“Mega Purzelbaum” oder “das ist aber ein schönes Bild, das du da gemalt hast.” oder auch – noch häufiger seit Quinn auf der Welt ist – “Danke, dass du gewartet hast. Das machst du richtig gut.” Ich lobe Philo oft und freue mich über sein Strahlen, das daraufhin folgt. Doch an dem Tag, als Philo mich das erste Mal von sich aus fragte. “Hab ich das gut gemacht?!” oder “Schau mal Mama, Fahrrad nur mit einer Hand. Super, oder?” bin ich nachdenklich geworden. Lobe ich ihn zu viel? Oder gar falsch?

Philo ist Fünf. Eines von Philos Lieblingsliedern ist Superjunge” von RotznRoll Radio. Kai Lüftner besingt darin einen Jungen, dem das “super machen” von Dingen so in Fleisch und Blut übergeht, dass er am Ende als eingebildeter Angeber keine Freunde mehr hat.

Superjunge hat ein Superbasecap auf und trägt einen Superumhang mit einem Superzeichen drauf, er spielt super Fußball und er tanzt Ballett…
Er kann super Fahrrad fahren, super nur mit einer Hand und verdient sich super viel dazu mit Superflaschenpfand.
Superjunge, gut dass es dich gibt, du bist in der ganzen Stadt total beliebt.
Superjunge, du bist voll mein Held und der supercoolste Junge auf der ganzen Welt.

Fakt ist: Er versteht den Dreh und die Ironie der Geschichte noch nicht. Auch wenn ich versuche, ihm zu erklären, dass immer “super” irgendwann “doof” ist. Ergo: wie kann ich verhindern, dass Philo mein Lob zu Kopf steigt. Umgekehrt, wie kommt mein Lob konstruktiv bei ihm an?

Als mich in meinem Gedankendilemma ums Loben und “Super machen” die Mail von einer Pädagogin zu ihrem neuen Projekt, einem Malort, erreichte, bat ich die Expertin kurzerhand, einen Text zu diesem Thema für uns zu verfassen:
Anna Noss ist Diplom Religionspädagogin, Mediatorin und Familienbegleiterin, sowie Fachkraft für Integration. Sie hat ein sozial-kulturelles Projekt mit aufgebaut, in einer Kita und einer Schule im Hort gearbeitet. Als Pädagogin und mehrfache Tante bündelt sie ihre Erfahrungen für alle, die mit Kindern in Kontakt sind auf kinderwärts.

Heute schreibt Anna für uns darüber, warum Lob nicht gleich Lob ist, warum ihrer Meinung nach, Eltern generell weniger loben sollten und wie wir unsere Kinder auch ohne Lob bestärken können.

Ich bin in Berlin Kreuzberg unterwegs. Vor mir läuft ein Vater mit seinen zwei Kindern, die abwechselnd auf einem Fahrrad fahren.„Und als wir das letzte Mal so gut geteilt haben, haben wir ein Eis bekommen…“ höre ich die eine Tochter sagen. „Ja“, sagt der Papa. Pause. Lange Pause. Er sucht nach Worten, denn ganz offensichtlich teilen die beiden Mädchen auch heute das Fahrrad sehr vorbildlich. Aber er möchte heute kein Eis kaufen. Er sucht noch nach Worten:„Das wird heute aber eher… Also, ihr habt zwar heute auch sehr gut geteilt. Aber …“ Sein Gestammel wird zu seinem Glück von der anderen Tochter unterbrochen. „Wir haben ja heute schon ein Eis gehabt.“ „Genau“ erwidert er erleichtert. Beim Weiterfahren höre ich aber noch aus der Ferne, wie die Mädchen fragen: „Aber wir haben doch soo gut geteilt, warum kriegen wir nicht noch ein Eis??“ Tja. Die liebe Sache mit dem Lob. Und on top noch der Belohnung.

