In Nullkommanichts
von der Solo-Mummy zur Großfamilie

Verena Schulemann Großfamilie

Diejenigen von euch, die uns schon länger folgen, kennen Verena Schulemann. Bzw. haben schon von ihr gelesen. Z.B. hier und hier – über ihr Leben als Solo-Mummy. Doch weil sich bei ihr in den letzten Monaten so einiges geändert und weil das Thema „Familie abseits des klassischen Models“ von uns nur in zweiter Linie berührt, aber immer häufiger gelebt wird, war es höchste Eisenbahn für dieses Interview  – und, ihr könnt euch freuen, bald gibt es auch ein MUMMY MAG Paper zur Familien-Thematik.

Verena war 7 Jahre Single Mama des kleinen Bruno. Innerhalb eines Jahres ist ihre Mini-Familie nun um 7 Personen gewachsen: Erst kam Freund David mit seinen 5 Kindern dazu und seit Mai gibt es auch noch das gemeinsame Baby, die kleine Friede. Verena bezeichnet ihr Modell als zwei Familien, die jetzt auch noch eine dritte gemeinsame haben. Dass so ein Clan-Leben kein Spaziergang wird, war klar. Aber so langsam grooven sich alle miteinander ein – was noch fehlt: ein gemeinsames Zuhause für Verena und David und die Kinder: Am liebsten ein Haus mit Garten! (Hat jemand zufällig ein schönes Angebot? Dann gerne eine Email an Verena: moin@mamaberlin.org)

Von der kleinsten Familie zur größtmöglichen – erzähl mal, wie kam das?
Es ging von unseren Kindern aus. Mein Sohn Bruno war mit Davids Kindern in einer Kita-Gruppe, sie kennen sich seit Jahren. Während ich als Solo-Mama meinen Sohn großzog, wohnte David mit seinen Kindern in derselben Straße wie wir. Als seine Frau sich immer mehr zurückzog, wurde er zum Ansprechpartner für mich, wenn es um Verabredungen unserer Kinder ging. Schließlich begannen David und ich uns mit den Kindern gemeinsam zu treffen, irgendwann kam auch die Idee auf, zusammen in den Urlaub zu fahren. David sagt, er wäre da schon in mich verliebt gewesen. Dann kam der Urlaub – und seitdem sind wir ein Paar.

Wie gehen die Kids miteinander um? Wie sind die Altersabstände?
Die Kinder sind zwischen 0 und 14 Jahren. Sie verstehen sich gut – zum Glück ist das kein Thema. Wir harmonieren alle miteinander und sind auch sehr ehrlich. Natürlich gibt es immer wieder Streit: Die Kids untereinander, David und ich, wir Eltern mit den Kindern – aber das verhält sich meistens alles im normalen Rahmen. Aber eines muss man schon sagen: Das Streitpotential wächst natürlich mit der Anzahl der Personen und auch das Stresslevel ist ein anderes und trägt auch zu dem einen oder anderen Streit bei. Aber bislang bekommen wir es immer hin, dass wir uns wieder wirklich (!) vertragen und weiterentwickeln. Wir reden und diskutieren sehr viel! Und finden sehr oft gute Lösungen. Ich finde überhaupt ist Streit erstmal etwas Positives – er muss nur aktiv und gut geführt werden, dann hat er das Potential, sehr viel Klarheit und Erkenntnis zu bringen.

Mit so vielen Kindern wird man da nicht schief angeschaut?
Manchmal schon. Wir sind ja nicht nur viele, wir haben auch noch unterschiedliche Hautfarben … Interessanter Weise kommt die Kritik immer von Frauen mittleren Alters – ich denke, das ist so eine Generationensache und auch ein bestimmter Schlag Frau, manchmal gifte ich dann zurück (s.u.). Die Bewunderung und das Lob überwiegen aber eindeutig. Oft freuen sich die Menschen richtig, wenn wir kommen, fangen an zu strahlen, zu lachen, sagen liebe Sätze zu uns und den Kindern. Wir bekommen auch oft Lob und Unterstützung oder Sprüche wie: „Dann ist meine Rente ja sicher“, zu hören. Die Menschen erzählen uns Anekdoten aus ihrem Familienleben, ihrer Kindheit und kommen ins Träumen und Schwärmen – es scheint, als verkörpern wir hier in den Augen der anderen einen kleinen Familientraum … Wir freuen uns natürlich darüber. Das motiviert uns schon.

