Carla ist eine Wiederholungstäterin. Sie hat bereits die Geburt ihres ersten Sohns, Paul, für uns aufgeschrieben – was ihr nach dem Erlebten zunächst nicht leicht viel. Doch wie es nunmal so ist: durch jede Niederschrift können wir das Geschehene auch verarbeiten und so Mut und Energie fassen, uns auf Neues einzulassen. Heute erzählt uns Carla vom Tag, als ihr Sohn Hugo zur Welt kam…

Im Internet kann man Geburtsberichte lesen, die sich an Schreckensszenarien selbst übertreffen. Auch unsere erste Geburt, die von Paul, zähle ich dazu. Sie war für mich traumatisch und hat lange (bis heute) Spuren hinterlassen.

Dieses Mal wollte ich es anders haben.

Ich begann deshalb, mich während der Schwangerschaft vorzubereiten. Ein Geburtsvorbereitungskurs war es auch dieses Mal nicht. Kreißsäle kannte ich bereits von innen und auch das, was danach auf mich zukam, war mir noch detailliert in Erinnerung. Also kaufte ich mir ein Buch: Das Geburtsbuch. Von den Autoren Herbert Renz-Polster und Nora Imlau kannte ich bereits das Buch („Schlaf gut, Baby“) und ihre Missionsarbeit in „Die sichere Geburt, Dokumentarfilm“. Dieses Geburtsbuch habe ich mit meinem Mann gelesen, denn eins war klar, wir machen das wieder gemeinsam!

Neben dem Buch habe ich Schwangerenyoga gemacht. Das ist nicht nur für den gesamten Körper gut, nein, auch für die Seele. In den 20 Wochen Yoga, habe ich gelernt Anspannung durch Entspannung zu lösen. Denn nur nach einer Anspannung kann man auch Entspannen. Ich habe gelernt mit der Anspannung zu atmen und tatsächlich funktionierte es! Man kann in den „Schmerzpunkt“ atmen und ihn ausatmen!

Eines Dienstagsmorgens habe ich in einer ruhige Minute beim Arzt im Wartezimmer, da sitzt man ja zeitweise etwas länger…, einen Plan erstellt.

Das passiert beim Kristeller Handgriff

Der Gynäkologe Samuel Kristeller (1820-1900) wendete erstmals diesen Handgriff an, bei dem die Geburtshelfer den Po des Ungeborenen ertasten und das Baby während der Wehe in den Geburtskanal schieben. Der Muttermund muss dabei vollständig geöffnet sein, das Baby sich mit dem Köpfchen im Beckenausgang befinden. Dieses Schieben kann helfen, die Geburt zu beschleunigen, den Einsatz der Saugglocke verhindern – viele Frauen schildern diese Intervention aber auch als traumatisch. Der Druck auf den Oberbauch wird oft als unangenehm empfunden, manche Frauen haben nach Anwendung des Kristeller Handgriffs sogar das Gefühl, ihr Baby nicht selbst geboren zu haben, sondern dass es von den Geburtshelfern aus ihnen heraus gedrückt wurde. Deshalb wichtig in jeder Situation: Die Eltern müssen verständlich und rechtzeitig informiert werden.

Das waren die Punkte auf meinem Geburtsplan:

  • spontan und natürlich sollte die Geburt sein,
  • ich wollte die erlernte Atemtechnik anwenden,
  • Ruhe und Vertrauen in mich und meinen Körper haben,
  • kein Zeitdruck und meinen Partner an meiner Seite haben,
  • kein geplanter Kaiserschnitt (so das Anraten der Ärzte nach unserer 1. Geburt),
  • kein Kristeller Handgriff und keine vorschnelle Intervention – auch das Legen eines venösen Zugangs zu Beginn der Geburt – ist eine Intervention.

2 Wochen vor dem errechneten ET hatten wir ein intensives Geburtsvorbereitungsgespräch mit unserer Beleghebamme. Unsere Beleghebamme war unser größter Segen. Eine Frau, die meine Ängste kennt, die einen roten Faden in der Geburt verfolgt, die nur uns betreut und immer an unserer Seite bleibt, egal was passiert. Aber in erste Linie hatten wir einen gemeinsamen Plan: die Geburt sollte spontan, natürlich und ohne Geburtsverletzungen geschehen. Das letztere war für meine Hebamme die größte Herausforderung, denn mein Dammriss 4. Grades nach der ersten Geburt hat eine große Narbe hinterlassen und Narbengewebe ist besonders anfällig, wieder zu reißen und ist schlecht zu versorgen.

