Kürzlich saß ich mit Freundinnen zusammen. Wir kennen uns alle schon aus Schulzeiten, sind alle Mitte Dreißig und leben alle völlig unterschiedliche Leben. Wir sind sieben Frauen, wobei nur zwei von uns Kinder haben. Kinder habe genau genommen nur ich, Isa hat vor kurzem gerade erst ein Baby bekommen. Auch die anderen möchten gerne Nachwuchs. Irgendwann. Vorher wollen sie noch den richtigen Mann finden, Karriere machen, um die Welt reisen. “Ich will ja hier kein Spielverderber sein, aber ihr wisst schon, dass die Zeit tickt und das Kinder kriegen zunehmend schwierig wird?” frage ich in die Runde….

Die Wahrheit ist ein Schlag ins Gesicht!

Meine Freundin mit Baby auf dem Arm schießt hinterher “Und Karriere und Reisen geht doch auch mit Kind, oder?” – dabei schaut sie natürlich mich fragend an. Es war eine Mischung zwischen Behauptung und Frage. Klar! Das geht alles mit Kind, aber anders halt. Wie anders? “Na ja, all deine Prioritäten verschieben sich, alles wird zu einem Kraftakt und irgendwann entscheidet man, dass manche Vorstellungen von früher vielleicht doch nicht mehr so ganz zu deinem Leben passen. Es muss dann halt nicht mehr Bali sein, sondern ein Urlaub in Dänemark wird plötzlich viel cooler für Dich. Na klar geht Bali auch, aber halt nicht mehr so einfach.” – “Genau deshalb will ich noch ein, zwei Jahre warten, dann kann ich das jetzt noch richtig genießen!”- “Aber was ist, wenn es dann nicht so einfach klappt? Du bist dann 37 Jahre alt und die Wahrscheinlichkeit dass Du sofort schwanger wirst, liegt bei etwa 5%. Wenn Du Glück hast. Und weil Du nicht ewig Zeit hast, musst Du direkt in eine Kinderwunschklinik gehen.” – “Du hast ja jetzt leicht reden, Du bist schon ewig mit Danilo zusammen und bist jung Mutter geworden!- “Wie? Seit wann gilt fast Dreißig als jung???” So geht das Gespräch weiter. Wir kennen uns seit knapp zwanzig Jahren und können sehr offen und schonungslos miteinander sprechen. Doch trotzdem gehen wir alle aufgewühlt nach Hause. Schließlich ist das kein wirklich leichtes Thema und wird von den meisten von uns erfolgreich verdrängt. Bis es eben so weit ist, man probiert schwanger zu werden und es klappt nicht. Viele versuchen es erst einmal ein Jahr lang und gehen erst dann zum Arzt, doch da die Frauen immer älter werden, bis sie sich entscheiden, Kinder zu bekommen, florieren die Geschäfte bei Kinderwunschkliniken.

Am nächsten Tag ruft mich meine Freundin Nina an. Sie hat das Gespräch am härtesten getroffen, denn sie ist Single und findet einfach nicht den Mann fürs Leben, geschweige denn zum Kinderkriegen. “Ist es wirklich so schlimm mit der Fruchtbarkeit?” fragt sie mich. Was soll ich antworten? Ja ist es, müsste ich antworten, doch es fällt mir verdammt schwer. Schließlich motiviere ich sie, dass eine liebe ehemalige Kollegin ihr erstes Kind mit 45 bekommen hat. Dass sie auch in einer Kinderwunschbehandlung war und zwei Fehlgeburten hinter sich hatte, bis es endlich geklappt hat, behalte ich lieber für mich. Die Wahrheit ist eh schon ein Schlag ins Gesicht, dann muss ich nicht noch ausholen…

Zu den Fakten  

Die Natur ist nicht gnädig mit uns Frauen. Während die Männer ab der Pubertät etwa 1% der Spermien pro Jahr verlieren, sieht das bei uns Frauen leider sehr viel schlechter aus.

Mütter sind heute im Durchschnitt knapp 30 Jahre wenn sie ihr erstes Kind bekommen. Laut Medizin ist es da schon fast ein Lotteriegewinn, wenn Frau da ganz ohne Zutun schwanger wird.

Ein Blick auf die Zahlen:

  • Die Anzahl der Eizellen ist begrenzt
  • Ab Geburt besitzt ein Mädchen etwa 400.000 Eizellen, die sich stetig abbauen und nicht neu bilden
  • Mit 20 Jahren sind es nur noch 100.000 Eizellen.
  • Mit 30 Jahren es etwa 35.000 Eizellen.
  • Mit 40 Jahren ist bereits jede zweite Frau unfruchtbar.

Diese Zahlen sind ganz schön erschreckend. Dass wir Frauen da so weit von der Realität entfernt sind und allgemein eine so große Unwissenheit zu diesem Thema herrscht, liegt vor allem daran, dass wir uns einfach nicht damit konfrontieren möchten. Wer möchte sich mit Anfang Zwanzig schon damit auseinandersetzen? Man denkt nicht darüber nach, ob man schwanger werden kann oder nicht, man geht ganz einfach davon aus. Laut einer Laut einer Studie des Familienministeriums haben familienlose Frauen zwischen 35 bis 41 Jahre gut 45 % keinen Zweifel an Fruchtbarkeit. Und sogar zwischen den 40- und 50-jährigen glauben knapp 27 %, dass sie noch fruchtbar sind.

