Ja, ernsthaft. Mir will schon viel zu lange nicht in den Kopf, warum es für Eltern mehrheitlich, besonders für Mütter, nur Vollzeit oder die Aufstiegschancen-lose Teilzeit gibt. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, denn es gibt immer jemanden, den wir kennen, bei dem es anders und gut gelaufen ist. Aber es gibt auch noch sehr viele Eltern, mehrheitlich Mütter, bei denen es überhaupt nicht gut läuft.

Allein die Herausforderungen, vor denen Alleinerziehende stehen – häufig ohne eine andere Wahl – sind schon traurig und anstrengend genug, um dagegen gemeinsam als Gesellschaft zu protestieren. Aber insgeheim sind eigentlich noch viel mehr von einer Form der Diskriminierung betroffen – die z.B. anders als Mobbing – noch nicht aktiv genug durch Politik und Volksvertreter angegangen wird. Fangen wir zunächst mal damit an die Probleme sichtbar zu machen:

Klischee-Matrix –
Die Probleme von berufstätigen Eltern

DU

bist Vater

arbeitest in Vollzeit

machst 0% Abstriche für die Kinder

hast 0,0 Probleme*

arbeitest in Vollzeit

machst 2 Monate Elternzeit

darfst dir doofe Sprüche anhören, dass deine Frau zu Hause die Hosen anhat

arbeitest in Teilzeit

teilst die Eltern- und Familienzeit zu 50% (du versuchst das zumindest)

wirst von deinen Kollegen nicht verstanden, nach Bierrunden wird nicht mehr gefragt, dein Chef wird dich demnächst nicht befördern

bist Mutter

arbeitest in Vollzeit

machst 0% Abstriche für die Kinder

bist deinen Kollegen unheimlich, dein Chef liebt dich und du machst Karriere. Deine Kinder werden fremdbetreut, was rechnerisch nur durch einen Karrieresprung finanzierbar ist. Dein Mann steht hinter dir, denn falls nicht, hättet ihr vermutlich Beziehungsprobleme.

arbeitest in Vollzeit

kannst keine Abstriche machen, weil du alleinerziehend bist

bist deinen Kollegen unheimlich, dein Chef beäugt dich und dir sind finanziell die Hände gebunden. Frei wählen, wieviel Zeit du bei der Arbeit, mit deinem Kind oder für dich verwenden kannst? Pustekuchen. Du hoffst immer, dass dein Kind oder du nicht krank werdet, sonst wird wieder getuschelt.

arbeitest zu 75% in Teilzeit

kümmerst dich mehrheitlich um deine Kinder

arbeitest – wenn man es genau nimmt – genauso viel wie alle anderen, die 10 Stunden weniger machen sich kaum bemerkbar. Bonuszeit für dich schon gar nicht. Du bekommst Job und Kids und Haushalt und Beziehung und Freunde halbwegs in den Griff. Für Sprünge nach oben ist klar, dass ein anderer Faktor zurückstecken müsste. Nur welcher?

arbeitest zu 50% in Teilzeit

kümmerst dich mehrheitlich um deine Kinder

sitzt volles Pfund in der “Teilzeitfalle”. Du bist fleißig und arbeitest in der Zeit die du anwesend bist, genauso hart wie jemand mit 40 Stunden. Wird aber nicht gesehen. Mehr Verantwortung bekommst du nicht. Über Aufstiegschancen würdest du dich gerne mal informieren, aber dein Chef kriegt das Grinsen nicht aus dem Gesicht, als du das Thema ansprichst. Du sollst ihm stattdessen erklären wie du das schaffen willst und dass man ja nur durch mehr Anwesenheitszeit verantwortungsvoll eine Führungsposition** begleiten kann. Na Prost.

arbeitest gar nicht

kümmerst dich zu 100% um deine Kinder und würdest gerne auch arbeiten

du stehst nach der Elternzeit ohne Job da, eine Zeit lang war das “okay” für dich. Eigentlich möchtest du neben der Kinderbetreuung noch etwas machen, was du vor den Kindern gelernt hast, was dich interessiert und was dir Abwechslung zu den Verpflichtungen zu Hause verschafft. Mit steigender Zahl der Kinder wird deine Herausforderung größer einen Job zu finden, den du gerne machen willst. Diese selbstbestimmten Insta-Moms gehen dir irgendwann gehörig gegen den Strich!

arbeitest gar nicht

kümmerst dich zu 100% um deine Kinder und bist genauso glücklich

Heimchen- und Hausfrauen-Sprüche perlen an dir ab. Du willst rund um die Uhr für deine Kinder da sein und arbeitest daher momentan nicht. Du wirst extern finanziert und du zahlst nicht in die Rentenkasse ein. Scheidungsraten sind auch nur eine Zahl und sollte es doch dich treffen, kannst du dir dann immer noch einen Plan B überlegen. (…und Eheverträge lassen sich anfechten.)