Alle Vorbereitungen waren getroffen und der Tag der Tage rückte immer näher. Jede werdende Mutter weiß, wie lange die letzten 2 Wochen vor Geburt dauern können, sie ziehen sich wie klebriger Kaugummi, besonders wenn man mir sagt „es sind leichte Wehen auf dem CTG zu sehen“ Tja, geht’s denn bald los oder dauert es noch eine Weile?

Wir wurden nervös und lebten nur noch von Tag zu Tag, aber nach der ersten Woche war ich immer noch schwanger, also abwarten. Einen Tag vor ET ein weiterer Kontrolltermin mit CTG, wieder Wehen… naja, das Spiel kannten wir ja bereits. Die Hebamme meinte, es könnte trotzdem noch mehrere Tage dauern ODER es geht ganz spontan los. Wir haben uns für „Kein Stress“ entschieden, dieses Warten macht einen ja wahnsinnig!!! Also ab nach Hause, die letzten schönen spätsommerlichen Sonnenstrahlen auf der Terrasse genießen und einen Spaziergang zur Oma machen, die sich am Nachmittag um unseren Großen  gekümmert hat. Am Abend habe ich Paul mit liebevoller Einschlafbegleitung ins Familienbett gebracht. Der Mann wartete bereits auf der Couch mit einer großen Kanne Tee und einem Film auf mich, wollten wir die letzten Abende zu zweit noch genießen.

Auf der letzten Treppenstufe ins Erdgeschoss lief es mir plötzlich die Beine runter. Das war Fruchtwasser und mein erster Ausruf war: „Nee, nicht wirklich..“ Mein Mann sprang um die Ecke, um nach mir zu sehen, wir schauten uns beide an und dachten dasselbe „Wir haben keine Lust jetzt ein Kind zu bekommen, wir wollten es uns doch gerade gemütlich machen!“ Das war wieder der beste Beweis: Kinder haben ihren eigenen Zeitplan.

„Awww, wir haben keine Lust jetzt ein Kind zu bekommen, wir wollten es uns doch gerade gemütlich machen!“

Carla

Wir informierten die Hebamme und die Schwiegermutter, dass wir beide heute Nacht brauchen werden, es war 20:30 Uhr. Wir legten uns wieder auf die Couch und warteten auf spürbare Wehen, diese setzten auch zunehmend ein, gegen 24 Uhr musste ich sie bereits wegatmen, musste stehen bleiben, mich irgendwo festhalten. Ich atmete genau in den Schmerzpunkt. Die Wehen kamen wie eine Welle von unten ins Becken bis über den halben Bauch und wieder zurück.

Wir machten uns auf den Weg in die Klinik, die Schwiegermutter schlief diese Nacht bei unserem Paul. In der Klinik angekommen das erste CTG, Wehen ja, Muttermund etwas verhärtet aber aktiv. Wir bezogen unser Vorwehenzimmer, legten uns auf das Bett und ließen den Körper machen. Ich atmete wieder mit den Wellen. Ja, das Wort Wehen kommt von wehtun, aber die Welle geht auch wieder vorbei. Jede Frau die schon mal beim Intimwaxing war, weiß, man kann so etwas aushalten. In den Wehenpausen machte ich die Augen zu, versuchte zu ruhen, war es doch mitten in der Nacht und Schlafenszeit. Gegen 3 Uhr dann ein Feedback der Hebamme: Meine Wehen fühlten sich auf einer Skala von 1-10 an wie eine 7, Muttermund nur 1 cm weiter auf, das kann also noch dauern. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, entschieden wir uns jetzt für die PDA, gerade für die Austreibungsphase ein sehr hilfreiches Mittel für mich. Gegen 4 Uhr hatte sie ihre vollständige Wirkung erreicht. Ich spürte nur noch die Wehenspitzen und versuchte nun zu schlafen, das kann ja erfahrungsgemäß alles noch sehr lange dauern und ich versuchte alle Kräfte zu sparen. Nach einer Stunde dann die Aufforderung meiner Hebamme, dass wir es gleich etwas sportlicher angehen werden, der Muttermund öffnet sich nun schön, und wir werden mit Positionswechseln gleich mitarbeiten – sie komme gleich wieder, müsste noch etwas holen. Also nochmal Kräfte sparen, Augen zu!