Immer wieder schauen mich große Augen an, wenn ich sage, dass Lob keine so gute Idee ist. Entnervte Fragen an mich sind dann: „Ist das jetzt auch schon wieder falsch?“ Bisher dachte man doch immer viel Lob hilft viel! Nein. Leider hilft viel Lob nicht.

Was ist denn so falsch an Lob?

Lob als Feedback setzt im Gehirn Endorphine frei. Wir erleben also Glückshormone: wenn ich dies oder jenes tue, bekomme ich eine positives Feedback und somit ein schönes Gefühl. Was daran falsch ist? Wir erleben dieses Gefühl nur durch eine Reaktion von Außen. Das Agieren und das Gefühl dazu, ist nicht in unserem „Selbst“ gespeichert. Wenn wir also ein Lob bekommen, bildet sich eine Abhängigkeit vom Anderen/vom Außen und es bedarf der ständigen Rückmeldung. Kinder tun dann Dinge nicht mehr aus einem eigenen Antrieb heraus, was eigentlich ihre Natur ist. Dies kann sich übrigens sogar entwicklungshemmend auswirken.

Bei ständigem Lob werden Kinder daran gehindert, eigene Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.

Beziehung und Kontakt anstatt ungerichtetes Lob

„Kinder wollen nicht gelobt, sondern gesehen werden.“ Ich höre auf den Spielplätzen überall Eltern rufen: „Das machst du toll!“ Wir geben diese Rückmeldung an unsere Kinder mit der besten Absicht. Aber wenn Kinder schaukeln, rutschen, klettern, Sandburgen bauen, und uns rufen, wollen sie kein Lob. Sie wollen ihre Freude mitteilen, sie wollen einen kurzen Kontakt mit uns. Sie rufen uns nicht, um zu hören, dass sie etwas toll machen, sondern um zu teilen, dass sie etwas machen, was ihnen offensichtlich große Freude bereitet. Und die möchten sie mit uns teilen.

Es reicht oft schon, wenn wir einfach hinsehen und lächeln. Oder es sagen: „Ja, ich sehe ich dich!“ Oder „Macht es Spaß? Kitzelt es in deinem Bauch?“

Der Unterschied zwischen Lob und Bestärkung

Lob

Verbales Lob wird auf eine Leistung bezogen. Sprich: Das Verhalten von Kindern wird bewertet und der Erwachsene entscheidet, was gut oder schlecht, falsch oder richtig ist. Lob ist immer die Motivation von Außen. Heißt: Kinder lernen durch Lob nicht, sich selbst einzuschätzen, sondern gewöhnen sich an die Einschätzung von Außen. Kinder merken sich, dass es in der Rückmeldung nicht um sie als Person geht, sondern immer auch um eine Bewertung ihres Tuns. In dem Moment wo Lob weggelassen wird, kann das negativ gedeutet werden. Sind Kinder an Lob gewöhnt, fordern sie diese Rückmeldung auch ein: hab ich das schön/gut/toll gemacht? 

Es gibt jedoch durchaus konstruktives Lob. Dieses ist aufrichtig, kommt aus einer stimmigen emotionale Grundhaltung heraus. Außerdem wird der Gegenstand des Lobes genau benannt. Also nicht „mega!“, „super!“ „toll!“ losgelöst und ohne Begründung, sondern eher „Danke, lieb oder auch super, dass du aufgeräumt hast.“ oder Richtung Stolz „Du bist ein klasse Purzelbaumschlager.“ (ok, bei der Wortkreation muss ich jetzt schmunzeln)
Außerdem kann Lob auch nonverbal durch ehrlich empfundene Freude kommuniziert werden.

Bestärkung

Ich nehme dich so an, wie du bist, unabhängig davon was du leistest. Ohne von Außen kommuniziertes Lob lernen selbst einzuschätzen, was ihnen wichtig und erlernen in der Beziehung zu ihren Eltern, deren wichtige Werte kennen.  Das Selbstwertgefühl der Kinder basiert dann auf eigenmotivierten Erfolg und Dingen, die aus eigenem Antrieb geschehen sind. 

