlt sich die Geburt an.“ Ähhm – definitv NEIN. Oder die Arme hat wirklich schlimme Verdauungs-probleme. 

Einen Tag nach unserem errechneten Geburtstermin ging es mir immer noch blendend; wenn man von der Dauermüdigkeit und den Wurstfingern/Elefantenfüßen absieht. 

15.01.2016
Meine Familie kommt zum Kaffee-Kuchen-Date und ich denke nur: Irgendwie sind die Rückenschmerzen ganz schön nervig und werden immer stärker. Es ist Freitagabend und als mein Mann völlig erledigt von anstrengenden Arbeitswochen und -wochenenden, dazu noch gesundheitlich angeschlagen, nach Hause kommt, freut er sich nur noch auf ein Glas Wein und viel Schlaf. Zu Letzterem kommt es dann leider nicht mehr. Meine Rückenschmerzen pieksen jetzt ganz gezielt im unteren Rückenbereich, so dass ich am liebsten eine Schmerztablette nehmen würde. Als ich mich schlafen legen will, in der Hoffnung die Entspannung hilft, piekst es nur stärker. Also zurück ins Wohnzimmer auf dem Petzi-Ball hopsen. Dann plötzlich die Erkenntnis: Das könnten auch Wehen sein. Und jetzt piekst es nicht mehr, sondern sticht. Und jetzt auch noch rhythmisch. Wie war das noch? Zeitabstände messen? Wenn unter 5 Minuten, dann in die Klinik fahren?! Alle 7 Minuten, alle 6 Minuten, alle 5 Minuten!!! (Muss ich jetzt sofort los?) Alle 4 Minuten. Ich wecke den Liebsten, der noch kein Auge zugemacht hat und dem es gar nicht gut geht. Verständnis sieht anders aus: „Ruf doch erst einmal im Krankenhaus an, ob wir jetzt überhaupt schon los müssen.“ Ähm, Danke. Es geht vielleicht gerade los und gleich kommt unser Baby, aber ich telefoniere jetzt erst einmal rum. In der Klinik geht eh keiner dran und ich motze den Mann an, dass wir jetzt losfahren müssen und wenn er nicht kommt, nehm’ ich mir ein Taxi.  

Es ist 23:30 Uhr und auf der Autofahrt ins Krankenhaus habe ich richtige Schmerzen. Wenn auch im Rücken, fühlen sich die Schmerzen jetzt wirklich nach Wehen an. Ein bisschen so, als würde jemand dort eine Nadel reinstechen.  

Wir werden aufgenommen, kommen direkt in den Kreissaal, ich werde ans CTG angeschlossen und dann heißt es erst einmal ‘Waaaarten’. Ich versuche mich an die Atemtechniken zu erinnern, um den Schmerz einfach wegzuatmen. Klappt nicht, gibt mir aber das Gefühl irgendetwas zu tun und mein Mann muss mir die Schmerzstelle am Rücken massieren – das hilft tatsächlich. Die Hebamme erklärt uns, dass die Wehen jetzt zwar häufig kommen, aber noch viel zu schwach sind und es wahrscheinlich noch lange dauern wird. Ich höre nur „schwache Wehen“ und traue mir nicht vorzustellen, was starke Wehen sein sollen. Ich betone noch einmal, dass ich auf jeden Fall eine PDA will. Nicht dass das hier aus irgendeinem Grund vergessen wird. 

Wir hätten eigentlich wieder nach Hause gekonnt, aber weil bei mir in der letzten Kontrolluntersuchung B-Streptokokken festgestellt wurden, ist eine Antibiotika-Prophylaxe unter der Geburt notwendig, deshalb bleiben wir. 

16.01.2016
Wir vertreiben uns irgendwie die Zeit mit Atmen, fiesen, schmerzenden Wehen, Massieren, draußen in Babyschritten Spazieren gehen und Wehen abwarten (inklusive magischen Moment: es fällt plötzlich das erste Mal Schnee!), Hebammen-Kontrollen und mit den Wehen tut sich auch langsam was beim Muttermund. Trotz Schmerzen und Erschöpfung denke ich ganz euphorisch: Das läuft super! Nicht mehr lange und unser Sohn ist da. 