Was ist das krasseste, das euch als Großfamilie bisher widerfahren ist?
Krass finde ich eigentlich den ganz normalen Alltag. Angefangen von den Wäschebergen, dem Geschirr, den Einkäufen, dem Kochen, der Ordnung, z.B. Zähneputzen, alle sieben Kinder abends gut und pünktlich und entspannt ins Bett zu bringen oder das morgendliche Fertigmachen – und dann muss jedes Kind schulisch betreut werden, die Gesundheitsversorgung muss gewährleistet werden – wir haben regelmäßige Hautarztbehandlungen, Logopädie, Zahnarzt, Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen … Die Kinder haben Sport- und Töpferkurse, außerdem gibt es für uns Job, Ehrenämter – und natürlich braucht es auch zwischendurch Freizeit, Pausen, Langeweile, man will ja auch mal weggehen – auch das muss organisiert werden.
Wenn ihr aber eine Anekdote hören wollt: Neulich im Urlaub musste ich unseren jüngsten – gerade in der Trotzphase – am Strand einfangen, nachdem er seine Geschwister beschimpft, getreten und gezwickt hatte. Ich hatte ihn gerügt, aus der Gruppe genommen, da wurde er noch wütender, lief weg und ich musste hinterher. Ich wollte ihn zurücktragen, aber er war auch weiterhin außer sich, schlug um sich, riss sich los, lief wieder weg. Es blieb mir nichts anderes übrig den kleinen kräftigen Kerl zu bändigen, als ihn in den Sand zu drücken, bis er sich beruhigt hatte. Nach ein paar Minuten war dann alles wieder gut, wie es so ist. Wir gingen gemeinsam zur Stranddusche, um den Sand von seinem Körper abzuwaschen, weil die Dusche kalt war, konnten wir immer nur ein Körperteil zur Zeit waschen. Wir haben das Prozedere trotzdem schnell hinter uns gebracht, sind dann zurück zu unserem Strandkorb, um ein Nickerchen zu machen, der Kleine war einfach auch müde. Aber eine Frau (wieder so eine merkwürdige, ältere) rief auf Grund des Vorfalls die Polizei: Ich hätte das Kind misshandelt und mit kaltem Wasser gequält! Zum Glück waren an dem vollbesetzten Strand noch ein paar andere Menschen, die das alles wiederlegen konnten … Die Polizisten waren auch sehr nett, entschuldigten sich und meinten, das ganze lande in der Ablage. Am meisten regte sich meine Mutter auf, sie ging noch zu der Frau und hat ihr ordentlich die Meinung gesagt. Irgendein Film muss bei der Frau abgegangen sein. Sie war Ausländerin und der Kleine ist dunkelhäutig – manchmal denke ich, die Leute sehen da auch etwas, was nicht ist und projektieren eigene Ängste hinein. Und: Wir müssen eine große Gruppe organisieren, da agierst Du natürlich anders, als wäre nur ein Kind zu versorgen. Das können viele nicht nachvollziehen. Und bewerten aus Unwissenheit vollkommen falsch.

Wie wohnt ihr derzeit und wie einfach oder schwer gestaltet sich das?
Wir wohnen in zwei getrennten Wohnungen in Mitte und Prenzlauer Berg. Am Wochenende sind wir meistens zusammen unter der Woche machen wir es, wie es kommt. Unser Traum wäre ein Haus mit Garten und vielen Zimmern – sieben müssten es schon sein. Wir glauben fest daran, dass es zu uns kommt! 

