Es gibt ja so Probleme, da hören wir von und denken uns insgeheim „hab ich nix mit zu tun“ oder „tangiert mich nicht“. Die Hebammen-Problematik ist so ein gutes Beispiel dafür. Was eine Hebamme macht und wie dringend man sie braucht, merkt man eigentlich erst, wenn das Kind schon im Bauch ist. Als Nicht-Eltern kann man das immer größerwerdende Problem vermutlich gar nicht wirklich nachvollziehen. Und leider scheint die Kita-Krise in der gleichen Falle zu sitzen…

Was ist eigentlich das Problem?

Nach monatelangem Bundestagswahlkampf im letzten Jahr und den nicht enden wollenden Wochen um die Verhandlung des Koalitionsvertrags im Anschluss daran, merkte ich schon in meinem Umfeld eine gewisse „Bitte keine Politik mehr“-Verdrossenheit. Irgendwie sollte jetzt endlich wieder gearbeitet werden, sich um die Herausforderungen, die im letzten Jahr über den möglichen Regierungswechsel liegen geblieben sind, gekümmert werden. Besonders auffällig traf es dabei Jens Spahn, unseren neuen Gesundheitsminister. Er muss, so scheint es, die „richtige“ Tonart noch finden. Auf einen konkreten Lösungsvorschlag für die Hebammen-Problematik warten wir allerdings noch.

Auch ein Problem, aber erst wenn die Kids bereits auf der Welt sind, ist der Mangel an ausreichenden Kitaplätzen, kurz: Kita-Krise. Während dieses Wort vor vier Jahren auch schon über die Spielplätze geraunt wurde, als Helene, Philo und Izzy in die Kita kamen, ist es jetzt anders. Jetzt gibt es ganz konkrete Zahlen, von Plätzen die fehlen, von Eltern die bis zu 30 Minuten Fahrweg durch die Stadt zum Kitaplatz auf sich nehmen sollen – egal wo deren Arbeitsplatz liegt – oder von Eltern, die bereits geklagt und dabei gewonnen haben.

Fakt ist:
es gibt zu wenig Kita-Plätze auf zu viele Neugeborene Kinder. Laut den Initiatoren von kitakriseberlin.org fehlen deutschlandweit 300.000 Kitaplätze, allein 3.000 in Berlin. Eltern sind verzweifelt, und finden trotz monatelanger Suche keinen Kita-Platz für ihre Kinder. Eltern bewerben sich in Kitas (die sie sich nicht anschauen und mit deren Konzept sie nicht einhergehen) schon wenn sie wissen, sie bekommen ein Baby. Sie wissen das Geschlecht nicht oder in welcher Klinik sie entbinden, wissen nicht, ob ihr Sohn oder ihre Tochter besser bei einer Tagesmutter, in einer größeren heterogenen oder homogenen Gruppe gut aufgehoben sind, aber einen Kitaplatz müssen sie gezwungenermaßen trotzdem beantragen. Es gibt Geschichten von Eltern die sich in mehr als 100 Kitas beworben haben, bisher vergeblich.

Die Folgen dessen – könnte man jetzt meinen – sind nur Konsequenzen für die betroffenen Eltern, aber das ist so nicht richtig, die Folgen betreffen uns ALLE.

Die Eltern

Am schlimmsten, weil existenzbedrohend, trifft es natürlich die Eltern deren Kinder bisher keinen Kita-Platz haben. Sie haben ja kaum Optionen, müssen entweder ihren Job aufgeben und sich arbeitslos melden oder die Elternzeit verlängern – natürlich ohne bezahlt zu werden. Sie brauchen in jedem Fall jemanden, der die Betreuung des Kindes übernimmt. Wenn die Großeltern selber noch arbeiten oder schlichtweg in einer anderen Stadt wohnen, geht die Idee vom „Generationenvertrag“ nicht mehr auf. Um sich ein Aupair für die Kinderbetreuung leisten zu können, muss man Auflagen erfüllen, wie z.B. ein eigenes Zimmer oder Wohnung, Taschengeld, Zeiten für Selbststudium (deutsch lernen) und natürlich auch Freizeit – das ist also eher eine Luxus-Lösung, es sei denn man findet Familien die sich ein Aupair teilen wollen. Plätze bei Tagesmüttern sind genauso wenig vorhanden wie Kita-Plätze. Es bleibt vielen momentan nur der Schritt zum Gericht, zur Einklage des gesetzlich zustehenden Kita-Platzes.

Merke! Bei positivem Schwangerschaftstest, sollte man ggfs. neben der Kita-Bewerbung auch direkt eine Rechtsschutzversicherung abschließen.

