Cliche Bashing Erziehung

Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflußnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozeß als auch das Resultat dieser Einflußnahme.” So Wikipedia. Vielleicht erzieht ihr ganz unbewusst oder macht Euch Gedanken über das, was ihr tut oder plant euer Handeln sogar. Ich war vor kurzem bei einem Diskussionsabend im Volkswagen Group Forum DRIVE zum Thema Kindererziehung mit vielen interessierten Eltern und vor allem Fachleuten und Experten. Es ging in erster Linie um die Ausprägungen, Wirkungen und Vorurteile verschiedener Erziehungsstile. Konkret um eine strengere und eine im Vergleich dazu lockereren Erziehung und deren Cliches. Und auch ich habe mal meine Gedanken dazu sortiert..

Für mich ist das Fundament von Erziehung die Liebe und Geborgenheit zwischen Eltern und Kind. Ich glaube daran, dass diese Beziehung der Schlüssel ist, mit dem der heranwachsende Mensch zu dem wird, was er ist. Was ihn auch in schwierigen Lebenslagen stark sein lässt, was ihn reflektieren lässt und was ihn reagieren lässt und vor allem was das Entscheidende ist, um seine Persönlichkeit zu prägen. Und ich glaube auch, dass es der Weg ist, mit dem bei einem Kind am meisten erreicht werden kann. Denn nur durch eine gute Bindung kann ich einen Einfluss erzielen, der durch Respekt und Verstehen-wollen anerkannt wird.

Eine entscheidende Frage ist: Was möchte ich für mein Kind? Klar, das Beste, wird wohl jeder darauf antworten. Aber ich denke, die Auffassung dessen kann sehr unterschiedlich sein. Einmal, weil die Menschen verschieden sind und auch weil sie als Eltern selbst durch eine unterschiedliche Geschichte geprägt sind, die sie bei der Beantwortung dieser Frage beeinflusst. Daraus ergibt sich ein großes Feld dessen, was das Beste für das Kind ist und vor allem von den Eltern dafür gehalten wird. Und ebenso verschieden wie die Eltern sind natürlich auch die Kinder. Ich glaube nämlich auch, dass es kein generelles Rezept gibt, sondern jeder Mensch auch ein bisschen etwas anderes braucht! ‚Es kommt, also darauf an!‘ wie man bei so vielen Dingen im Leben sagt.

Für mich ist die Folge von dem was ich glaube, dass ich vieles auch aus dem Bauch entscheide. Eltern können sich auf ihre Intuition verlassen. Im Alltag kann das zum Beispiel bedeuten, dass ich ein bisschen anders reagieren, wenn ein bestimmtes Kind nicht mehr weiterlaufen möchte, weil ich weiß wie sie jeweils ticken. Anderes wiederum folgt einer Überzeugung, die ich aus einem Gefühl heraus ableite. Dazu gehört dann auch, dass ich merke, dass es an bestimmten Punkten gewisse Regeln geben muss. Ich denke, hier ist auch besonders wichtig Prioritäten zu setzen, denn zu viele (und vor allem, dann auch nicht so essentielle Regeln oder Verbote) führen nur zur Überforderung und Ablehnung der Kinder und somit Nichteinhaltung. Ich habe keinen Ratgeber gelesen und mich nicht mit pädagogischen Ansätzen auseinandergesetzt. Obwohl ich letztere durchaus sehr interessant finde und auch für hilfreich halte. Es ist auch nicht so, dass ich ausschließen würde, in schwierigen Situationen auf diese oder andere professionelle Hilfe zurückzugreifen.

Cliche Bashing Erziehung

Bei dem Diskussionsabend im Volkswagen Group Forum DRIVE lautete das Thema „Kinder(v)erziehung – leiten vs. laufen lassen“. Was sagt die Fachwelt, was denken andere Eltern? Gibt es überhaupt einen richtigen Weg? Ein Gast und Redner war der Erziehungswissenschatfler und Sozialpädagoge Thomas Sonnenburg („Die Ausreißer – Der Weg zurück“, wem das etwas sagt..?) der Erziehung unter anderem so definiert: “Erziehung ist vor allem Beziehungsarbeit und zwar auf Augenhöhe!.. Autorität ist eher eine Konsequenz und dann wahrscheinlich der bessere Weg.”

