Ihr wollt weiterhin
mit einer Hebamme gebären?
Das könnt ihr dafür tun…

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Seit Jahren wird in Deutschland an den vermeintlichen Stellschrauben für steigende Geburtenraten gedreht. Kindergeld hier, Betreuungsgeld da. Das Elterngeld hat dieses Jahr 10-jährigen Geburtstag und in Berlin, da wurde jüngst sogar der Elternbeitrag für die Kitabetreuung abgeschafft. Ein Schlaraffenland für Familien, könnte man meinen. Doch im Schlaraffenland wird es bald an einem fehlen: Den Frauen, die helfen, die ganzen gewünschten Babies auf die Welt zu begleiten. Den Hebammen. Eigentlich hat jede Schwangere einen gesetzlich garantierten Anspruch auf Unterstützung durch eine Hebamme. Hahaha. Wenn das so wunderbar funktioniert wie beim garantierten Kita-Platz, na dann, gute Nacht Deutschland…

Hebammen sind Zauberinnen, sie vereinen eine Vielzahl an Fähigkeiten in sich. Sie sind Medizinerinnen, Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen, brauchen Einfühlungsvermögen und Organisationstalent. Beleghebammen begleiten Frauen nicht nur in der Schwangerschaft und im Wochenbett, sondern auch durchgehend während der Geburt. Sie wechseln sich also  – im Vergleich zu anderen Hebammen – nicht schichtweise mit anderen Kolleginnen ab. Durch die 1:1 Betreuung – auch schon Wochen und Monate im Voraus – ist es möglich, ein besonderes Vertrauensverhältnis aufzubauen, was der werdenden Mutter die Sicherheit geben kann, ihr Kind aus eigener Kraft zu gebären. 

Hebammen sind also DIE Fachfrauen rund um die Schwangerschaft, Geburt und das Wochenbett – und deshalb auch bei uns schon das eine oder andere Mal zu Wort gekommen: Nancy Stone, die von der Klinik ins Geburtshaus gewechselt ist, in unserem allerersten MUMMY MAG Paper S.29, dann Sissi Rasche, die Camilla und mich so liebevoll betreut hat und dies immer noch tut, und hier noch eine Hebamme mehr!

Warum Hebammen ihren Job aufgeben – und warum das auch unser Problem ist

Schon jetzt finden Schwangere an vielen Orten keine Hebamme und erst recht keine Beleghebamme mehr, die sie durchgehend während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett betreut. Viele Hebammen sind Monate im Voraus ausgebucht.  

„Bereits mit dem positiven Schwangerschaftstest in den Händen kontaktieren mich Frauen, mit dem Wunsch von einer Beleghebamme betreut zu werden. Aktuell muss ich täglich circa 5 Frauen ablehnen, da ich keinerlei Kapazitäten mehr habe.“ sagt Christiane Hammerl, freiberufliche Beleghebamme am Vivantes Klinikum in Berlin-Friedrichshain.

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Das rät Christiane Hammerl, um eine Hebamme zu finden

  • Man kann online die eigene Unterversorgung melden
  • Es gibt einen telefonischen Hebammenservice „call a midwife“ – muss privat bezahlt werden, leider.
  • Die Hebammenkolleginnen in der Klinik sind auch sehr gut und machen einen echt großartigen Job, trotz extremer Belastungen. Eine 1:1 Betreuung können die festangestellten Hebammen jedoch nicht immer bieten, da die Hebammen dort meist mehrere Frauen zeitgleich begleiten.

Es gibt also festangestellte und freiberufliche Hebammen. 
Für die 60% freiberuflichen Hebammen in Deutschland, zu denen auch die Beleghebammen zählen, gestaltet sich die Lage aus zwei Gründen so kompliziert:

  • Ihre Haftpflicht-Versicherungsbeiträge steigen.
  • Die Anzahl der von ihnen betreuten Geburten soll eingeschränkt werden.

„Wir freiberuflichen Hebammen müssen uns im Gegensatz zu den festangestellten Hebammen selbst Haftpflicht versichern. Durch die horrenden Haftpflichtbeiträge wird es für viele Hebammen unattraktiv bzw. fast unmöglich als freiberufliche Hebammen zu arbeiten – gerade in ländlichen Gegenden, wo die Nachfrage weniger hoch ist als in Ballungsräumen. Ich kann den hohen Versicherungsbeitrag durch eine hohe Anzahl an zu betreuenden Frauen wieder ausgleichen, noch.“ sagt Christiane. 