Eine ehrliche Reaktion, weil wir etwas wirklich gut finden

Wenn ein kleines Kind hilft die Spülmaschine auszuräumen, und wir es dafür loben, lernt das Kind: „Aha, es ist toll, dass ich die Spülmaschine ausräume, dafür bekomme ich ein Feedback und ein Lob“. Wir müssten unser Kind also jeden Tag loben, wenn es die Spülmaschine ausräumt und applaudierend daneben stehen.

Und wenn wir sie zu Beginn überschwänglich dafür loben, werden sie dieses Lob einfordern „Mama, hab ich das gut gemacht?“ und wenn wir das Lob weglassen, wird es automatisch zur Strafe. Keine Endorphine. Das Kind hat das nun so kennen gelernt und fragt sich: bin ich nicht richtig? Hab ich was falsch gemacht? Ich hab es doch so wie immer gemacht. Das Kind hat gelernt, wenn ich im Haushalt helfe, gibt es ein Lob. Warum soll es das weiterhin tun, wenn es dafür keins bekommt? Es gibt keine inneren Beweggründe dafür, also wird es wahrscheinlich damit aufhören.

Dann wiederum fangen wir an mit Methoden und Wenn-dann-Sätzen wie „Wenn ihr euren Teller abräumt, gibt es noch einen Nachtisch bzw. wenn ihr es nicht macht, gibt es keinen.“

Kinder wollen von sich aus selbstständig werden, sie wollen Verantwortung übernehmen und autonom werden. Das liegt in ihrer und unserer Natur. Gott sei Dank. Sonst müsstet ihr eurem 18jährigen Sohn noch die Schuhe binden.

Plötzlich beginnen sie und wollen „selber machen“ und „helfen“. Dann ist es an uns, dies zuzulassen und ja, das klappt nicht immer gleich, die restliche Soße läuft vom Teller auf den Boden und es geht auch mal etwas kaputt. Außerdem dauert es viel länger, als wenn wir es schnell selbst machen würden. Das kennt ihr sicherlich. Wenn ihr noch müde am Mittagstisch sitzt, könnt ihr einfach danke sagen. Denn darum geht es euch! Ihr freut euch, dass euer Kind seinen Teller wegräumt. Es ist etwas normales im Alltag, dass Kinder auch Dinge im Haushalt übernehmen.

Wie also dann bestärken, wenn nicht loben oder belohnen?

Die wichtigste Botschaft, die wir unseren Kindern vermitteln dürfen ist: Du bist ok, so wie du bist. Unabhängig davon, ob du schön teilst, tolle Sandburgen baust, deinen Teller abräumst, oder schon hoch klettern kannst, …  Wir bestärken die Existenz unseres Kindes und nicht sein Tun. Wir sehen sie als Mensch und nicht ihr Tun.  Wenn Kinder erleben, und dies gilt für jung und alt, dass wir für andere Menschen wertvoll sind, ohne etwas leisten zu müssen, dann entwickeln wir ein gesundes Selbstwertgefühl. Dann lernen wir, gut mit uns selbst umzugehen und dann gehen wir auch mit unseren Mitmenschen gut um.

Wenn euer Kind ganz stolz nach Hause kommt und euch etwas erzählt, was es geschafft hat oder gebastelt hat, dann dürft ihr euch mitfreuen: „Ich freue mich MIT dir, dass du das geschafft hast“! Die Botschaft an das Kind ist: Meine Eltern freuen sich für mich, sie stehen hinter mir. Ich kann meine Freude und meinen Stolz teilen. Aber mein Wert hängt nicht von dieser Leistung ab.

Ein guter „Test“ für mich, ist zu überlegen, wie würde ich bei einem Erwachsenen reagieren? Wenn er mir von einem tollen Ereignis aus dem Job erzählt. Ich würde sehr wahrscheinlich nicht loben, sondern nachfragen, wie war das genau, was ihn selbst freut usw. wenn dein Partner die Teller in die Spülmaschine räumt, wirst du wohl kaum sagen, „toll gemacht, Schatz, sehr gut“. Sondern du wirst dich bedanken. Wenn wir mit Kindern gleichwürdig umgehen, dürfen wir ihnen genauso begegnen. Wir müssen Kinder also gar nicht bewerten und loben, sondern dürfen sie ermutigen und bestärken.

