Cornelia Spachtholz, Vorstandsvorsitzende beim Verband berufstätiger Mütter e.V., Initiatorin des Equal Pension Day und Mutter eines erwachsenen Sohnes, lernten wir im September auf einem Panel zum Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf – mit Blick auf die Verantwortung von Politik und Wirtschaft sowie von Arbeitgebern und Arbeitnehmern“ kennen. Die Chemie stimmte sofort, aber die Zeit fehlte, um unseren Austausch zu vertiefen. Das holen wir jetzt nach.

MM: Unter “Unsere Ziele/Deine Lobby” habt ihr auf eurer Verbands-Webseite sehr umfangreich zusammengetragen, wofür der Verband für berufstätige Mütter heute steht und kämpft. War das von Beginn an so? Oder haben sich eure Ziele verändert bzw. weiterentwickelt?

Cornelia: Viele der Ziele gibt es seit Beginn an. So stand der Verband nie einfach nur für mehr und bessere Kinderbetreuung, sondern immer schon für mehr Gleichstellung von Frauen und Männern im Berufsleben und im Familienalltag. Schon die Gründungsfrauen forderten die Abschaffung des Ehegattensplittings, weil es für Mütter zu einfach den Anreiz setzt, in die Zuverdienerinnen-Rolle zu fallen und sie in der Rente kaum von ihren selbst erworbenen Rentenansprüchen leben können. Wir haben die Ziele allerdings durchaus weiterentwickelt. So haben wir den Aspekt der drohenden Altersarmut von Frauen, sichtbar an dem dramatischen Rentenunterschied zwischen den Geschlechtern, durch die Initiative „Equal Pension Day“ konsequent und der Zeit entsprechend neu auf die Tagesordnung gesetzt. Weitere Ziele und Kooperationen ergaben sich im Laufe der Zeit durch Initiativen von Partnerorganisationen wie z.B. unsere Kooperation bei der Kindergrundsicherung oder Doppelresidenz.org.

MM: Wie hat sich die Situation für berufstätige Mütter bzw. für Eltern seit eurer Gründung weiterentwickelt?

Cornelia: Berufstätigkeit und Mutterschaft schließen sich heute nicht mehr gegenseitig aus. Es gibt eine Wahl, denn dass Frauen auch mit kleinen Kindern berufstätig sind, wird von der Gesellschaft viel stärker akzeptiert als noch vor 10 oder gar 20 Jahren. Dennoch tragen auch heute noch Frauen die Hauptlast und das finanzielle Hauptrisiko, wenn Kinder geboren werden. Sie kehren nach der Elternzeit nach wie vor meist in Teilzeit in den Job zurück, weil Teilzeit auch für Väter in der Regel mit Karriereeinbußen verbunden ist. Diese Karriereeinbußen gelten auch für Mütter, aber hier scheint es weniger Bedenken zu geben. Die Folgen für die Frauen sind daher immer noch niedrigere Durchschnittseinkommen und geringere Renten. Es reicht eben nicht als Familienförderung, sich nur auf den Ausbau der Kinderbetreuung zu konzentrieren und die ersten Jahre mit kleinen Kindern (Elterngeld und ElterngeldPlus) in den Blick zu nehmen. Weitere Hindernisse in der Vereinbarkeit bestehen auch bei schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen. Deshalb dauert die Teilzeitphase bei  vielen Müttern länger als es ihrem Lebenszeitkonto gut tut.

Wir möchten das Bewusstsein für die Folgen ungleicher Sorgeverteilung zwischen den Geschlechtern im Lebensverlauf schaffen und fordern #EqualCare als wichtigen Baustein für gleiche Bezahlung für vergleichbare Arbeit – also Equal Pay – und in der Folge Equal Pension ein.

MM: Ihr informiert regelmäßig auf Veranstaltungen in ganz Deutschland. Wen möchtet ihr dort erreichen?