Ein gesellschaftliches Problem

Dass ich mit fast 30 Jahren beim ersten Kind als “junge Mutter” bezeichnet wurde (zumindest in Berlin), ist regelrecht erschreckend. Dabei liege ich laut Statistischem Bundesamt damit perfekt im bundesweiten Durchschnitt, denn da liegt das durchschnittliche Alter der Mutter beim ersten Kind bei genau 29,6 Jahren. Ziemlich spät, wenn man die Zahlen der Fruchtbarkeit dabei im Auge behält. Doch was sind die Ursachen dafür, dass wir heute so vermeitflich spät Kinder bekommen? Liegt es nur an dem Karrierewunsch der Frau? Daran, dass “Frau” sich vor dem Kinderkriegen verwirklichen will? Oder liegt es vielmehr an den Männern, die häufig den Kinderwunsch der Frau verzögern? Auf jeden Fall unterstützt die heutige Gesellschaft keine Frauen (bzw. junge Menschen) heute früh Kinder zu bekommen und verurteilt sie gleichzeitig, wenn sie erst spät Eltern werden. Eine Situation, die enormen Druck aufbaut und Deutschland definitiv als Kinderland  durchfallen lässt. Setzen, Sechs!

Und so steigt die Zahl der “alten Mütter”. Laut dem statistischen Bundesamt haben 1997 rund 13.500 Frauen, die mindestens 40 Jahre alt waren, Kinder zur Welt gebracht, 2014 waren es bereits über 35.000 Frauen. Besonders gesteigen ist dabei die Zahl der Frauen, die mit über 45 Jahren gebore haben. Das ist Wahnsinn. Und auch toll, dass das in der heutigen Zeit möglich ist. Ich möchte dass alle Menschen ihren Kinderwunsch erfüllen können, doch gleichzeitig finde ich diese Entwicklung einfach erschreckend. Zumal der Aufwand mit über 40 Jahren schwanger zu werden so enorm groß ist: Fruchtbarkeitsbehandlungen, künstliche Befruchtungen, Fehlgeburten, enorme emotionale und physische Belastung und vom Finanziellen ganz zu schweigen…

Und jetzt komme ich wieder mit ein paar Zahlen und Fakten um die Ecke!

Künstliche Befruchtung bedeutet, dass Eizellen entnommen werden und entweder im Labor zusammengerührt, oder in die Eizelle eingespritzt werden. Wenn die Befruchtung einer oder mehrerer Eizellen gelungen ist, werden Embrionen der Mutter in die Gebärmutter eingepflanzt.

Doch jetzt kommen die Zahlen laut Statistik dazu:

-> Nur 28% der Frauen werden nach der künstlichen Befruchtung schwanger!

-> Nur bei 20 % der Frauen kommt es auch zur Geburt!

-> Auch die Wahrscheinlichkeit einer Geburt sinkt mit zunehmendem Alter rapide.

Bei einer 42-jährigen Frau liegt die Wahrscheinlichkeit einer Geburt nach künstlicher Befruchtung nur noch bei 9 %, mit 44 Jahren nur noch unter 4%.

Da kann es einem schon Angst und Bange werden. Ich will keine Panik machen, aber ich finde es wichtig, dass darüber gesprochen wird. Denn nur wenn man die Fakten kennt, die Wahrscheinlichkeit und die Schwierigkeiten, haben wir vielleicht die Chance, dass sich in der Zukunft unsere Gesellschaft wieder etwas verändert. Klar, ich bin froh, dass die Medizin uns so viel ermöglicht. Ich finde das auch wichtig. Trotzdem würde ich mir wünschen in einer Gesellschaft zu leben, in der es nicht nur normal ist, mit Anfang oder Mitte Zwanzig eine Familie zu gründen, sondern in einer, in der das sogar gefördert wird. Und wenn mir jetzt einer mit dem Totschlagargument “Hätte ich mit meinem Freund von vor 15 Jahren ein Kind bekommen… dann wären wir jetzt getrennt…!” kann ich nur entgegen, dass es doch nie eine Garantie gibt. Wie viele Leute kenne ich, die mit Mitte Dreißig ein Kind bekommen und bei denen es genauso wenig klappt! Und wer weiß, vielleicht hätte die Beziehung ja gerade gehalten, weil man ja zur gleichen Zeit den gleichen Fokus im Leben hatte!? Who knows.

In Sachen Beziehungen will ich mich eh nicht äußern. Das kann klappen, oder aber auch nicht. Das sind Entscheidungen, die man für sich oder miteinander treffen muss, da kann keiner von außen sich erlauben ein Urteil zu fällen. Aber das Thema haben wir ja in den Ausgaben 7 und 8 des MUMMY MAG Paper von ziemlich allen Seiten beleuchtet.

Trotzdem, wie schön wäre es, wenn man in den Zwanzigern eine Familie gründen möchte und nicht mehr nur auf Argumente gegen Kinder ankämpfen muss. Es wäre erstrebenswert, dass der Arbeitsmarkt es auch jüngeren Menschen erleichtert, Kinder zu bekommen, wenn man finanziell vielleicht noch nicht ganz so gut abgesichert ist, wie zehn Jahre später. Aktuell heißt es doch eher „Wenn ich mir Kinder leisten kann“ – und das ist in den seltensten Fällen bei Arbeitsmarkteintritt, geschweige denn während des Studiums oder während der Ausbildung so. Das könnte doch prinzipiell mal ein richtig guter Ansatz sein. Vielleicht werden dann in der Zukunft aus den statistischen 1,58 pro Frau auch glatte zwei Kinder!? 

Übrigens, meine Freundin Nina hat sich mittlerweile wieder bei Tinder (Die Rechtschreibkorrektur macht daraus übrigens „Kinder“ – hahaha) angemeldet und einige sehr nette Dates gehabt. Mal sehen, vielleicht ist ja bald der passende Mann dabei…