P.S. Die Sache mit dem Teilen

Dem Vater aus Kreuzberg war das Teilen wichtig und er belohnte es mit Eis. Aber warum sollen die Mädels beim nächsten Mal „schön teilen“, wenn es ja beim letzten Mal gar kein Eis mehr gab. Die Rechnung geht einfach nicht auf. Ein Eis ist keine gute Substanz für einen wichtigen Wert, den wir unseren Kindern vermitteln möchten.

Wir sind Vorbilder, wenn Kinder Tag ein Tag aus erleben, wie im Umfeld geteilt wird, wenn sie erfahren, welche Freude es einer Person macht wenn man ihr etwas abgibt, wenn sie selbst die Erfahrung machen, dass man mit ihnen etwas teilt, dann werden sie gerne teilen. Sicherlich nicht immer, aber sie werden diese grundsätzliche Haltung übernehmen. (Übrigens: Um zu teilen, muss man auch Dinge besitzen und wirklich die Entscheidungsfreiheit darüber haben dürfen. Und wenn sehr junge Kinder nicht teilen ist das übrigens völlig normal und auch ok. Das kommt dann schon, wenn sie älter werden und wie beschrieben in einem „teilenden Umfeld“ leben.)

Seit ich Annas Zeilen zum Thema Loben gelesen habe, erwische ich mich oft dabei, wie aus mir „toll“ oder „super“ herausploppt. Sogar ohne dass die Jungs eine Reaktion von mir eingefordert hätten. Es war mir gar nicht bewußt, wie oft ich sie mit diesen Worten in ihrem Tun bestärken möchte – und was es für Alternativen gibt. Danken zum Beispiel, fürs Warten oder Aufräumen oder whatever. Was, wenn Dank in der Situation nicht passt? Wenn Philo mir in den letzten Tagen seine neuesten Kreationen darbot, habe ich jetzt bewußt mal mit einer Frage reagiert. „Und was habt außer Purzelbaum noch gemacht?“ Ich habe also versucht, mir ein Lob zu klemmen. Ist gar nicht so einfach. Man muss es wirklich wollen. Ich werde dieses „weniger Loben“ noch ein paar Tage durchziehen. Mal sehen, wann er mich darauf anspricht, warum ich anders reagiere. Und ob er sein „super“ vermisst. Ich vermisse es jedenfalls…

Anna für ihren Teil sagt, sie hat sich das Loben komplett abgewöhnt und damit wunderbare Erfahrung gemacht. Bleibt die Frage, inwiefern der Verzicht auf Lob von Eltern umsetzbar bzw. gewollt ist – erst Recht, wenn man vor Stolz fast platzt.

Janines Fazit

Anna Noss hat täglich mit Minis zu tun, auch wenn sie selbst noch keine Mama ist. Wörter wie “Problemkind” oder “schwererziehbar” hat sie aus ihren Wortschatz verbannt, ein gleichwürdiger Umgang mit den Kindern ist ihr wichtig.

Seit diesem Sommer widmet unsere Gastautorin sich mit viel Herz ihrem neuen Projekt, einem Malort in Zürich für Kinder und Erwachsene. Dort ist jede*r eingeladen einmal wöchentlich zu malen. Das Besondere ist, dass niemand das Gemalte bewertet, es gibt also auch dort kein Lob. Es geht nicht um richtig oder falsch, gut oder schlecht, hübsch oder hässlich. Ihr Lieblingszitat von Rumi beschreibt diesen wunderbaren Raum: „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort, dort treffen wir uns!“ Mehr über diese Arbeit findet ihr auf der Seite www.meinmalort.ch

Credits Titelbild: Foto: www.angelaelbing.de, Styling: www.mareenbayer.de, Model: Frieda www.lichtkind.eu

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