willst Mutter werden

arbeitest in Vollzeit

möchtest mindestens 1 Jahr in Elternzeit gehen und danach “normal” zurück in deinen Job

hast bisher keine Vorstellung davon, ob oder wie sehr (d)ein Kind ein Problem für deinen Arbeitgeber ist – ihr werdet euch nochmal neu kennen- und schätzen lernen.

willst Vater werden

arbeitest in Vollzeit

möchtest mindestens 2 Monate in Elternzeit gehen und danach “normal” zurück in deinen Job

denkst, du bist ein ziemlich moderner Vater und gehst davon aus, dass dein Arbeitgeber keinerlei Probleme mit deinen Vorstellungen hat – we will see!

* solange du ab und zu auch noch n Feierabend-Bierchen mit den Kollegen trinken gehst

** deine Freundin aus der Kita sagt dir, du kannst anbringen, dass du als Mutter bereits Skills im führen von kleinen Organisationen hast, aber du weißt, das Argument würde dich nur doofer dastehen lassen, denn ein Nachmittag auf dem Spielplatz mit fünf Dreijährigen ist eben nicht vergleichbar mit Unternehmen. Du streichst die Idee von deiner imaginären Liste.

Kinder sind noch viel zu oft ein “Show Stopper”

Die Matrix ließe sich leider noch beliebig weiter befüllen. Mit Differenzierung nach erstem, zweiten, x-ten Kind. Kindern aus einer einzigen Beziehung oder aus einer Patchwork-Konstellation, Kindern von gleichgeschlechtlichen Elternpaaren, Pflegekindern, Adoptivkindern, Halbwaisen, chronisch kranken Kindern, usw.

In unserer Serie “We are Family” und unserem zugehörigen MUMMY MAG PAPER haben wir deutlich gemacht, wie wunderbar bunt Familie ist und schon immer war, das normalste der Welt sozusagen. Aber in Kombination mit dem Job und der Möglichkeit, sich darin zu entfalten, aufzusteigen, zu wachsen, sind Kinder viel zu oft noch ein sog. “Show Stopper”.

So ist es doch arg verwunderlich, warum jemand 3 Monate lang auf ein Sabbatical nach Papua Neuginuea zur Selbstfindung gehen kann und dafür von den Kollegen gefeiert wird, aber Eltern die sich um ihre Kinder kümmern, müssen bei der Ankündigung mehrere Monate off zu sein um ihren Job bangen? Warum wird anerkannte Leistung und fundierte Ausbildung plötzlich dem Erdboden gleich gemacht, weil man sich schlicht und simpel fortpflanzt. Aufgrund der Tatsache, dass niemand wegen seines Familienstandes diskriminiert werden darf, es aber ganz offensichtlich passiert, wächst der innere Konflikt für Angestellte. Wie weit sollte ich mich eigentlich öffnen und die Kollegen in die Familienpläne einweihen.

„Bloß nicht stolpern auf der Karriereleiter“

Statistiken die besagen, dass zu den meisten Orten, an denen sich Paare finden, der Arbeitsplatz gehört, gibt es zuhauf. Und genauso wie man dort den/die Partner/in fürs Leben findet, trifft man dort auch auf Menschen die beste Freunde werden und die mehr über einen selbst wissen, als einem später vielleicht irgendwann mal lieb ist. Andererseits lernen gesetzte Unternehmen und Branchen gerade von Startups, dass ein “Du” besser und wohliger klingt als ein “Sie”. Und das man sich in gewisser Weise öffnen muss, wenn man sich annähern will. Wenn man damit auch vor hat, z.B. alte Hierarchiegefüge aufzubrechen. So kommt es dann eben, dass wir doch anfangen zu erzählen, das Nachwuchs geplant oder unterwegs ist, das weiterer Nachwuchs vorgesehen ist und das die Arbeitszeit zukünftig reduziert werden soll. Nur um die ersten Jahre zu überbrücken und dann wieder voll einzusteigen. Oder eben auch nicht.