Wie teilt ihr euch finanziell/beruflich auf?
David arbeitet in seiner Firma, ein IT-Anbieter und kann vieles online erledigen, was ihm gewisse Flexibilität gewährleistet, so kann er z.B. auch ab und zu von daheim arbeiten. Ich bin derzeit in Elternzeit, mache eine Umschulung in digitaler Medienkompetenz und betreibe meinen Blog MAMA BERLIN. Finanziell sind wir in erster Linie für uns selbst zuständig, aber David zahlt mir Unterhalt und ist da auch großzügig, allerdings ist er dazu auch gesetzlich verpflichtet. Ich mache aber auch sehr viel für ihn und seine Kinder und in seinem Haushalt und kaufe auch von meinem Geld für alle ein – ich bin da schon die Mutti vom Dienst. David findet, dass ich mehr geben muss, als er und das stimmt wohl auch. Wir wollen es uns zwar nicht so eingestehen, aber in der Hinsicht bedienen wir doch ziemlich die Klischees von der Rollenverteilung. Allerdings ist er ja auch an einigen Tagen alleine mit seinen fünf Kindern und wuppt das dann auch. Grundsätzlich ist es aber doch (immer noch?!) von Vorteil, wenn im Bezug auf die Kinder ein X-Chromosom am Start ist – bei aller Gleichberechtigung. Ich sorge für Gemütlichkeit, habe die gesundheitliche Versorgung viel mehr im Blick, die Schule, die häusliche Ordnung, Manieren – und vor allem Kommunikation und seelische Balance. David sorgt für Bewegung, Spaß, gesundes Chaos, treibt beruflich einiges an, und hat Spaß das „Familienoberhaupt“ zu sein (und genug Humor, wenn ich mich darüber lustig mache).

Welche Betreuungsmodelle habt ihr mit den jeweiligen Ex-Partnern und warum?
David hat seine Kinder durchgehend, seine Ex-Frau kann sich nicht kümmern. Mein Sohn Bruno ist alle 14 Tage von Donnerstag bis Montag bei seinem Vater und in den Ferien. Für Bruno ist es so die beste Variante, wir hatten auch schon mal ein anderes Modell, aber so kommt einfach Ruhe rein und die Zeit mit Papa ist intensiv.

Was ist die größte Herausforderung in Sachen Patchwork?
Es gibt viele Befindlichkeiten, jeder von uns tickt anders und das zu kombinieren mit den Aufgaben des Alltags und hier gute Lösungen finden, ist eine große, aber auch reizvolle Aufgabe, die nur mit Intelligenz und gutem Bauchgefühl zu lösen ist.

Wie plant ihr den Alltag? Und wie lange voraus?
Wir hatten auch mal einen Wochenplan – er hielt ganze zwei Tage… Bei so vielen Menschen musst Du das Chaos irgendwie akzeptieren lernen und das Beste daraus machen. Immer schön flexibel bleiben, keine Erwartungen haben, immer das Gute wollen …

Du hast uns hier bei uns ja schon einige Einblicke dazu gegeben, wie du mit Bruno alleine Urlaub gemacht hast. Wie macht ihr zu neunt Urlaub?
Wir waren u.a. auf Mallorca, dort hatten wir eine Riesenvilla über Airbnb gebucht und einen Transporter, um an die Strände zu fahren. Ein anderes Mal waren wir Wandern in Österreich und hatten auch dort ein ganzes Chalet für uns plus Kleinbus. Die letzte Variante war an der Ostsee, am Timmendorfer Strand, wo meine Eltern wohnen und dort hatten wir uns und die Kids aufgeteilt – vier Kids waren bei meinen Eltern und mir im Haus, drei bei David im Ferienhaus, nicht weit entfernt – einige Tage haben wir gemeinsam verbracht, andere getrennt – das war eine neue Variante, für den Erholungseffekt aber auch nicht schlecht, weil mit weniger Kindern einfach mehr Ruhe einkehrt und die Kinder auch mehr von uns haben.

Wie sehr schlüpfst Du oder dein jetziger Partner in die Rolle der Ersatzmutter oder des Ersatzpapas?
Ersetzen wollen wir Mutter oder Vater ja gar nicht. Mir gefällt diese Befrachtung und das Labeln auch nicht so gut. Ich spreche lieber wie die Dänen und Jasper Juul von Bonus-Eltern. Es ist doch so: Kinder nehmen sich von überall her ihr Input. Vertrauen, Achtsamkeit, Sicherheit, Spaß ist nichts, was allein die leibliche Eltern bieten können – andererseits gibt es einfach nur einen leiblichen Vater und eine leibliche Mutter und das bleibt auch so. Für die Kids stellt sich die Frage nach Mama oder Papa übrigens gar nicht und sie haben auch nicht das Gefühl, hier Stellung beziehen zu müssen … Sie und wir wollen, dass es uns gut geht, dass sich alle miteinander wohl fühlen.

