Über den Babyblues, der etwa 70% aller frischgebackenen Mummys betrifft, haben wir euch vor einer Weile schon einmal berichtet. Heute widmen wir uns etwas stärkerem Tobak: der Wochenbettdepression, auch postpartale Depression (PPD) genannt. Sie betrifft etwa 15% aller Mütter und schleicht sich innerhalb der ersten zwei Jahre, meistens aber nicht unmittelbar nach der Geburt ein. Die Wochenbettdepression gehört zu den psychischen Erkrankungen, die dringend medikamentös und teilweise sogar stationär behandelt werden müssen. Heute berichtet eine betroffene Mummy, wie sie die Wochenbettdepression erlebt hat und was ihr half, diese schwere Zeit zu überstehen.

Glück. Wunder. Leben. Ein Kind.

Mein Glück ist 10 Jahre alt, liegt in seinem Bett und schläft friedlich. Ich bin verliebt und stolz und so glücklich, doch das war nicht von Anfang an so.

Wie alles begann.

Schnell war klar, dass wir ein Kind wollten. Anfang 30, das perfekte Alter, wir waren jung und verliebt. Sehnsüchtig warteten wir nun darauf, endlich schwanger zu werden. Nach dem ersten Jahr und vielen Untersuchungen waren wir oft schon verzweifelt. Es folgten Besuche in der Kinderwunschpraxis, Medikamente, Spritzen, Eisprung. Nach vielen Jahren, vielen Nebenwirkungen und vielen Enttäuschungen brauchte ich davon eine Pause. Eine Pause zum Erholen.

Ein langer Weg

Ringsherum wurden alle schwanger und ich bekam von vielen Menschen, die mir nicht nahe standen, regelmäßig die Info, dass ja auch meine biologische Uhr tickte. Klar tickte die, viel wichtiger war es aber zu erfahren, warum es mit dem schwanger werden einfach nicht klappte. In dieser Zeit las ich viel und wollte schließlich die Homöopathie kennenlernen. Ich kaufte mir die Kinderwunsch Bücher von Birgit Zart und war fasziniert. Ich beschloss, die Fruchtbarkeitsmassagen auszuprobieren und suchte nun nach einer geeigneten Heilpraktikerin in meiner Nähe. Kurz darauf fand ich sie und vertraute ihr. Sie kannte diese Methode und Massagen nicht, war aber genauso fasziniert von der Idee und wir wollten es einfach probieren. Zu verlieren gab es nichts mehr.

Endlich schwanger

Einmal in der Woche begab ich mich in ihre Hände, vertraute und hoffte. Schon nach der zweiten Massage setzte die Blutung ein, die ich seit Jahren nicht mehr hatte. Ein gutes Gefühl und ein Funken Hoffnung. Nach einem weiteren Jahr und vielen Schwangerschaftstests (gefühlt hatte ich ein Abo) war ich 2008 endlich schwanger. Ich war inzwischen 39 Jahre alt. Wir konnten es kaum glauben und genossen mit jeder Faser. Es war eine wunderschöne und unkomplizierte Schwangerschaft, ich freute mich wahnsinnig auf mein Kind, unser Kind. Das Kind in mir wuchs und wuchs. Der errechnete Termin rückte immer näher und Ende August 2008 empfohlen mir verschiedene Ärzte einen Kaiserschnitt, weil mein Sohn wirklich groß war. Ich stellte mich darauf ein und vereinbarte den Termin.

Photo: Waldryano via Pixabay

Hurra, ein Junge

Der 9. September war dann unser Tag. Ich brachte einen 57cm großen und 4.500 g schweren Jungen auf die Welt. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis. Im Krankenhaus wünschte ich mir wenig Besuch, doch alle wollten unser Kind begrüßen. Nach drei Tagen merkte ich zum ersten Mal, dass ich davon überfordert war. Die ersten Tränen liefen… 

Am 5. Tag durften wir das Krankenhaus verlassen. Alles war aufregend. Mein Mann hatte liebevoll die Wohnung geschmückt, es war wirklich wunderschön. Schnell merkte ich, dass es schwierig war, dieses neue Leben. Ich war müde und die Tränen liefen immer öfter. Mit der Hebamme, die dann täglich kam, konnte ich zum Glück über meine Gefühle sprechen.

Und plötzlich: Angst

Ich liebte mein Kind abgöttisch, aber ich hatte unbeschreibliche Angst. Angst, die ich so nicht kannte und die ich nicht einordnen konnte. Ich hatte Angst zu schlafen, Angst vorm Alleinsein, ich hatte Angst vor Messern, also wurden unsere Besteck-Schubladen ausgeräumt. Das Schlimmste war jedoch: Ich bekam Höhenangst. Wir wohnen seit Jahren in der 9. Etage in einem Berliner Hochhaus und plötzlich hatte ich unfassbare Angst, aus dem Fenster zu fallen. Mein Mann reagierte und brachte umgehend verschließbare Fenstergriffe an allen Fenstern an. Die Schlüssel musste er verstecken und durfte mir nicht sagen, wo sie liegen. Ich wollte und konnte das einfach nicht wissen, es hätte mich schlichtweg verrückt gemacht. Ich war unruhig und sehr erschöpft. Nicht einmal Auto fahren konnte ich noch alleine, außerdem litt ich plötzlich auch unter Platzangst. Es war ein Zustand , der für mich kaum noch auszuhalten war.