Aber nach 14 Stunden sind die Wehen für mich nicht mehr gut auszuhalten. Ich brauche wirklich eine Pause. Die PDA soll gelegt werden und mir Erleichterung verschaffen. Der Moment, in dem die Nadel gesetzt wird, ist aber gar nicht so easy peasy: Ich muss unter den Wehen unbedingt ganz still halten. Wie soll das bitte gehen?! Und wenn das nicht klappt, bin ich dann etwa gelähmt?! Die PDA ist gesetzt, ich bin noch die Alte, aber die Anspannung muss sich Raum verschaffen und ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Meinen Mann nimmt das sichtlich mit, aber er versucht sich nichts anmerken zu lassen und für mich da zu sein. Ich bin einfach nur froh, ihn an meiner Seite zu wissen und nicht alleine zu sein. „Gemeinsam schaffen wir das – es wird schon alles gut gehen“, sagen, denken und fühlen wir.

Ich warte auf Schmerzerleichterung, aber es tut sich nichts. Ich soll mich auf die Seite drehen, aber dann schmerzt es einfach noch auf einer Seite weiter. Also muss die Anästhesistin noch mal her und die Nadel neu platzieren. Eine zweite Runde angstvolle Anspannung und Wehenschmerz. Danach gibt es eeeeendlich Erleichterung und um 15 Uhr fallen wir in einen kurzen, unruhigen Schlaf. Einmal durchatmen bevor es weiter geht. Der Nachteil der PDA: Man muss an den Wehentropf, um die Geburt am Laufen zu halten. Das Empfinden für Schmerz ist sicherlich total individuell und vielleicht bin ich auch einfach sehr empfindsam, aber mit einem Paukenschlag sind die Wehen zurück und zwar heftig. Mein Körper hat soweit alles vorbereitet. Baby nach unten drücken – check. Wehen ankurbeln – check. Muttermund weit genug öffnen – check. Baby ins kleine Becken drücken – klappt irgendwie nicht. Warum denn nur? Alle Zeichen stehen gut, aber der kleine Mann rutscht einfach nicht weiter runter.

Ich habe solche Schmerzen, dass ich mich zwischenzeitlich frage, wie lange ich das noch aushalten kann? Immer wieder rät mir die Hebamme zu neuen Positionen und Manövern, die es aber nur schlimmer machen. Ich bin zwar nicht völlig unbeweglich, weil die Dosierung der PDA über einen Knopf von mir gesteuert werden kann, aber laufen kann ich nicht mehr. Das Bett ist daher jetzt der Ort des Geschehens und ich wende und drehe mich hin und her. Zwischendurch sitzen, kurz stehen und am Tuch oder am Mann festhalten. Ich merke selbst gar nicht mehr, wie laut ich schreie. Oh man – genau diese Vorstellung ist mir vorher immer unangenehm gewesen und hat mich genauso beschäftigt, wie die Frage nach dem perfekten Kreissaal-Outfit. Ich wollte bloß nicht die ganze Zeit halbnackt rumrennen. Jetzt schreie und stöhne ich und trage einen OP-Kittel, der am Rücken offen ist  – natürlich ohne etwas drunter.  

Mein Mann fragt nach stärkeren Schmerzmitteln für mich, die man jetzt aber wohl nicht mehr geben kann. Und über die Paracetamol, die ich dann bekomme, kann ich nur müde lächeln. Da hätten sie mir auch Traubenzucker geben können. Unsere inzwischen dritte Hebamme rollt eine große Flasche mit Maske und Schlauch an mein Bett. Ich atme jetzt Lachgas ein, was mir helfen soll weiter durchzuhalten und mich in den Wehenpausen zu entspannen. Aber meine Wehen sind inzwischen so hochfrequent, dass es schon lange keine Wehenpausen mehr gibt. Das CTG zeigt nur noch starke und sehr, sehr starke Wehen an. Mein Mann erzählt mir später, dass ich in den weniger starken Wehenzeiten einfach kurz weggedämmert bin. Ich fühle mich wie auf Drogen, die den Kopf benebeln und wahnsinnigen Durst machen, aber diese Messerstiche im Rücken, die spüre ich leider immer noch. Ich will den Kaiserschnitt – JETZT SOFORT! Oder jemand muss mich k.o. schlagen. Ist mir alles recht, Hauptsache der kleine Mann kommt jetzt endlich raus. 

