Zweieinhalb Jahre nach der rasanten Geburt meines ersten Sohnes war ich zum zweiten Mal schwanger. Einerseits fand ich es deutlich entspannter, denn ich hatte dieses Mal eine Vorstellung davon, was mich erwartete. Die Symptome der ersten Wochen wurden jedoch nicht besser davon, dass ich nun auch noch ein Kleinkind bei Laune halten musste. Im Gegenteil, es war sogar alles etwas stärker als in der ersten Runde. So als würde mein Körper sagen: Ha, schwanger! Kenn ich schon! Und damit gleich die ganze Bandbreite auspacken, anstatt sich langsam zu steigern.

Die Übelkeit wurde mein ständiger Begleiter – so schlimm, dass ich mir abends irgendwann die Backenzähne nicht mehr putzen konnte, weil der Punkt für den Würgreiz im Mund so weit nach vorne gewandert war. Ich hatte also die Wahl zwischen ungeputzten Zähnen und der Aussicht, mich übergeben zu müssen. Von diesem Symptom hatte ich bisher noch nicht gehört, aber eine kurze Umfrage unter befreundeten Müttern ergab: Ich war nicht die einzige mit diesem Problem. Der Tipp: Mundspülung und durchhalten. Also hoffte ich, dass 12 Wochen schlechte Zahnhygiene keine bleibenden Folgen haben würden.

Sobald die ersten müden Wochen vorbei waren, beschäftigte mich ein Thema ganz besonders: Wie schnell würde es dieses Mal gehen? Nach allem was ich so hörte, dauerten zweite Geburten nicht länger als erste Geburten. Und nach meiner ersten – in unter zweieinhalb Stunden von der ersten Wehe zum ersten Schrei – schien mir das keine beruhigende Aussicht. Ja, wir wussten dieses Mal, dass wir keine Zeit haben würden. Wir würden, so wie es der Oberarzt nach der ersten Geburt geraten hatte, schon nach der ersten Wehe ins Krankenhaus fahren. Aber da war ja auch noch ein Kleinkind, das betreut werden musste. Zum Termin würde die Oma anreisen, um jederzeit übernehmen zu können. Aber was, wenn sich der Kleine schon vorher auf den Weg machen sollte? Müsste ich dann alleine ins Krankenhaus fahren? Würden wir es rechtzeitig dorthin schaffen? Eine ungeplante Hausgeburt oder eine Geburt im Krankenwagen waren für mich eine ziemlich schreckliche Vorstellung.

Meine wunderbare Hebamme beruhigte mich: Ihr ruft einfach sofort den Krankenwagen. Dann sind in der Großstadt innerhalb von fünf Minuten Menschen da, die helfen können. Wahrscheinlich ist noch ausreichend Zeit, um ins Krankenhaus zu fahren. Wenn nicht: Legt euch eine wasserdichte Unterlage bereit, saubere Handtücher sind auch eine gute Idee. Wenn die Geburt schon zu weit fortgeschritten ist, dann begleiten die Sanitäter und im besten Fall ein Notarzt die Geburt und fahren euch danach sofort ins Krankenhaus. Wenn du gerade mit deinem Kind unterwegs bist und ins Krankenhaus musst: Nimm ihn mit und ruf den Vater oder irgendeine andere Betreuungsperson an. Im Krankenhaus wissen alle, dass Mütter ihre Kinder nur zur Geburt mitbringen, wenn es gar nicht anders geht. Die finden das zwar nicht praktisch, aber die kümmern sich ganz bestimmt super um ihn, wenn du das gerade nicht kannst. Und dann sagte sie den Satz, der mich wirklich beruhigte: Die schnellen Geburten sind nicht das Problem. Dann ist das Kind eben da. Die extrem langsamen Geburten oder wenn es zum Stillstand kommt, das sind die gefährlichen Situationen.

Ich entspannte mich ein wenig. Es fühlte sich an, als hätte ich jetzt einen Plan. Ich organisierte diverse Menschen, die im Notfall auf mein Kind aufpassen würden. Ich sorgte dafür, dass alles nötige eingekauft war. Ich fühlte mich vorbereitet. Natürlich kam es anders.

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Denn das entspannte zweite Trimester endete abrupt, in der 26. Woche kam ich mit Gallensteinen ins Krankenhaus. Was sich irgendwie klein und niedlich anhört, waren die schlimmsten Schmerzen, die ich jemals hatte. Nach zwei Geburten ohne Schmerzmittel kann ich überzeugt sagen: Lieber Geburt als Gallensteine. Und dann noch mitten in der Schwangerschaft, so dass ich deutlich weniger Schmerzmittel bekam als eine normale Patientin. Als sich in Folge der Gallenstein-OP auch noch die Bauchspeicheldrüse entzündete, gab man mir ein Opiat-Pflaster mit den Worten „Das ist bei Schwangeren gut erprobt, damit substituieren wir normalerweise heroinabhängige Schwangere.“ Na dann: Das Baby hatte seinen ersten Rausch also schon vor der Geburt. Bei mir sorgte das Medikament zwar für schläfrige Teilnahmslosigkeit, aber ich wollte ja eh nur noch schlafen.