Die Erzieher

Diese trifft es insofern hart, als dass sie derzeit sowieso damit kämpfen, dass es nicht genügend Erzieher gibt. Der Beruf leidet im Allgemeinen unter dem Ruf, stressig zu sein, die Verantwortung ist sehr hoch und die Bezahlung der Aufgaben nicht adäquat. Hinzu kommt, dass die meisten Erzieher nicht mal 40 Stunden angestellt werden, sondern durch die teils krummen Planstellen basierend auf der Schlüssel-Berechnung [x Erzieher auf y Kinder mit jeweils z Stunden laut Kitagutschein] eben noch weniger Gehalt bekommen, als wir Eltern uns oft vorstellen. Ein Blick in die Tariftabellen, die Kitaträger offen legen, macht das Gefälle deutlich. Warum Gefälle? Na weil wir nicht weniger, als eine kreative, tolerante, einfühlsame, aber auch Grenzen-aufzeigende Arbeit ggü. unserer Kinder erwarten . Individuelle Bedürfnisse sollen erkannt und gefördert werden, das Beschäftigungsangebot soll breit gefasst werden und ein offenes Ohr für die Belange der Eltern, sollen Erzieher auch noch haben. Ziemlich viel, fast unbezahlbar, wenn dann viele Kinder zu betreuen sind und neue, unterstützende Kollegen auf sich warten lassen.

Die Kitas

Die Kitas haben das Problem, dass es zu wenige Bewerber gibt. Und das auch die meisten Einrichtungen bereits aus allen Nähten platzen, Bewerber auch deshalb ausbleiben, weil die Gruppenstärke eben teils schon groß und fordernd ist. Fallen dann Kollegen wegen Krankheit oder Schwangerschaft oder einfach auch nur Urlaub aus, gibt es keine „Springer“-Konzepte mit Kollegen die zur Deckung dieser Lücken einsetzbar sind. Die Kitas bemühen sich weitestgehend mit Praktikanten und Studenten den Bedarf zu decken, aber diese dürfen natürlich nicht ohne einen ausgebildeten Erzieher Kinder hüten. An Bewerbertagen buhlen die Einrichtungen dann um neue Erzieher, locken mit Fortbildungen und Freizeitausgleich bei Überstunden, aber das alleine reicht noch nicht, um dem Beruf die Mengen an Nachwuchskräften zuzuspielen, die es eigentlich bräuchte. Deswegen würde sich das ganze Problem auch tatsächlich gar nicht lösen, würden mehr Kitas gebaut werden, denn auch dort würde das Personal fehlen.

Die Kollegen von Eltern

Wenn die nicht aus der Kategorie SUPERSCHLAUBERGER („Ja, dann hättet ihr die Kinder eben nicht bekommen sollen“) sind, dann verstehen sie sicherlich auch, dass das gute Klima am Arbeitsplatz mit den Kollegen nur so schön ist, wenn die Kollegen auch da sind. Sind sie das nicht, weil sie wegen dem fehlenden Kitaplatz nicht arbeiten können, hat das natürlich auch Auswirkungen auf den Arbeitgeber und die Kollegen. Ersatz muss gefunden und eingearbeitet werden, gut ausgebildete Mitarbeiter aufgegeben werden, nur weil deren Kinder nicht versorgt sind. Ein wirtschaftlicher Gau. Denn wenn das bei der Hälfte der Belegschaft so ist, kann man sich leicht ausrechnen, dass das Konsequenzen hat. Es gibt auch das Gegenteil,  Arbeitgeber, die eigene Kitas im Haus haben und sich so um den Nachwuchs der Angestellten kümmern – berühmtester Kindergarten ist der des Bundestages. Allerdings bildet das auch nur einen Ausschnitt ab, diese tolle Möglichkeit kann die Mehrzahl der Arbeitgeber nicht bieten.

Und was kann man jetzt tun?

Das Gesetz, zum Anrecht auf einen Kitaplatz, ist richtig und wichtig. Noch besser wäre aber, es würde genügend Kita-Plätze geben, passend zur Forderung die Geburtenraten nach oben zu optimieren und als gutausgebildete Eltern auch weiter im Beruf zu bleiben. Fachkräfte im Job zu halten gelingt aber logischerweise nur, wenn deren Kids gut versorgt sind. Und nicht nur in der Kita, bei Schulen und Freizeiteinrichtungen, Hort- und Ferienbetreuung geht es weiter.

Trugschluss Klage
Ein wichtiger Punkt bei allen die jetzt denken „Klage!“: jeder Kita-Platz der eingeklagt wird, bedeutet, dass der Schlüssel sich weitet. Dass 1 oder 2 Kinder mehr in eine bestehende Gruppe kommen. Dass unsere Erzieher, bei gleichem Lohn, noch mehr Kinder betreuen müssen. Dass Kita-Einrichtungen nicht anbauen, sondern das „mehr“ tragen müssen. Die juristische Konsequenz wird auf dem Rücken unserer Kinder, Erzieher und Kita-Einrichtungen ausgetragen.

Deswegen kann man jetzt vor allem eins tun: Bewusstsein für das Thema schaffen!
Attention schaffen, Alarm machen, auf die Straße gehen, ja, Demonstrieren.