Cornelia: Vor allem möchten wir die jungen Frauen erreichen, die gerade ihre Karriere und ihre Familie planen. Sie können dann auf Basis unserer Erfahrungen Weichen anders stellen, als es vielleicht ihre Eltern getan haben. Wir sprechen aber auch mit Müttern und Großmüttern, weil sie Multiplikatorinnen für ihre Töchter und Söhne bzw. Enkel sind. Und natürlich sprechen wir auch mit Unternehmerinnen und Unternehmern, weil sie es sind, die mehr Familienfreundlichkeit im Betrieb umsetzen.

Auch die politischen AkteurInnen und EntscheiderInnen möchten wir in unsere Erfahrungen und hieraus gewonnenen Expertise einbinden und fordern eine gleichstellungsorientierte, zeitgemäße und konsistente Familienpolitik, auch mit der Umsetzung der Handlungsempfehlungen aus den Gleichstellungsberichten der Bundesregierung.

„Die Teilzeitphase dauer bei vielen Müttern länger als es ihrem Lebenszeitkonto gut tut.“

MM: Wie kann man euch konkret unterstützen? Du hattest auf einem Event in den Galeries Lafayette, auf dem wir uns im vergangenen Herbst ein Panel zum Thema Vereinbarkeit geteilt haben, sehr konkret gesagt, dass Blogger respektive Influencer heute schon einen kleinen Teil an Lobbyarbeit auf dem Weg zu fairen Rollenverteilungen und Einforderung von Frauenrechten beitragen, aber dass die wichtige Arbeit auch auf politischer Ebene passieren muss. Was würdest du dir wünschen?

Cornelia: Am meisten wünsche ich mir natürlich noch mehr Mitstreiterinnen. Es ist nicht unerheblich, wie groß eine Organisation ist, um politisches Gehör zu finden. Wir wollen alle Frauen aus allen Schichten repräsentieren. Frauen, die Mutterschaft und Beruf verbinden wollen oder müssen. Für sie wollen wir bessere Bedingungen erzielen. Mehr Frauen heißt auch mehr aktive Beteiligung. Sei es auf Veranstaltungen, auf denen wir uns präsentieren oder um unsere Ziele und Positionen weiter zu entwickeln. Dazu gehört auch Texte zu schreiben, zu bloggen oder anderen Frauen mit Rat zur Seite zu stehen. Es gibt leider immer noch viel zu tun in Deutschland hinsichtlich besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

MM: Mit dem Dschungelbuch gebt ihr Eltern wie Unternehmen einen Ratgeber für Themen wie „Gesetze, Ansprüche, Steuern und andere Hindernisse rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ an die Hand. Wie und wo finden Eltern und Unternehmen diesen Ratgeber?

Cornelia: Dieser Ratgeber ist in vielen Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit zu dem umfassenden Dschungelbuch gewachsen, das es heute darstellt. Der Ratgeber umfasst alle Phasen des Familienlebens – von der Planung / dem Wunsch auf ein Kind bis zur Pflege der eigenen Eltern oder sonstiger Angehöriger. Neben den Gesetzen, den Links zu Ämtern, Kontaktstellen oder weiterführenden Infos ist das Dschungelbuch gespickt mit praktischen Tipps der VBM-Frauen. Das macht diesen Ratgeber so einzigartig. Er ist ganz einfach online zu beziehen auf unserer Homepage www.vbm-online.de

MM: Warum sollten Eltern euer Dschungelbuch lesen?

Cornelia: Es ist ein wirklicher Begleiter durch alle Familienphasen. Auch wir VBM-Frauen nehmen den Ratgeber selbst zur Hand, wenn wir Regelungen zu dem ein oder anderen Aspekt nachschlagen wollen. Man entdeckt immer wieder tolle Ratschläge, die das (Berufs-)Leben mit Kind(ern) einfacher machen. Es macht auch einfach Mut.