Weitere Gäste der Diskussion waren: Schauspielerin und Mutter Wilma Elles über Geschwisterrivalität, Schauspielerin, Mutter und Kita-Gründerin Anne-Sophie Briest, Eltern Brief Herausgeberin Dr. Heidemarie Arnhold, Vorstandsvorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung e. V. (ANE), Diversitiy-Beauftragte von VW Elke Heitmüller u.v.m.

Das erste diskutierte Cliche:  Ein bisschen Strenge hat noch nie geschadet!

Laufen lassen oder leiten? Sonnenburg dazu: “Es ist immer von der Situation abhängig. Und das ist jedes mal so. Eltern sind schon ein Phänomen an sich.” Der Experte ist Gegner davon, dass werdende Eltern Ratgeber lesen sollten. Er glaubt nicht, dass sie die entsprechenden Tipps geben können. Für sehr entscheidend hält er die ersten drei Jahre, in denen die Bindungsbeziehung aufgebaut wird. Für die spätere Entwicklung sollte das Ziel sein, dass die Kinder sich aufgefangen fühlen. Denn man ist nie sicher, so Sonnenburg, welchen Weg das Kind gehen wird. Aber wenn die Bindungsbeziehung da ist, geht das Kind einen Weg, der auch katastrophal sein kann, aber das Kind hat ein Urvertrauen und weiß, dass es doch geborgen ist. Ist dieses Vertrauen nicht da, ist der Weg offen für eine negative Richtung die dann vielleicht nicht mehr aufzuhalten ist.

Dr. Heidemarie Arnhold, Vorstandsvorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung e. V. (ANE): „Eltern leiten immer. Einmal damit eine Bindung entstehen kann, die wichtig für das Urvertrauen ist und einmal weil sie im Prinzip immer leiten auch wenn sie glauben, dass sie es nicht tun. Denn Kinder lernen in den ersten Lebensjahren durch nachahmen, auch das ist schon leiten. Einem Baby wird man nie streng gegenüberstehen.“

Dazu wird das Buch “Jedes Kind kann schlafen lernen” angesprochen – „vollkommen überholt,“ sagt Sonnenburg. (Da bin ich aber froh, dass ich es schon als es noch ‚in‘ war total angelehnt habe und mich geweigert habe es anzuwenden…)

Schauspielerin und Mutter Wilma: „Laufen lassen kann ja jeder, aber leiten das muss man können. Ich leite mit Liebe und ich möchte meine Kinder trotzdem stark zur Selbstständigkeit führen. Dafür muss ich viel erklären. Strenge bedeutet für mich niemals laut werden und auch nie schreien lassen.“ 

Moderatorenfrage: „Doch was funktioniert bei “laufen lassen”?

Publikumsgast: “Reden, sprechen erklären und zwar möglichst häufig.”

Moderator: „Ist der Begriff der strengen Erziehung also antiquiert!?“

Auch Studien belegen nicht das Gegenteil: Eine Studie von 2016 von der Uni Pittsburg zeigt, sehr streng erzogene Kinder in der 7. Klasse, haben dann in der 9. Klasse mehr Zeit damit verbracht die Regeln der Eltern zu brechen und sich riskanter verhalten (Mädchen früher sexuell aktiv und Jungs gewalttätig). Auch weitere Studien widersprechen krasser Strenge, erfahren wir.

Sonnenburg: „In einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung, braucht es keine Erziehungsexperten. In einer Situation in der Eltern den Weg des eigenen Kindes subjektiv einschätzen, sind sie nicht nötig.“ Sehr interessant zu wissen, damit auch wir als Eltern mehr Verständnis aufbringen dann Sonnenburg weiter:Der Gehirnplappen, der bei jungen Menschen das vorausschauende Denken ausmacht entwickelt sich als letztes in der Pubertät.“

Sonnenburg: „Es gibt bei der Erziehung nicht falsch oder richtig. Ein Kind ist nicht Mathematik. Wir arbeiten mit Menschen. Und es geht darum, dass der Mensch, den wir erziehen, irgendwann seinen eigenen Kopf hat, seine eigene Autonomie. Denn was ist das Ziel der Erziehung, was wünschen wir uns als Eltern, das unsere Kinder ihren Weg gehen. Als autonome Persönlichkeiten. Dass sie die Krisen des Lebens meistern und dabei auch glücklich sind.“