Als ich nach einer Woche entlassen wurde, war ich so schwach, dass ich nicht aufstehen konnte. An Essen war kaum zu denken, beim nächsten Vorsorgetermin brachte ich fünf Kilo weniger auf die Waage. Das war in der 29. Woche, also zu einem Zeitpunkt, an dem das Gewicht von Mutter und Baby oft eher stark zunimmt. Arbeiten konnte ich für den Rest der Schwangerschaft nicht mehr. Allerdings wusste ich auch nicht, wie ich mein Kleinkind hochheben oder mit ihm auf den Spielplatz gehen sollte.

Je näher der Geburtstermin rückte, umso ratloser wurde ich. Ich fühlte mich so geschwächt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, die Kraft für eine natürliche Geburt aufzubringen. Selbst wenn sie wieder ein kurzer Spurt werden sollte und kein Marathon – wovon Hebamme und Ärztinnen ausgingen – fragte ich mich, wie ich das durchstehen sollte.

Bei der Anmeldung im Krankenhaus sprach ich deswegen die Ärztin auf einen geplanten Kaiserschnitt an. Sie nahm meine Sorgen ernst, riet mir aber dazu, mit der Entscheidung noch ein wenig abzuwarten. Es waren ja immerhin noch sieben Wochen Zeit. Den geplanten Kaiserschnitt in der 38. Woche könnte man auch relativ kurzfristig planen, wenn ich das Bedürfnis dann immer noch hätte. Ansonsten riet auch sie wegen meiner Vorgeschichte noch einmal eindringlich, bei ersten Anzeichen ins Krankenhaus zu fahren: „Selbst wenn sie nur ein komisches Gefühl haben, kommen sie einfach zu uns. Das ist völlig in Ordnung.“

Die letzten Wochen vergingen, langsam fühlte ich mich besser. Und so beschloss ich in der 37. Woche, mich doch noch einmal an eine spontane Geburt zu wagen. Selbst wenn ich mich noch lange nicht wieder fit fühlte, wollte ich die zweite Geburt doch gerne etwas bewusster erleben – denn die bestimmende Erinnerung an die erste Geburt war Hektik.

Es wiederholte sich das Spiel, das ich schon aus der ersten Runde kannte: Der Geburtstermin verstrich, von Wehen keine Spur. Meine Frauenärztin (eine neue, denn die alte war inzwischen im Ruhestand) hatte schon ein paar Wochen vor dem Termin festgestellt, dass der Muttermund „weich wie Butter“ sei. „Das wundert mich nicht, dass das bei ihnen ganz schnell geht.“ Aber wir beschlossen gemeinsam, nicht bei jedem Termin zu gucken, ob und wie weit er jetzt schon geöffnet war. Denn ohne Wehen würde auch diese Geburt nicht losgehen.

Und so kam wieder Tag fünf nach dem Termin. Meine Mutter war angereist, wir aßen zu viert Abendbrot. Danach brachte ich mein Kind ins Bett. Er schlief ein und ich döste ein wenig neben ihm auf dem Bett. Um kurz nach neun zwickte es kurz im Bauch und ich hatte das Gefühl, dass sich Feuchtigkeit in meiner Unterhose ausbreitete. Langsam schob ich mich aus dem Bett, holte eine Wochenbett-Vorlage aus dem Schrank, nahm meine Kliniktasche und sagte meinem Freund, dass die Fruchtblase geplatzt sei und er den Krankenwagen rufen solle.

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Inzwischen hatten leichte Wehen eingesetzt. Wie schon bei der ersten Geburt hatten sie nur die Intensität stärkerer Regelschmerzen, kamen aber von Anfang an zuverlässig alle fünf Minuten. Ich war auf einmal voller Energie und schon fast euphorisch vor Aufregung. Es ging los! In wenigen Stunden würde ich mein zweites Kind im Arm haben. Der Gedanke, dass ich die Kraft nicht haben könnte, erschien mir mit einem Mal absurd.