Der Arbeitgeber darf diese Informationen nicht gegen einen verwenden, darf es nicht als persönlichen Affront gegen sich auffassen, sollte das professionell unterstützen und seinen Angestellten eine maximal mögliche Freiheit gewähren.  Als Arbeitnehmer sollten wir nicht gezwungen sein, Jobs an den Nagel zu hängen. Es macht nämlich gar keinen Sinn, jemanden ziehen zu lassen, der bereits ausgebildet und gut eingearbeitet ist. Er ist Teil eines Kollegenteams und trägt womöglich längst Verantwortung im kleinen oder großen Stil. Jemand der gerne arbeitet und anderen ein Vorbild sein kann. Es ist aber trotzdem noch immens an uns Eltern, laut zu sagen was wir wollen. Wie viele Stunden können und wollen wir arbeiten, welche Arbeit schaffen wir gut und erfolgreich vom Arbeitsplatz aus oder z.B. auch von zu Hause. Möchten wir Arbeitsstunden ansparen, um diese bei Krankheit oder Kita-Schließtagen abzubummeln? Welche Erwartungshaltungen und Pläne hat unser Vorgesetzter mit uns? Welche Befürchtungen hat er, in Bezug auf unsere Elternschaft? Keine hoffentlich! Aber darüber zu sprechen und sich auszutauschen schafft die Basis für den nächsten Schritt – egal ob der mehr oder weniger Stunden bedeutet oder eine andere Aufgabe. 

Sind wir doch mal ehrlich und schauen in die Zukunft: Kinder machen nur eine Seite der Medaille aus. Auf der anderen Seite stehen unsere Eltern in Pflege, denn mit dem steigenden Alter der Lebenserwartung, steigt eben auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns nach unseren Kindern um die älteren Teile unserer Familie und Gesellschaft werden kümmern müssen. Und das wir dafür genauso einen Arbeitgeber brauchen, der Verständnis und Arbeitszeitmodelle entsprechend dafür bereitstellt. Wofür wir das brauchen geht den Arbeitgeber dann immer noch nichts an, aber wie schön ist es bitte, wenn man diese Schritte gemeinsam gehen und planen kann?

In einer stärker digitalisierten Welt, werden soziale Kompetenz und Tugenden eine wichtige Währung oder besser: der Kitt, der die Gesellschaft zusammen hält. Ein Wort muss was gelten, egal welche Seite es sagt. Wir brauchen Freiräume für Verpflichtungen und für Selbstverwirklichung. Genauso müssen wir lernen, uns darauf zu verständigen, dass auf Eltern Verlass ist und uns vertraut werden kann. Das wird alles spannend genug, deswegen braucht es echt keine Diskussionen mehr oder Zweifel daran, dass Menschen mit Kindern keine vollwertigen Arbeitskräfte sind. Wer sowas denkt, hat den Wandel bereits heute schon verschlafen!

Warum sollen wir eigentlich nur die Wahl haben, zwischen Vollzeit oder Aufstiegschancen-loser Teilzeit?

„Diese Fragen stelle ich mir nicht erst seit gestern. Sie beschäftigen mich tatsächlich schon länger. Mindestens so lange wie ich in verschiedene Arbeitszeitmodelle in Konzernen mit weit mehr als 10.000 Angestellten oder in kleinen Unternehmen in der Privatwirtschaft hineinschnuppern durfte. Schnuppern trifft es nicht ganz, denn berufstätig bin ich – nimmt man alle Jobs zusammen – bereits mehr als 20 Jahre. Ich habe schon als Teenager viele Aushilfs- oder Ferienjobs gemacht und dann einfach nicht mehr aufgehört zu arbeiten. Bis heute mache ich vieles parallel und würde wirklich überlegen, würde mir jemand einen weiteren Job anbieten, ob ich den nicht einfach auch noch annehme. Einen, den ich von Herzen gerne ausgefüllt hätte habe ich auf Eis gelegt. Das, was das Team da von mir gebraucht hätte, hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht leisten können.

Auch das gehört zum Erwachsenen-Joballtag dazu: lerne dich, deine Stärken und Schwächen, deine Talente und die Dinge an denen Dein Herz hängt, kennen. Dann lege es über deinen realen Alltag und finde heraus wie gut beides zusammen passt. Gibt es Abstriche und welche? Bin ich bereit darauf zu verzichten oder setze ich mir ein Ziel? In jedem Fall kommt dann etwas heraus, dass vermutlich nicht mehr ganz dem Arbeitszeitmodell der ursprünglichen Job-Beschreibung entspricht. Aber die Frage ist doch ehrlicherweise auch: schaffe ich die Aufgaben, die ich in der mir zur Verfügung stehenden Zeit leisten soll? Muss ich davon alles selber machen? Oder kann ich einen Teil davon abgeben? Auf uns werden mehr unternehmerisch-verantwortliche Fragen zukommen, aber nur wer auch so agiert, ist im nächsten Schritt auch bereit, mehr Verantwortung für andere zu übernehmen.“

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