Jennifer Sutholt hat ihre Familienplanung selbst in die Hand genommen. Die 36-jährige Flugbegleiterin aus Berlin wünschte sich lange ein Kind, doch der richtige Mann kam und kam nicht. Heute ist Jennifer Single und sogenannte Co-Mama. Sie hat sich einen Mann gesucht, um mit ihm ein Kind zu bekommen. Nicht mehr und nicht weniger.

Hier erzählt uns Jennifer ihre Geschichte. Wie und warum alles so kam und wie es ihr damit geht…

“Wie das Leben als Frau mit 30 oder Mitte 30 so aussieht, dazu hat zwar jeder seine eigene Vorstellung, aber meistens stellt man sich automatisch einen Ehemann oder Lebenspartner vor, 1,4 hübsche Kinder, eine schöne Wohnung oder ein Haus. Einen Hund vielleicht noch. Aber was, wenn man dann wirklich mal so alt ist und alles noch ist wie mit 26? So war es jedenfalls bei mir, ich war Single, hatte 0,0 Kinder, keinen Hund und eine kleine Mietwohnung. Und das am 30. Geburtstag. Wie eine Versagerin habe ich mich gefühlt, nichts hatte ich bis dahin vorzuweisen und ich wollte doch so gerne Kinder, Familie, einen Hund. Sich da nicht zumindest ein bisschen schlecht zu fühlen ist gar nicht so einfach. Ich habe mich damals ziemlich mies gefühlt und es hat auch Jahre gedauert, das anders zu sehen. Denn nicht jeder Topf findet seinen Deckel zum richtigen Zeitpunkt. Keine Ahnung, warum es nicht geklappt hat, mein Traumprinz braucht wohl etwas länger, aber mir lief dann zumindest gedanklich irgendwann die Zeit davon. Seit dem unsäglichen 30. Geburtstag beschäftige ich mich mit dem Thema, habe mir viele Gedanken gemacht und verworfen, gehadert, getrauert, war wütend. Und langsam formte sich die Idee, dass ich es wohl alleine schaffen muss mit der Familie. Mutter, Vater, Kind, das schien für mich nicht drin zu sein, also musste ein neues Konzept her. Dann kam ein toller Mann um die Ecke und ich dachte, jetzt geht es los, das Leben als Familie. Leider sah er das ein bisschen anders, “ja, mal sehen, später”. Wir haben uns dann getrennt, weil ich einfach keine Lust mehr hatte, dieses Später abzuwarten und er mir nicht im Weg stehen wollte.