05:10 Uhr ein Knall. Die bisher nur angerissene Fruchtblase platzt vollständig. Ich habe höllisch brennende Schmerzen – trotz PDA, wie hält man das bitte ohne aus?!? Das Kind rutscht gerade mit 300 km/h in den Geburtskanal. Mein Mann schafft es gerade noch so den roten Hilfeknopf zu drücken, ich erwürgte ihn nämlich fast, klammerte mich an ihn. Die Hebamme kam mit einer Ärztin im Gepäck, „Du musst jetzt genau das machen was ich dir sage“, „Okay!“ Hecheln, wegatmen, dann mal pressen, das passt niemals durch mich durch, wieder hecheln, wegatmen usw. Wir sind noch immer im Vorwehenzimmer, haben es nicht in den Kreißsaal geschafft und ich liege noch immer auf der linken Seite im Bett, mein Mann mir zugewandt. Ich halte mich an ihm und dem Bett fest. Er atmet mit mir – er macht das besser als ich! Es fühlt sich an als müsste ich einen Ziegelstein rauspressen, hart, kantig und viel zu groß! Zwischen all den Geburtsschmerzen erinnere ich mich: Ich bin umgeben von den Menschen, denen ich gerade am meisten vertraue und ich vertraue meinem Körper, er kann das, ich weiß das. Der Druck nach unten ist gerade fast unaushaltbar. „Ich kann das“ sage ich mir immer wieder. Es brennt, ein unangenehmer brennender Schmerz. Ich bitte meine Hebamme, dieses Brennen zu beenden.

„Meine Hebamme sagte zu uns: „Man darf halt nie aufhören sich etwas zu wünschen!“

Carla

Und es hört tatsächlich von selbst auf, als um 05:30 Uhr unser Hugo geboren wird. 3640 Gramm und 55 cm lang mit 33 cm Kopfumfang und sauber, als hätte er sein erstes Bad schon hinter sich. „Danke, das war so schön“ sagte ich zu diesen Menschen um mich herum, denn das war es auch. Ohne seelisches Trauma und ohne Geburtsverletzungen haben alle Beteiligten Großartiges geleistet. Nachdem alles aufgeräumt und wie am Kuscheln und Stillen waren, fragte uns unsere Hebamme: „Wolltet ihr nicht nach Hause gehen?“ Ja, das war mal so ein Wunsch, aber ich hatte doch eine PDA. Sie sagte zu uns, dass sie jetzt alle Papiere fertig macht, wir können in Ruhe frühstücken, der Papa geht mit dem Baby zu allen Untersuchungen und wenn der Kinderarzt gegen 9:00 Uhr kommt und sein Okay gibt, dann dürfen wir nach Hause. Unglaublich, auch noch dieser Wunsch geht in Erfüllung. Meine Hebamme sagte zu uns: „Man darf halt nie aufhören sich etwas zu wünschen!“

Nachdem der Kinderarzt sein Okay zu unserem gesunden Kind gab, stellten wir fest, dass wir auf alles vorbereitet waren, nur darauf nicht. Wir hatten keine Babyschale und keine Kleidung dabei. Also fuhr der Ehemann nach Hause, ich bin derweil duschen gegangen und um 10:30 Uhr verließen wir die Klinik.

Unser Wochenbett startete zu 100% zuhause und das war das i-Tüpfelchen auf unserer Sahnetorte! Kein unangemeldeter Besuch, keine Krankenschwestern, keine Ärzte, keine Tür die ständig aufging, nur wir 4 und ganz viel Ruhe.

„Mein Fazit: Ich habe in der ersten Geburt viel zu viel mit dem Kopf gearbeitet. Ich brauchte aber nur Vertrauen und Zeit.“

Carla

Genieß‘ die Schwangerschaft, sie könnte deine letzte sein. Dein Baby sagt, wann es soweit ist. Vertraue deinem Körper, das natürlichste der Welt, eine Geburt, intuitiv zu erleben. Öffne dich für diese Erfahrung. Schaffe dir einen Wohlfühlraum – du bist die wichtigste Person auf dieser Reise – und – hör auf deinen Bauch! So beginnt meine Mission, euch werdenden Müttern und Vätern, Mut zu machen – es kann auch alles anders werden!!

Danke dir, liebe Carla, dass du deine Ängste, Sorgen und dein Glück mit uns teilst. Wir sind uns sicher, dass du damit einiges an Mut und Zuversicht verbreiten kannst.

 

Während ihrer ersten Schwangerschaft hat Carla laut eigener Aussage alle Geburtsberichte bei uns regelrecht verschlungen. Sie wollte „auf alles vorbereitet sein“. Und wie war die Geburt von Carlas erstem Sohn Paul? Eine Geschichte, wie wir sie bis dato noch nicht hatten!

„Das Gefühl in der Mitte zerteilt worden zu sein bleibt!“ Saskia hat dieser Satz so bewegt, dass sie einen eigenen, offenen und super berührenden Beitrag über die Kaiserschnitt-Geburten ihrer Jungs geschrieben hat.…