Die Sanitäter trafen eine bestens gelaunte Schwangere an, die vom Klischee der schreienden Gebärenden kaum weiter entfernt sein konnte. Aber egal, was sie sich dabei dachten, sie waren äußerst freundlich und professionell. Doch dann kam der Dämpfer: „Wo fahren wir sie denn hin?“ Nach Altona, dort war ich angemeldet. „Der Kreissaal in Altona hat sich abgemeldet, zu voll.“ Dann ins UKE, dort hatte ich mein erstes Kind geboren. „Auch abgemeldet, auch zu voll.“ Na super, dachte ich, einen herzlichen Dank an die Gesundheitspolitik! Dann mussten mir die Herren halt einen Vorschlag machen. „Ins ehemalige Elim.“ Das war in der Nähe und ich hatte jetzt wirklich keine Zeit, lange über Alternativen nachzudenken. Also los.

Bildquelle: Helene privat

Im Krankenhaus angekommen führte eine geschäftige Hebamme uns direkt in einen senfgelben Kreißsaal. Irgendwie brachten wir die Anmelde-Formalitäten hinter uns, nach wie vor kamen die Wehen regelmäßig alle fünf Minuten und fühlten sich eher undramatisch an. Aber der Hinweis auf meine schnelle erste Geburt sorgte dafür, dass wir im Kreißsaal bleiben durften. Die Hebammen hatten reichlich zu tun, aus den benachbarten Kreißsälen klang es schon etwas dramatischer als bei uns. Ich fragte, ob ich zur Geburt in die Wanne dürfte. Die Ärztin hatte Bedenken wegen des positiven Streptokokken-Befunds, ließ sich aber von der engagierten Hebamme überzeugen.

„Es gibt nur ein Problem mit dem Wasserdruck an der Badewanne“, sagte sie, drückte meinem Freund eine große Plastikkanne mit 20 Litern in die Hand und zeigte auf den Wasserhahn am anderen Ende des Raumes. So liefen wir beide unsere Wege durch den Kreißsaal: Ich umkreiste Bett und Wanne, stützte mich bei jeder Wehe kurz auf, um danach weiter meine Runden zu laufen. Mein Freund schleppte Wasser zur Badewanne. Es war ein wenig skurril und fast schon albern gut gelaunt. Die Hebamme steckte immer mal wieder den Kopf durch die Tür, sah uns gut gelaunt reden und ging wieder.

Um kurz vor Mitternacht war genug Wasser in der Badewanne, so dass ich einsteigen konnte. Um Mitternacht witzelten wir, dass jetzt der Wunschtermin erreicht sei und es ruhig mal losgehen könnte. Fast gleichzeitig bemerkte ich, dass die Wehen sich veränderten. Die Hebamme kam rein, ich sagte ihr, dass sie jetzt gerne bleiben sollte. Sie wollte noch schnell etwas aus einem anderen Raum holen und versprach, sofort wieder zu kommen. Kaum war sie aus der Tür, stieg die bekannte Panik in mir auf. „Drück auf den roten Knopf bitte, jetzt!“ In dem Moment wusste ich, dass ich pressen musste.

Kurz darauf standen Hebamme und Ärztin bei uns im Kreißsaal. Ungefähr fünf Wehen später, um 0:22 Uhr, kam unser Baby in der Badewanne zur Welt. Bis heute schwärmt mein Freund davon, wie toll es war, dass das Baby sich einfach unter Wasser umdrehte und an die Oberfläche schwamm. Diesen Teil konnte ich natürlich nicht sehen, aber mir wurde sofort das bereits einigermaßen saubere Baby auf die Brust gelegt.

Und obwohl sich danach die Prozedur nach der ersten Geburt wiederholte (die Plazenta wollte nicht von allein ihren Weg finden und es waren auch wieder einige Stiche nötig), schmälerte nichts davon das Gefühl, eine wirklich schöne Geburt erlebt zu haben. Körperlich ging es mir so gut, dass ich am liebsten sofort mit meinem Baby nach Hause gegangen wäre – daran hätte ich beim ersten Kind im Traum nicht gedacht.

Ich war einfach nur glücklich: Genau so hatte ich mir das gewünscht. Eine bewusste Geburt mit dem Gefühl, dass ich zu jedem Zeitpunkt wusste, was gerade mit mir geschah. Keine Hektik, keine Hilflosigkeit. Es war ein sehr selbstbestimmtes Erlebnis, auch weil Ärztin und Hebamme uns vor allem in Ruhe gelassen hatten, aber im richtigen Moment da waren, um mich abzuschirmen und mir gut zuzureden.

Liebe Helene, noch einmal danken wir dir sehr, dass du uns eure Geschichte erzählt hast. Wir wünschen dir von Herzen alles Liebe für dich und deine Räuberbande.

Wer nochmal die Geburt von Helenes erstem Sohn nachlesen möchte, klickt hier.

Bildquelle Header: ThorstenF via Pixabay

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