Aber irgendwie hatte es dieses Mal klick gemacht. Ich war so unfassbar wütend, dass die Suche jetzt wieder beginnen sollte, mit immer mehr Druck, immer mehr dem Gefühl, zu spät dran zu sein, immer unentspannter meinerseits. Ich beschloss, aus diesem Kreislauf auszubrechen und mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Eigentlich wollte ich mir meinen Wunsch nach einem Kind mit einem Samenspender erfüllen, obwohl mich das nicht zu 100% glücklich gemacht hätte. Aber so hätte ich die Fäden in der Hand gehabt und selbst die Initiative ergriffen. Schließlich war ich vor ein paar Jahren auch schon fast an diesem Punkt gewesen. Doch zufällig kam ich mit einer Kollegin ins Gespräch, die mit einem Freund als Co-Eltern einen kleinen Sohn hat. So lernte ich das Konzept kennen: ein Kind mit einem Mann bekommen, mit dem man nur befreundet, aber nicht zusammen, ist, man lebt in getrennten Wohnungen und das Kind lebt mal hier, mal da, ähnlich wie bei getrennten Eltern, nur hoffentlich harmonisch und ohne Streit, da keine emotionalen Verletzungen durch die Trennung vorliegen. So der Idealfall. Das hörte sich für mich gut an, zumal ich in meinem Beruf als Flugbegleiterin auch mal mehrere Tage unterwegs bin und mein Kind dann optimal versorgt wissen wollte. Meinen Eltern wollte ich das nicht zumuten, jedenfalls nicht ständig und eine Fremdbetreuung kam für mich nie in Frage, das Kind sollte immer bei einer Bezugsperson sein. Außerdem ist es toll, einen Papa zu haben, meiner ist großartig und ich möchte ihn nicht missen. Besagte Kollegin lieferte mir meinen Co-Vater gleich mit, einen Freund von ihr, der auch unbedingt ein Kind haben wollte. Da hatte ich wirklich sehr großes Glück. Kurz entschlossen trafen wir uns, mochten uns sofort und beschlossen nach einem Abgleich der Vorstellungen, es als Co-Eltern zu versuchen. Ich hatte mir vorher genau überlegt, was für mich unverhandelbare Eckpunkte waren, das Kind sollte z.B. meinen Nachnamen tragen. In diesen Dingen muss sich aber jeder selbst Gedanken machen, was ihm wichtig ist. Er war da weniger festgelegt und konnte deshalb meine Bedingungen gut akzeptieren. Wir haben sehr ausführlich über alle möglichen Eventualitäten gesprochen, soweit das im Vorhinein möglich ist, grundsätzliche Werte sollte man ja schon teilen. Es bringt nichts, wenn man sich dann beim Impfthema zerfleischt. Wobei ich auch verheiratete Paare kenne, die genau das dann getan haben. Man weiß ja nie ganz sicher, wie sich alles ändert, wenn ein Kind da ist, auch bei Paaren nicht. Von daher denke ich, dass wir wirklich alles sehr gut durchdacht haben. Nach dem ersten Treffen lernten wir uns mehrere Monate kennen, es passt aber ganz gut und so legten wir recht schnell los. Da er durch die Kollegin quasi vor-ausgesucht war, fühlte ich mich relativ sicher. Hätte ich ihn über eine der Internetseiten zum Thema Co-Parenting kennengelernt, dann hätte ich mir sicher länger Zeit genommen mit dem Kennenlernen. Es dauert ja ungefähr ein Jahr, bis man in meinem Alter schwanger wird, wir dachten also, lieber frühzeitig anfangen. Dass es beim ersten Versuch klappt, das hätte keiner gedacht, wir waren sehr überrascht, aber auch überglücklich. Entstanden ist das Kind durch die Bechermethode, da wir die junge Freundschaft nicht mit Sex überfrachten wollten.

Planning Mathilda Co-Parenting

Mein Umfeld hat auf die Idee des Co-Parentings und die Schwangerschaft eigentlich durchwegs positiv reagiert. Wahrscheinlich, weil es einfach zu mir passt, ich bin schon immer andere Wege gegangen als andere. Meine Eltern waren nach kurzem Zögern begeistert und als ich dann schwanger war, kaum zu halten vor Freude. Sie lieben die Kleine abgöttisch, mit dem Papa verstehen sie sich gut. Auch von Fremden kam wenig Kritik, obwohl ich das Thema ja wirklich offen kommuniziere. Ich sehe es nicht als scheitern an, dass es mit dem Ehemann, Haus und den 1,4 Kindern nicht geklappt hat. Nicht mehr. Wie bereits erwähnt war es keine spontane Entscheidung, sondern ein jahrelanges Reifen einer Idee, denn man sollte sich sehr genau damit auseinandergesetzt haben, was man wirklich will. Nur nicht alleine sein? Einen Partnerersatz? Bedingungslose garantierte Liebe? Dann wäre wahrscheinlich ein Hund die bessere Wahl. Aber für mich kann ich sagen, ich hatte Lust auf das Abenteuer, ein Kind durch die ersten Jahre seines Lebens zu begleiten. Deshalb finde ich den Vorwurf, ich hätte egoistisch gehandelt, eigentlich gar nicht zutreffend, denn ja, es ist immer egoistisch, ein Kind zu bekommen. Das Kind wird niemals gefragt, ob es das so wollte, aber ich finde, eine bewusste Entscheidung fürein Kind, die sehr gut durchdacht ist und der Versuch, diesem Kind im Rahmen meiner Möglichkeiten das beste Lebensmodell zu gewährleisten, ist nicht egoistisch. Das darf natürlich jeder gerne anders sehen. Tatsächlich habe ich nur zwei kritische E-mails bekommen, in denen beide Mal das der Vorwurf war. Eine gute Quote. Ich habe mich wirklich eingehend mit dem Thema beschäftigt und ich denke, das merkt man im Gespräch auch. Sicher ist das Thema auch sehr zeitgemäß, denn Mutter-Vater-Kind ist ein Ideal, das in sehr vielen Familien gar nicht mehr vorherrscht. Jede zweite Ehe wird geschieden, in Berlin lebt jedes dritte Kind bei getrennten Eltern, vielleicht ist es einfach auch an der Zeit für neue Familienmodelle. Ganz sicher ist unsere Tochter ein sehr gewünschtes Wunschkind, das von beiden Eltern wahnsinnig geliebt wird und das ist sehr viel wert. Egal ob die Eltern mal ein Paar waren oder nicht.