Es ist Schichtwechsel und plötzlich ist der Raum voller Menschen: Drei Hebammen, eine Oberärztin und ein Arzt sollen unserem kleinen Jannes jetzt auf die Welt helfen. Super ambitioniert, soll dass auch noch natürlich zu schaffen sein. Die Oberärztin macht mir Hoffnung und meint: „Wir drücken von oben auf den Bauch, um Ihr Baby zu bewegen. Dann noch drei starke Presswehen und der Kleine ist da!“ Okay, das schaffe ich. Auf den letzten Metern mobilisiere ich alle meine Kräfte und habe das Gefühl, außer meinen Gesichtsmuskeln, gar nichts mehr anspannen zu können. Ist er jetzt da und ich habe einfach nichts gespürt? Nein – es tut sich wieder mal nichts. Die Saugglocke wird rausgeholt und in Position gebracht – zum Glück sehe ich sie nicht oder habe den Anblick verdrängt – der Arzt drückt dabei auf meinen Bauch, irgendwer hält mich im Kreuzgriff und gibt mir kasernenreife Kommandos zum Pressen. Es gibt ein lautes PLOPP, die Saugglocke rutscht ab und gleichzeitig auch die Herztöne unseres Babys. Ich höre im Delirium nur Notsectio; spüre wie ich auf eine Trage gehievt und weggefahren werde. Mein Mann ruft: „Ich bin da. Ich bin bei dir.“ Ich will antworten, aber es kommen irgendwie keine Worte aus meinem Mund. Plötzlich ist es gleißend hell. Jemand fragt mich, welche Armbänder man an meinem Arm durchschneiden könne. „Nich das goldene…“ kann ich noch nuscheln. Gleichzeitig wird eine kühle Flüssigkeit über mich geschüttet, eine Maske aufs Gesicht gesetzt und ich bin weg. 

Als ich wieder zu mir komme, liege ich in einem ruhigen Raum. Keine Schmerzen, immer noch ein bisschen Delirium, aber da ist mein Mann – meine große Liebe – er legt mir ein Bündel mit dunklen Haaren in den Arm. Ich kann nach der Vollnarkose noch nicht richtig sehen, besonders nicht nah. Alles ist so verschwommen, dass ich unser Baby nicht erkennen kann. Also macht mein Mann ein Foto von ihm und hält mir das Handy im richtigen Abstand vors Gesicht: Ich heule sofort los. Vor Glück, Erleichterung und so viel Liebe. Unser Schatz hat es gesund auf die Welt geschafft und egal was es gekostet hat, wir sind beide unendlich dankbar und einfach nur glücklich. Jannes Lou, 3960 g, 56 cm, 16.01.2016, 22:11 Uhr, steht in seinem kleinen Babypass – neben dem wirklich großen Fußabdruck. 

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Es war nervenaufreibend, verrückt und super anstrengend. Das Heftigste, was wir je zusammen erlebt haben. Mein Mann hat mindestens genauso gelitten wie ich und die Zeit des Wartens, als ich im OP lag und er nicht wusste, ob es uns gut geht, die war zermürbend. Heute sind wir einfach super glücklich, dass alles gut gegangen ist und wir in einem Land leben, in dem die Geburtshilfe so weit entwickelt ist, dass ein Notfall-Kaiserschnitt vom Ausruf bis zur Entbindung in nur 4 Minuten möglich ist. Bis auf eine kurze Beatmung, hat unser kleiner Mann nichts benötigt und es ging ihm gut. Dass mein Becken zu eng und zu spitz für seinen kleinen Brummschädel ist, konnte keiner vorher erkennen, deshalb war der Kaiserschnitt der einzig mögliche Weg – auch wenn ich mir eine natürliche Geburt gewünscht hätte.

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Wie viel ist mir vor der Entbindung im Kopf herumgeschwirrt. Was für abstruse, unnötige, unwichtige Fragen und Sorgen. Heute weiß ich: Ein gesundes Kind ist das größte Glück! – und jemand, der bei all den Strapazen an deiner Seite steht. Danke, Schatz!”

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Vielen Dank liebe Sanya für diesen tollen Bericht. Es ist Wahnsinn, an wie viele Details Du dich erinnern kannst – und wir sind Dir sehr dankbar, dass Du die Geschichte für uns aufgeschrieben hast!

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