Gut zu wissen: Viele der Hebammen, die in Kliniken arbeiten, sind meistens zusätzlich noch freiberuflich tätig, zum Beispiel in der Wochenbettbetreuung oder mit Kursen. Alle freiberuflichen Hebammen sind von den exorbitant steigenden Prämien der Berufshaftpflichtversicherung betroffen. 

Von 2002 bis 2016 haben sich die Haftpflichtversicherungsprämien mehr als verzehnfacht. Inzwischen muss eine Hebamme, die freiberuflich Geburtshilfe anbietet, über 6.800 Euro im Jahr nur für ihre Berufshaftpflichtversicherung bezahlen. Dabei ist es egal, ob sie als Hausgeburts- oder Geburtshaushebamme oder als Hebamme auf dem Land vielleicht nur wenige Geburten im Jahr begleitet oder ob sie als sogenannte Beleghebamme im Krankenhaus arbeitet und dort vielleicht auch viele Geburten betreut. Die freiberuflichen Hebammen, die viele Geburten betreuen, können sich die hohen Berufshaftpflichkosten natürlich eher leisten – und manchmal zahlt auch die Klinik wie z.B. das Vivantes Klinikum in Friedrichshain ihren Beleghebammen etwas dazu.

Warum die Prämien für die Versicherung steigen

Man könnte annehmen, dass die Haftpflichtprämien steigen, weil es mehr geburtshilfliche Schadensfälle gibt, für die Hebammen verantwortlich sind. Das ist laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft nicht der Fall. Dafür sind jedoch die Ausgaben für schwere Schäden drastisch gestiegen, und zwar bei allen Geburten, nicht nur bei außerklinischen.

Sprich, der Grund für die hohen Versicherungsbeiträge ist nicht die Anzahl der Schadensfälle, sondern die Höhe der Schadensersatzansprüche und die Dauer der Zahlungen. 

Das liegt zum einen daran, dass auch schwer behinderte Kinder dank des verbesserten medizinischen Fortschritts heute länger leben und somit die Kosten für ihren Lebensunterhalt gestiegen sind. Zum anderen sind auch Schadensersatzansprüche in die Höhe geschnellt. Während 2003 noch davon ausgegangen wurde, dass 2,5 Millionen € für die Regulierung eines Schadens ausreichen, deckt die DHV-Versicherung heute schon 6 Millionen € ab.*

Wenn nun die Gruppe der Versicherungsnehmer, also der freiberuflichen Hebammen, immer mehr abnimmt, muss diese kleine Gruppe allein für die im Einzelfall sehr teuren Schäden in der Geburtshilfe aufkommen.

Was durch die Forderungen des GKV (Verband gesetzlicher Krankenkassen) noch erschwerend hinzu kommt

Aktuell planen die gesetzlichen Krankenkassen weitreichende Änderungen der Vergütung sowie der Leistungsmenge von Beleghebammen in der Geburtshilfe. Diese können die Existenz von Beleghebammen in Kliniken bedrohen, da die Gehaltsanpassungen mit einer Bedingung einhergehen: Angestellte Hebammen in Kliniken können drei bis fünf Mütter gleichzeitig betreuen, die freien Hebammen sollen künftig nur noch zwei Frauen gleichzeitig bei der Geburt begleiten können – unabhängig von den verschiedenen Phasen der Geburt.

Aktuell bekommen Beleghebammen im Schichtdienst 271,94 Euro pro Geburt. Der GKV-Spitzenverband hat vorgeschlagen, den Satz auf 331,00 Euro bis 367,20 Euro zu erhöhen. Das sind 20-30% mehr pro Geburt. Das klingt zwar zunächst gut, ist aber Augenwischerei: Bei der vorgeschriebenen „Frauenreduzierung“ bedeutet dies de Facto einen massiven Verdienstausfall für die freien Hebammen. Ergo gibt es immer weniger freiberufliche Hebammen, die es sich noch leisten können ihren Beruf bei den hohen Versicherungsraten auszuüben, ergo immer mehr Schwangere, die keine Hebamme mehr finden… 

P.S. Das vom GKV angeführte Argument der Qualitätsverbesserung scheint für festangestellte Hebammen nicht zu gelten – ihr Betreuungszahl wird nicht gesenkt. 