Mittlerweile stehe ich voll hinter dem Konzept, bei uns zumindest passt und funktioniert es großartig und ich hoffe, dass meine Geschichte anderen Frauen Mut macht und die Hoffnung gibt, dass es auch andere Wege geben kann. Tatsächlich habe ich einige E-mails von Frauen bekommen, die mich um Rat fragen und ich finde den Austausch toll. Sogar getroffen habe ich schon einige Damen, die in ähnlichen Lebenssituationen sind und sich meinen Rat holen.

Meine Schwangerschaft verlief problemlos. Wir trafen uns regelmäßig, lernten uns besser kennen, er war bei den Arztterminen dabei, half mir bei verschiedenen Aktionen wie Ikeabesuchen etc. und war auch sonst immer für mich da. Da wir ein geteiltes Sorgerecht vereinbart haben, hat er schon vor der Geburt die Vaterschaft anerkannt und zahlt mir ganz normal Unterhalt für das Kind. Das war mir wichtig, denn ganz pragmatisch sollte man auch das Finanzielle nicht aus den Augen verlieren. Kinder sind nicht billig und wir teilen uns die laufenden Kosten. Da ich nach der Elternzeit nur Teilzeit arbeiten kann für einige Jahre, um die Betreuung unserer Tochter zu garantieren, fallen eben auch versteckte Kosten an, wie z.B. Verluste bei der Rente.

Da die Geburt ein Kaiserschnitt sein musste, war der Vater erst ab der zweiten Hälfte dabei, davor war meine Mama bei mir, um mir die Angst zu nehmen. Wäre die Geburt natürlich gewesen, so habe ich mir erbeten, es spontan zu entscheiden, ob er direkt mit im Kreißsaal sein kann oder ob mich das stresst. Das war für ihn total ok. Trotzdem war das sicher für uns beide der schönste Tag in unserem Leben, naja, minus das Erlebnis des Kaiserschnittes, das hätte jetzt nicht sein müssen.

Inzwischen ist unsere Tochter schon 8 Monate alt und es hat sich eine feste Routine eingespielt. Wir hatten vorher vereinbart, dass sie die Säuglingszeit ausschließlich bei mir wohnt und er kommt mehr oder weniger täglich zu Besuch und spielt mit ihr, sie machen gemeinsam Mittagsschlaf und wenn sie etwas älter ist, wird sie dann auch langsam die ersten Nächte bei ihm verbringen. Ich bleibe 1,5 Jahre zu Hause, um es ihr so einfach wie möglich zu machen. Wir haben immer gesagt, dass wir uns so weit wie möglich an den Wünschen des Kindes orientieren werden. Momentan ist sie noch sehr anhänglich mit mir, aber auch das wird besser. Ob das an der besonderen Situation liegt? Ich denke nicht. Ich war als Kind auch so, nur Mama durfte ran. Bei meiner Freundin darf der Papa nur gucken und nicht mal auf den Arm nehmen. Ich denke, es ist eine Charakterfrage. Bei anderen Co-Eltern wechseln sich die Parteien zum Teil sehr früh ab, das wollten wir so nicht praktizieren. Aber sie liebt ihren Papa sehr und freut sich, wenn er sie besucht. Alles in allem läuft es bis jetzt sehr gut, Papa ist meistens mittags da und so habe ich ein paar Stunden für mich – zum Kochen und Putzen und was eben sonst noch so anfällt. Dadurch habe ich es relativ leicht und auch wenn ich die Abende und Nächte mit dem Kind alleine bin, so habe ich doch nie das Gefühl, dass es zu anstrengend ist oder ich den Partner an meiner Seite vermisse, der mir etwas abnimmt.