Mein Mann unterstützte mich sehr und fuhr mich zu meiner Frauenärztin. Da sie auch eine psychotherapeutische Sprechstunde hatte, nahm ich diese in Anspruch. Mein Mann ging in dieser Zeit mit unserem Baby spazieren und holte mich dort direkt wieder ab. Ihre Diagnose: EIne schwere Wochenbettdepression. Jahrelang habe ich mir so gewünscht, ein Baby zu bekommen. Was war denn jetzt mit mir los? Nie hatte ich davon gehört, klar Babyblues, gewöhnen an ein neues, aufregendes und anderes Leben. Aber mich überrollte ein Gefühl, diese Angst, dieser Zustand, mit dem ich einfach nicht leben konnte.

Die ersten drei Monate zogen blind an mir vorbei, ich taumelte durchs Leben und versorgte mein ruhiges, friedliches Kind. Ich liebte ihn so sehr und konnte doch mein Leben nicht mehr aushalten.

Hilfe suchen

In der Adventszeit, die ich immer so sehr liebte, dekorierte und immer die Gemütlichkeit genoss, war ich dann am Ende meiner Kräfte. Ich schlief nicht mehr, war unendlich erschöpft. Tränenüberströmt brachte mich mein Vater irgendwann mitten in der Nacht in eine nahe gelegene Klinik. Mein Mann blieb bei unserem Sohn. Von der Notaufnahme verlegte man mich direkt auf eine Station für psychisch kranke Menschen. Es war so laut dort, Gardinen fehlten an den vergitterten Fenstern, Menschen schrien. Nachdem ich ein Bett zugewiesen bekam, merkte ich gleich, hier wollte und konnte ich nicht bleiben. Auf eigene Gefahr verließen wir das Krankenhaus wieder. Was ich jetzt brauchte, war Ruhe und Behutsamkeit. So fuhren wir zu meinen Eltern, wo ich mich in der Nacht dann zu meiner Mutter ins Bett legte. Sie hielt mich fest und ich konnte endlich schlafen. Wie ein kleines Mädchen lag ich verzweifelt in den Armen meiner Mutter.

Es geht bergauf

Am nächsten Tag bekam ich ein Zimmer in einer Krisenstation. Es war sehr liebevoll dort, mit viel Verständnis für meine Situation nahm man mich auf. Alle anderen Kliniken, die Mütter mit Kindern betreuen und aufnehmen, waren überfüllt und es gab lange Wartelisten. Ich fühlte mich wohl und geborgen. Ein freundlicher Arzt empfahl sogar, dass mein Sohn hier bei mir sein sollte – und durfte. Ich bekam ein Beistellbettchen, ein Tisch wurde zum Wickeltisch umgebaut.

Bei meinen Therapiesitzungen kümmerten sich die Schwestern liebevoll um meinen Sohn. Nach 10 Tagen hatte ich mich etwas erholt. Es war kurz vor Weihnachten. Inzwischen hatte ich eine gute Therapeutin gefunden, die ich regelmäßig in ihrer Praxis aufsuchte. Ich hatte abgestillt aufgrund der Antidepressiva, die ich nun täglich einnahm. Langsam ging es mir besser.

Am Heiligen Abend, in der schlimmsten Zeit meines Lebens, fragt mein Mann mich dann, ob ich seine Frau werden möchte. Natürlich wollte ich das! Ich freute mich riesig und war so dankbar, dass er mich verstand und so unterstützt hat. Nach und nach ging es mir immer besser, ich nahm die Tabletten, ging regelmäßig zur Therapie und konnte nun endlich mein Glück genießen. Im späten Frühling konnte ich die Tabletten absetzen und mich an unserer Hochzeit und unsem Glück erfreuen.

Diese schwere Zeit hat mich stark gemacht und ich bin sehr stolz und dankbar für meine kleine Familie. Bis heute weiß ich nicht genau, woran es nun eigentlich lag, was die Ursache war für meine Wochenbettdepression. War es das jahrelange Warten auf ein Kind? Das Prolaktinom an der Hypophyse (gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse, Anm. d. Red.)? Ich weiß es nicht.

Wichtig war, darüber zu sprechen und Hilfe zu holen. Die Wochenbettdepression ist ein Tabuthema, das es auf gar keinen Fall sein darf! Heute viele Jahre später schreibe ich das auf und meine Augen sind gefüllt mit Tränen voller Glück und Erinnerungen.

Liebe Gast-Mummy, vielen Dank, dass du den Mut gefunden hast, deine Geschichte zu erzählen. Danke, dass du deine Gefühle, Ängste und Sorgen mit uns teilst und anderen Mummys Mut zu machst, sich Hilfe zu holen und zu kämpfen.
Wir wünschen dir und deiner Familie von Herzen alles Gute.

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Photo Header: Ulrike Mai via Pixabay

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