Wie schwer ist es in Familiensituationen gefühlsmäßig nicht zwischen eigenen “Stiefkinder” zu unterscheiden?
Ich gehöre nicht zu den Besitztums-Müttern, die immer nur den größten Vorteil für ihr Kind rausschlagen wollen. Im Gegenteil, ich halte das für nicht gesund für mein Kind. Ich möchte, dass alle unsere Kinder gute, verantwortungsvolle Wesen werden – mit der Fähigkeit zur Selbtsreflexion. Dazu gehört auch, einen fairer Umgang einzufordern.

Wie stark sind die “andere” Mutter und der “andere” Vater in Euren Alltag integriert? Und läuft das immer reibungslos?
Bei Brunos Vater gibt es wie gesagt, feste Umgangszeiten, die beiden telefonieren auch regelmäßig und manchmal kommt Brunos Papa auch bei David vorbei und holt Bruno ab. Bei Davids Ex-Frau ist dagegen leider alles ungeklärt. Das einzige, was geklärt ist, dass sie die Kinder derzeit nicht sieht, was daran liegt, dass sie sehr durcheinander ist, um es vorsichtig auszudrücken. Es ist in diesem spezielle Fall wohl tatsächlich derzeit das Beste. Aber das ist wirklich eine Baustelle, die mich belastet.

Mit welchen Worten erklärt ihr Euren Kindern die Konstellation und Situation?
Genauso wie wir es auch den anderen sagen. Mit klaren, ehrlichen Worten. Das finde ich grundsätzlich immer das Beste. Die Wahrheit ist nie ein Problem, Lügen sind es.

Was kannst du anderen Müttern/Vätern, die in deiner (früheren) Situation stecken mit auf den Weg geben?
Alleinerziehend ist Familie. Denkt nicht, ihr seid unvollständig, sondern wuppt euer Leben alleine und seid stolz darauf. Ich glaube auch: Erst wenn wir wirklich gut alleine klar kommen, sind wir reif für eine Beziehung.

Wir haben 2017. Und eine Familienpolitik aus dem letzten Jahrtausend. Was wünscht du dir von der Politik?
Es ist an der Zeit mehr Familie zu wagen. Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, wir brauchen kein Standard-Familien-Modell, wir brauchen gute Rahmenbedingungen, um Familie in all ihren Spielarten zu leben. Dazu gehört als allererstes, das wir begreifen, dass Familie sehr, sehr viel mehr ist als VATER-MUTTER-KIND/verheiratet.

Verena Schulemann Malina Ebert

Verena Schulemann (43) hat mal lange als Reporterin gearbeitet – immer noch ihr Traumjob – wechselte dann aus Karrieregründen in die Redaktion und verlor dabei – den ganzen Tag vor dem Rechner hockend – den Spaß an der Arbeit. Heute schreibt sie immer noch ausgiebig, bildet sich weiter in digitaler Medienkompetenz und ist jetzt einfach auch mal nur Mutter. Gemeinsam mit ihrem Partner hat sie sieben Kinder und findet die Aufgabe – trotz der miesen Bezahlung – zumindest während der Elternzeit sehr reizvoll. Weil sie aber der Meinung ist, dass in dem Bereich „noch einiges geht“, Feminismus zum Schulfach werden sollte und Männer und Frauen einfach viel mehr zusammen kommen könnten – statt wie so oft, sich in Konkurrenz zueinander definieren, bloggt sie als MAMA BERLIN unter www.mamaberlin.org und versucht, Impulse fürs LOVELIVE in jeglicher Beziehung zu setzen.

Mehr zu bzw. von Verena könnt ihr in unseren nächsten MUMMY MAG Paper lesen, das im Herbst erscheint. Verenas Rasselbande hat übrigens Schauspielerin und Fotografin Malina Ebert so genial eingefangen – gar nicht so einfach bei 7 Kindern, alle ins Bild zu bekommen. Chapeau!

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