Nachts hilft sowieso nur stillen und ich kenne es ja auch nicht anders. Zusätzlich fallen für mich alle anderen Rollen weg, die man sonst so einnimmt im Leben. Ich bin nur Mutter. Wenn ich müde bin, gehe ich um 18:30 ins Bett und niemand ist beleidigt, dass ich keine Paarzeit mit ihm verbringe. Ich kann mich voll und ganz nach dem Kind richten und muss auf niemanden Rücksicht nehmen, da fällt auch viel Konfliktpotential weg.

 

Einen Partner hätte ich schon gerne wieder und freue mich darauf. Natürlich muss es jemand sein, der die Situation entspannt hinnimmt, sonst geht das nicht, denn die Kleine hat einen aktiven Vater, der sehr präsent ist, das muss ein neuer Mann an meiner Seite akzeptieren. Vermisst habe ich bis jetzt aber nichts, ich bin eher der Typ Macher und bin es gewohnt, mich um alles selbst zu kümmern. Trotzdem fühle ich mich nicht alleinerziehend, denn ich könnte ja jederzeit anrufen und er würde vorbeikommen und mir die Kleine abnehmen, wenn die Zähne sie quälen oder sonst etwas im Argen liegt. Auch fällen wir alle großen Entscheidungen gemeinsam, das gibt auch Halt.

Mein Fazit zu unserem Familienmodell bis jetzt: es läuft ziemlich gut, besser sogar als ich das gedacht hätte. Erst im Laufe der Zeit haben sich sogar Vorteile herauskristallisiert, die ich vorher gar nicht bedacht habe, z.B. wird sie ja, wenn sie älter ist, 2-3 Tage die Woche bei ihm wohnen und ich kann dann wirkliche Freizeit genießen – ein wertvolles Gut als Mama. Spannend wird es auch, wenn ich wieder arbeiten gehe und sie dann mehrere Tage beim Papa bleiben muss, aber auch das werden wir gut meistern.

Sicher hätte ich gerne den klassischen Weg beschritten, aber da sich das nicht ergeben hat, bin ich mehr als froh, dass ich den Mut hatte, einen ungewöhnlichen Weg zu gehen und nun mit meiner wunderbaren Tochter belohnt wurde.”

Ich habe Jennifer nun ein Jahr, nachdem sie mir ihre Geschichte erzählt hat, gefragt wie es ihr geht und wie das Co-Parenting so läuft? Aktueller Status: 

„Wir sind immer noch gut befreundet, unser Modell läuft großartig. 50/50 war bei uns nie angedacht, wir handhaben das flexibel, bei unserem Beruf als Flugbegleiter anders nicht möglich. Wenn ich arbeite, ist sie bei ihm, zwischendurch natürlich auch, aber sie wird auch noch gestillt, sie ist ja noch nicht mal 2 Jahre alt. 
Alle Beteiligten sind aber mit der Situation sehr zufrieden, sie liebt ihren Papa und ist sehr gerne bei ihm, ich kann entspannt wieder arbeiten, weil ich weiß, dass sie gut versorgt ist und er platzt vor Stolz über seine Kleine und die Verantwortung, die er jetzt hat, wenn sie 5 Tage bei ihm ist.“
Liebe Jennifer, wir wünschen Euch alles Gute und danken Dir, dass Du Deine Geschichte mit uns geteilt hast!

Jennifer Sutholt hat einen Blog auf dem sie aus ihrem Leben berichtet. Hier könnt ihr Jennifer und Mathilda verfolgen: planningmathilda.com