MM: Was sind aus deiner Sicht die größten „Gefahren“, denen Eltern heute im Berufsleben ausgesetzt sind? Und welche drei Ratschläge hast du für Eltern?

Cornelia: Die erste große Gefahr ist, bei der Geburt eines Kindes in die alten Rollenmuster zu fallen. Mein Rat daher: Elternzeit gleich zwischen den Eltern aufteilen und jedem Elternteil seine eigene Art überlassen, wie der Alltag organisiert, der Haushalt geführt wird.

Die zweite große Gefahr liegt darin, dass Mütter scheinbar weniger Probleme haben, wegen Kindererziehung in Teilzeit zu gehen. Aber Mütter in Teilzeit haben nicht die gleichen Karrierechancen wie Mütter in Vollzeit. Mein Tipp: vollzeitnahe Teilzeit für beide Elternteile. In diesem Tandem lässt sich vieles stressfreier organisieren und keiner fährt beruflich auf das Abstellgleis.

Die dritte große Gefahr ist, dass man zu kurzfristig denkt. Lange Elternzeit, Rückkehr in Teilzeit mag auf den ersten Blick als eine gute und schöne Lösung erscheinen. Aber die Folgen von Erwerbsunterbrechung und Teilzeit zeigen sich einerseits bei Trennung und andererseits im Ruhestand. Damit Elternschaft für ein Elternteil – und damit auch für die Kinder – nicht zur Armutsfalle wird, langfristig denken, eine egalitäre Arbeitsteilung sowohl beruflich als auch in der Familie praktizieren. Das ist zunächst anstrengend, zahlt sich aber auf das ganze Leben gesehen aus.

MM: Vielen Dank, liebe Cornelia.

Das Dschungelbuch vom VBM

Das VBM-Dschungelbuch ist ein Leitfaden durch einen ganz alltäglichen Urwald: nämlich den Dschungel aus Gesetzen, Ansprüchen, Steuern und anderen Hindernissen rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der VBM bietet das Dschungelbuch bereits in der 11. Ausgabe an und der Leitfaden bildet das Herzstück des Verbands. Berufstätige Mütter haben ihn erstellt, um es anderen berufstätigen Müttern (und Vätern) zu erleichtern, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Sie geben ihre Erfahrungen und ihr Wissen weiter und bieten wichtige Anregungen.

Kosten pro Buch: 12,95 Euro zzgl. Versandkosten

Der VBM

Der Verband berufstätiger Mütter ist ein deutscher Interessenverband, der von berufstätigen Müttern gegründet wurde und sich als Lobby für Frauen und Männer, die mit Kindern berufstätig sind, versteht. Ihm gehören sowohl Selbstständige als auch abhängig Beschäftigte an. Der Verband wurde 1990 von u.a. Cornelia Spachtholz gegründet. www.vbm.de

 

WORKING PARENTS
Unser Mummy Mag Paper 10

Vereinbarkeit, Verantwortung, Aufteilung – das alles sind Aufgaben, die Eltern für sich lösen müssen. Irgendwie. Denn was sich so einfach anhört ist wohl eine der größten Herausforderungen im Alltag von Familien…
Einen Blick hineinwerfen könnt ihr hier.

#coolmomsdontjudge
Das Löwenzahn Organics-Panel zum Thema Vereinbarkeit

Das Löwenzahn Organics-Team hat Cornelia Spachtholz vom VBM und uns neben weiteren Unternehmern, Arbeitnehmern und Eltern zum Panel geladen und wollte hören, was wir zu den Herausforderungen beruftstätiger Eltern zu sagen hatten. Unser Zusammenfassung gibt es hier.

Eine Woche lang stellen wir euch in unserer MUMMY WEEK beeindruckende Mütter vor, die uns auf ihre Art und Weise inspirieren. Doch wir wären ja nicht das MUMMY MAG, wenn wir nicht schon jede Menge spannende Persönlichkeiten treffen durften. 

HIER findet ihr alle Interviews auf Mummy-Mag.de