Christiane Hammerl erklärt, was sich ändern würde, wenn der GKV seine Forderungen durchsetzt:

  • Zwei oder mehr Frauen gleichzeitig zu betreuen, bedeutet nicht zwangsläufig, mehreren Kinder parallel auf die Welt zu helfen, oft befinden sich die Frauen in verschiedenen Stadien der Geburt. Manche kommen zur Vorsorge oder zum Anmeldungsgespräch oder rufen an, weil sie eine Frage haben. Das gilt auch als Parallelbetreuung, die dann für mich nicht mehr abrechenbar wäre. Ich müsste die Frauen entweder abweisen oder privat abrechnen.
  • Wenn die Beleghebammen ausbleiben, weil sie die weiteren Geburten nicht mehr wie bisher mit der Krankenkasse abrechnen dürfen, müssen viele Kreißsäle kleinerer Kliniken und Geburtsabteilungen schließen
  • Wenn sich eine Schwangere nach der 38. SSW bei mir zur Geburt anmelden möchte, beispielsweise weil sie mit ihrer Hebamme oder der Klinik nicht zufrieden ist und kurzfristig wechseln möchte, dann ist dies momentan noch möglich, sofern eine meiner Frauen bereits entbunden hat. Zukünftig dürfte ich sie kurzfristig nicht mehr annehmen. Und überhaupt auch keine Frau, die spontan vor der Kliniktür steht und Hilfe braucht. Somit wird die Betreuung unflexibler. 
  • Es gäbe dann nur eine Pauschale pro Geburt, von Anfang bis Ende, egal wie lange die Geburt dauert und ich muss garantieren, dass nur ich die Geburt begleite. Ich dürfte mich nicht von meiner Hebammenkollegin Sissi vertreten lassen.
  • Die Haftpflichtversicherungen würden weiter steigen. Bald muss ich mir die Frage stellen, ob ich die hohe Summe noch bezahlen kann. Oder ich muss die Versicherungssumme auf meine zu betreuenden Frauen und ihre Familien umlegen. Und wer kann es sich dann noch leisten…? 

Was die Politik bisher getan hat

Aufgrund der kontinuierlichen politischen Arbeit des Deutschen Hebammen Verbandes und der Proteste von Elterninitiativen und Hebammen hat die Politik reagiert. Im Jahr 2012 wurde gesetzlich festgelegt, dass die Krankenkassen die Mehrkosten der Berufsausübung der Hebammen, also auch die Haftpflichtprämiensteigerungen ausgleichen müssen. Dies erfolgte, nach meist zähen Verhandlungen mit den Krankenkassen, über eine Erhöhung der einzelnen Vergütungspositionen. Doch Hebammen, die nur wenige Geburten im Jahr betreuen, konnten damit allein die Prämien nicht mehr erwirtschaften. Im Juni 2014 wurde deshalb der sogenannte Sicherstellungszuschlag gesetzlich festgeschrieben. Nach einem Schiedsspruch von Ende September 2015 sollen jetzt alle Hebammen, die mindestens eine Geburt pro Quartal betreuen, rückwirkend zum 1. Juli 2015 den Sicherstellungszuschlag erhalten. Sie können ihn erhalten, wenn sie bestimmte Qualitätskriterien nachweisen. Das ganze ist nicht wirklich durchdacht. Der Deutsche Hebammenverband hat deshalb Ende 2015 Klage gegen den Schiedsbeschluss eingereicht. Das Verfahren läuft noch.*  
Was diese Vorgänge zeigen: die Politik reagiert – auch wenn die Gesetzesmühlen langsam mahlen, sie mahlen – und irgendwann kommt sicher Mehl bei raus!