Eine Gruppe von Eltern, bestehend aus deutschen und internationalen Familien; aus Angestellten, Geschäftsführer*innen, Künstler*innen, Arbeitssuchenden und Studierenden, denen die Kitaplatz-Not in Berlin große Sorgen macht, haben für diesen Samstag eine Demo auf die Beine gestellt. Ziel ist ganz klar, eine öffentliche Debatte zu dem Thema anstoßen und die lokale Politik aufrütteln.

Wir haben Ann-Mirja aus dem Team der Kita-Krise-Eltern befragt:

1. Wen adressiert ihr ganz konkret mit der Demo? Den Senat? Oder die breite Öffentlichkeit? 
Unsere Petition und auch wir adressieren die Bildungssenatorin Frau Scheeres und natürlich auch Michael Müller, den Berliner Bürgermeister. Wichtig ist uns aber auch, dass wir überhaupt auf das Thema aufmerksam machen, das bedeutet, dass viele Leute noch gar nicht wissen, dass es dieses Krise überhaupt gibt. Viele sagen: dann gründet doch eine eigene Kita… schöne Idee, aber ohne Erzieher*innen unmöglich.

2. Sind neben der Demo weitere Aktionen geplant? Weitere Demos? Oder Guerilla-Aktionen, dass man zB einen Tag lang die Türen des roten Rathauses mit Kinderwagen blockiert um zu zeigen, wie es ist, wegen Kindern nicht arbeiten zu können?

Die Demo fordert derzeit unsere ganze Aufmerksamkeit und bündelt all unsere Kräfte. Wir sind eine kleine Gruppe von Eltern, die das Ganze organisiert, deshalb: nein, wir können leider „nur“ die Demo organisieren. Natürlich legen wir danach nicht die Hände in den Schoss und sagen: wie schön, tolle Demo, danke! Auch danach werden wir weiter kämpfen. Wer dann dabei ist, wie es weiter geht….das werden wir zwei Wochen nach der Demo besprechen, wenn wir mal wieder geschlafen haben 🙂

3. Wie weit involviert sich die IHK in das Thema, denn ein Teil des Problems ist ja auch ein Mangel an Nachwuchserziehern? Haben die Programme um den Beruf attraktiv zu machen? Oder gibt es einen speziellen Verband für Erzieher, die deren Interessen vertreten (der mir nur noch nie begegnet ist)?

Die IHK involvieren wir nicht, wir arbeiten mit der GEW zusammen, mit LEAK. Warum es keine Erzieher gibt ist nicht Schuld der Gewerkschaften, es ist die Schuld der Politik, die diesen Beruf weder gut genug bezahlt noch mit der Anerkennung versieht, die verdient ist. In Berlin beenden jährlich knapp 1.000 Erzieher ihre Ausbildung, aber nur 10-20% arbeiten am Ende auch als Erzieher. Viele wandern ab, studieren etc., weil der Beruf einfach zu stressig ist. Was dazu kommt ist: der sich schon wieder verschlechternde Betreuungsschlüssel. Die Erzieher müssen immer mehr Kinder betreuen.

4. Wen wollt ihr konkret alles bei der Demo dabei haben? Eltern, Kinder, Erzieher, Kita-Leiter, Träger? Hab ich wen vergessen?

Wir wünschen uns natürlich, dass so viele Menschen kommen wie möglich: Eltern, Schwangere, Erzieher und und und. Jeder, der für unser Motto: „Kitaplätze schaffen, Erzieher*innen unterstützen – und das ohne Qualitätseinbußen“ brennt, ist willkommen.
Ann-Mirja

TV-Journalistin und Pressearbeit, Kita-Krise Berlin

Wir haben eine klitzekleine Ahnung davon, wieviel Arbeit und Vorbereitung die Organisation eines solchen Groß-Events sein muss. Deswegen gibt es hier auch keinen zweiten und dritten Anlauf, sondern diesen Samstag wollen wir so viele Interessierte wie möglich mobilisieren. Wir selber sind natürlich auch dabei! Und wir freuen uns über jeden einzelnen mehr, der oder die mit uns für mehr Kita-Plätze auf die Straße gehen.

Um das ehrenamtliche Kita-Krise-Team finanziell zu unterstützen, geht es HIER zur Petition. Die Demo kostet viel Geld: für Flyer, Plakate, Lautsprecher und vieles mehr. Die Demo soll baby-und kinderfreundlich werden mit einer Spielecke, Kinderschminken und Clowns.

Demo

WANN: Die Demo wurde einen Tag vorverlegt auf Samstag den 26. Mai

WO: Dorothea-Schlegel-Platz (S und U-Bahnhof Friedrichstraße), Berlin Mitte

START: 10 Uhr KUNDGEBUNG,
11 Uhr Brandenburger Tor – 14 Uhr endet die Veranstaltung

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Foto Credits: kitakriseberlin.org