Weitere diskutierte Cliches des Abends, die aber auch nicht gehalten werden, konnten waren:

Zweites Cliche:  Einzelkinder sind Asozial 

Eltern Brief Herausgeberin Dr. Heidemarie Arnhold: „Kinder brauchen Kinder. Woher die auch immer kommen!“

Drittes Cliche:  Nur Kita-Elite macht Karriere

Diversitiy-Beauftragte von VW Elke Heitmüller: „… es hängt absolut von der Persönlichkeit des Kindes ab, was für dieses Kind das Richtige ist, und nicht so sehr von dem Übertragungsbegehren der Eltern. Die Herausforderung für Eltern ist immer für die Persönlichkeit des Kindes, das sie haben, das jeweils richtige zu finden. Das kann für das eine Kind eine etwas engere Führung sein und für das andere Kind ein sehr freies Umfeld. Es kommt vor allem darauf an, dass wir nicht so klare Vorstellung haben, was auch unseren Kindern werden soll. Sie müssen nicht denselben Weg gehen, den  wir gehen und sie müssen auch nicht dieselben Werte haben wie wir und auch nicht den Erfolgsweg gehen, den wir für den Erfolgsweg halten.“

Moderator: „Doch wie kann man diesem Übertragungsbegehren Einhalt gebieten?“

Heitmüller: „Ich glaube, wenn die Persönlichkeit der Eltern so ist, dass sie mit sich zufrieden sind, und wissen was sie glücklich macht, haben sie auch die Größe das zuzulassen was auch die Kinder glücklich macht.“

Cliche Bashing Erziehung

Meine Meinung zum ersten ausführlich diskutierten Cliche: Auch ich glaube an den Mittelweg. Ganz ohne Regeln geht es nicht. Mein Ansatz baut auf Vorleben, Liebe, Verständnis. Doch mir ist klar, dass das alles Grenzen hat und somit glaube ich auch an gewisse Regeln. Im Idealfall sollten diese aber so vermittelt werden, dass sie durch gutes Erklären vom Nachwuchs nachvollzogen werden können. Es macht Sinn, alles zu hinterfragen und aufzudröseln. Aus Kindersicht heisst das: Von mir auch erklärt bekommen, warum ich etwas sage und wieso es (für das Leben) wichtig ist. Ganz klar ist das bei Babys noch nicht machbar, aber im Säuglingsalter halte ich eh nicht viel von Erziehungsversuchen à la “Einfach mal Schreien-lassen”.

Fazit: Ich fühle mich sehr bestärkt in unserem Zuhause umgesetzten Ansatz. Die Aussage der Experten unterstützen genau das, woran ich glaube: Bindung ist alles. Und auch die Anhänger einer strengeren versus Laissez-faire Erziehung unterschieden sich nicht so stark, wie man denken könnten, sondern sind nur für unterschiedliche Ausprägungen eines Mittelweges, denn niemand erzieht nur streng und niemand ganz ohne Regeln. Denn jedes Vorleben, was man ja zwangsläufig tut, ist schon ein Einflussnahme auf das Kind. Und auch die Stimmen und Anhänger einer sehr disziplinierten Regel-folgenden Erziehung wollen ihre Kinder zu Selbstständigkeit erziehen. Verantwortung für sich und sein Tun zu übernehmen, ist für mich also ein Schritt in Ríchtung Persönlichkeitsentwicklung und Reflektion. Ein unabdingbares Ziel von Erziehung würde ich sagen.

 

Die Diskussionsreihe „Cliche Bashing“ im Volkswagen Group Forum DRIVE fand Anfang Februar zum dritten mal statt. Weitere Abende mit ebenso spannenden Inhalten sind geplant. Immer diskutieren Experten, Prominente und das Berliner Publikum gegensätzliche Meinungen zu einem zeitgemäßen Thema. Die Moderatoren Volker Wieprecht und Sissy Metzschke führen in diesem neuen Format die Gäste durch den Abend.

Ort: Volkswagen Group Forum, Friedrichstr. 84/Ecke Unter den Linden, 10117 Berlin
Eintritt: kostenlos

Infos zu weiteren Veranstaltungen auch auf der Facebookseite des Volkswagen Group Forum DRIVE.

 

Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Volkswagen Group Forum DRIVE.