Was wir tun können, um den Hebammen zu helfen, ihre Jobs und damit unsere Geburten zu sichern

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen möchte die Regeln für die Vergütung von Geburtshilfe verändern. Dies könnte die Versorgung mit Hebammenhilfe in fast allen Bundesländern dramatisch beschneiden, weil viele Kreißsäle und Geburtsabteilungen wahrscheinlich schließen müssten. Dagegen sollten wir was unternehmen! Folgende Möglichkeiten haben wir dazu:

  • Aufzeigen, wo Missstände herrschen und die Unterversorgung melden!
    Dies geht auf einer imaginären Deutschlandkarte ganz einfach hier.
    Wenn Geburtshäuser und kleinere Kreißsäle gerade in ländlichen Gegenden nicht mehr rentabel und schließen, müssen Frauen in Folge eine weitere Fahrt in Kauf nehmen. Dies kann die Gesundheit von Mutter und Baby gefährden.
  • Die Situation in der Geburtshilfe mit Daten füttern
    Die Alice-Solomon-Hochschule hat diese Umfrage unter Müttern mit 2016/17 geborenen Kindern gestartet. Dort wird u.a. erfasst, wie lange die Hebammen-Suche gedauert hat, wie die Betreuung in den Kliniken war. Die Dokumentation der aktuellen Misslage ist wichtig, nehmt also daran teil!
  • Protestbriefe und Mails schreiben
    An unsere Krankenkassen, Landräte, Landesgesundheitsministerien (Adresse auf den jeweiligen Websiten) – oftmals sind die Politiker nicht so tief in der Thematik drin, wie wir uns das erhoffen.
    Hier könnt ihr eine Briefvorlage herunterladen (Word-Dokument, 50 KB). Ja, wir haben erst auch gelacht. Brief, hahah! Kann man abfotografiert oder eingescannt aber auch per Mail versenden. Es geht bei einem offiziellen Dokument wie diesem eben um die Unterschrift. Wenn ihr eurem Bundestagsabgeordneten schreiben möchtet, finden ihr deren/dessen Namen per Eingabe Ihrer Postleitzahl unter www.abgeordnetenwatch.de
    Meine Schwester trifft sich als Folge ihres Briefes in den nächsten Tagen mit ihrer Landrätin. Ich drücke alle hier vorhandenen Daumen, dass sie was erreichen kann.
  • An der Sozialwahl teilnehmen – von der niemand so genau weiß, was er damit anfangen soll 
    Und sich informieren, welcher der Liste der Krankenkassen und Versicherungen jemand steht, der sich für die Belange der freiberuflichen Hebammen einsetzt. Im Verwaltungsrat der TK (Techniker Krankenkasse) sitzt beispielsweise Karla Hasenauer, die sich neben alternativen Arzneimitteln und der erweiterten Haushaltshilfe auch für die Rufbereitschaft der Hebammen stark macht.

Das sind die Voraussetzungen für einen Erhalt der Hebammen und eine Verbesserung ihrer Situation

  • Das gegenwärtige Belegsystem muss erhalten bleiben!
  • Die Anzahl der zu betreuenden Frauen darf nicht vertraglich eingeschränkt werden!
  • Die Vergütung der 1:1-Betreuung muss auf ein Niveau angehoben werden, das dem Aufwand und der Verantwortung dieser Tätigkeit entspricht!
  • Die Haftplichtbeiträge müssen gedeckelt werden!

Jede(r) einzelne von uns kann helfen, schließlich betrifft diese Entwicklung auch uns – und die Gesundheit unserer Babies. Doch wir müssen uns beeilen. Am 19.Mai wird eine Schiedsstelle entscheiden, ob die neuen umstrittenen Regeln des GKV kommen. 
Frauen brauchen Hebammen – heute mehr denn je. Und Hebammen brauchen heute uns.

*Quelle: unsere-hebammen.de

Übrigens werden auch Kaiserschnitte, wie Camilla einen hatte, von Hebammen betreut. Danke Christiane Hammerl und Sissi Rasche und all ihr anderen Hebammen da draußen für eure liebevolle und wichtige Arbeit. Ihr seid Inspiration für uns!

Das Titelbild ist von Camillas Geburt, als der kleine Oskar gerade zur Welt kam und von Hebamme Sissi versorgt wurde. Das Bild hat Camillas Freundin Lisa gemacht, die die ganze Geburt (dank Sissi) auch im OP mit der Kamera begleiten durfte!

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