Wenn man mit Sara Nuru spricht, spürt man sofort den Respekt, den sie jedem Menschen, dem sie gegenübertritt, schenkt. Auch ich habe Sara vor zehn Jahren in der Show Germanys next Topmodel gewinnen sehen. Schon damals ist sie vor allem durch ihre Persönlichkeit, ihre Menschlichkeit und ihre Bescheidenheit aufgefallen. Seitdem ist in dem Leben der Tochter äthiopischer Einwanderer einiges passiert. Sie hat im dem Sieg folgenden Modelleben die Welt bereist und viel gesehen. Irgendwann kam sie an den Punkt, an dem sie etwas ändern wollte, an dem sie durch das, was sie tat, nicht mehr erfüllt war. Vor sechs Jahren hat sie deswegen ein Social Business gestartet und ist damit keinen einfachen Weg gegangen, aber hat vielleicht genau ihren gefunden. Über Integration und Identität, und dass es nicht immer nur ein “entweder-oder” im Leben geben muss, sprechen wir im Interview.

Liebe Sara, ich durfte dein im Oktober erscheinendes Buch “Roots” bereits lesen und bin sehr berührt. Zu Beginn wird die Einwanderung deiner Eltern thematisiert. Deine Mutter kam damals mit deinen beiden älteren Schwestern nach Deutschland. Vor allem diese erste Zeit (etwas später kam auch dein Vater in einer abenteuerlichen Aktion hinterher) liest sich ein bisschen wie ein Märchen. Das hing sicherlich auch mit der offenen Art wie deine Mutter auf alles zuging zusammen. Ist eine so gelungene Integration in deinen Augen grundsätzlich eigentlich immer möglich oder meinst du, es war auch ein Glücksfall des Zusammenspiels verschiedener Umstände?

Sara: Ich glaube, was letztendlich dazu geführt hat, dass die Integration so gut funktioniert hat, war das Aufeinanderzugehen von beiden. Das heißt, die Offenheit von Hilde und Werner, sich auf die fremde Frau einzulassen und die Bereitschaft, sie bei allem zu unterstützen. Oder auch meine Mutter, die bereit war, sich komplett auf die Kultur einzulassen, ohne ihre eigene Kultur zu vergessen, aber sich anzupassen. Obwohl sie nicht katholisch ist, ist sie jeden Sonntag in die Kirche gegangen und hat am Gottesdienst teilgenommen, immer Mittwochs eine Kaffeezeremonie gemacht und alle eingeladen, Langlaufen gelernt und wirklich versucht, ein Teil der Gesellschaft zu werden. Ich glaube, das war der Schlüssel. Das ist nicht nur einzigartig für meine Mutter, sondern ich merke auch aus anderen Geschichten von Bekannten, wenn beide bereit sind, aufeinander zuzugehen, passiert Gutes.

… wenn beide bereit sind, aufeinander zuzugehen, passiert Gutes. Sara Nuru

Hilde und Werner sind die Menschen, die deine Familie in Bayern damals so offen empfangen haben und sie begleiten euch seitdem und sind engste Freunde geworden. Auch sie haben sicherlich wie du sagst einen großen Beitrag für das “Ankommen” in einem so fremden Land geleistet. Glaubst du, es liegt vielleicht auch an der Kultur Äthiopiens, dass deine Eltern so offen auf Deutschland zugegangen sind?

Sara: Ich glaube, dass es in erster Linie vom Menschen abhängig ist. Ob man eher ein offener Typ ist, ob man dazu bereit ist, sich auf etwas einzulassen und auch, ob man auf Menschen eher zugeht oder darauf wartet, dass einer auf einen zugeht. Das gute Ankommen war dem geschuldet, dass meine Mutter eine sehr einnehmende, positive, bejahende Frau ist, die mit offenen Armen auf Menschen zugegangen ist. Ich glaube schon sehr stark, dass also ihre Persönlichkeit ein Grund war. Es gibt eben auch viele andere Geschichten, die nicht so positiv waren, deswegen denke ich nicht, dass es am Ursprungsland hängt. Wobei vielleicht, wenn man das jetzt historisch betrachtet, man sagen könnte, weil Äthiopien noch nie kolonialisiert worden ist, dass das Verhältnis zu weißen Menschen nicht gleich negativ behaftet ist. Wenn man beispielsweise aus Westafrika kommt und gewohnt ist, dass weiße Menschen einen unterdrücken. Da hat man dann wahrscheinlich schon eher eine abwehrende Haltung, kann ich mir vorstellen. Aber dass das so gut funktioniert hat liegt daran, dass Hilde in meiner Mutter eine Schwester gesehen hat, die sie nie gehabt hat und meine Mutter ebenso in Hilde und in Werner einen Familienersatz gefunden hat. Und auch, weil meine Familie in einem Dorf groß geworden ist. In einem 200-Seelen-Dorf kann man sich eben nicht aus dem Weg gehen. Da bleibt einem nicht so übrig, dass man sich zurückzieht und in seinen Kreisen bleibt. Solche Subkulturen gibt es eher in Großstädten, wenn Ghettos entstehen. Das ist ja leider heute die Problematik, dass Begegnungen so selten passieren. Und die Tatsache, dass wir in einem Dorf groß geworden sind, hat einen sehr sehr großen Teil ausgemacht, dass die Integration funktioniert hat.

Ich habe mir im Vorfeld die Bilder auf deiner Website angesehen und ein Bild stach dabei besonders heraus, weil es so viel Emotion vermittelt. Es zeigt dich 2012 bei der Eröffnung deiner ersten Sara-Nuru-Schule in Äthiopien. Du lachst sehr herzlich und hast, so sieht es zumindest aus, Tränen in den Augen. Auch im Buch beschreibst du den Moment als größtes Glück. Wie erinnerst du dich an diesen Moment?

Sara: Ich erinnere mich sehr sehr gern an diese Zeit zurück. Ich habe schon wahnsinnig viele und wirklich besondere Momente in meinem Leben gehabt. Aber lange kam sehr, sehr wenig – wenn nicht sogar nichts – diese Schuleröffnung heran. Weil ich 2009 das erste Mal nach Äthiopien gereist bin und mir das erste Mal direkter Armut bewusst geworden bin. Und wir damals in diese Schule kamen, die total heruntergekommen und für mich wirklich ein Schock war, weil für mich völlig selbstverständlich war, Bildung zu genießen. Und ich typisch westlich geprägt nicht wusste, mit was für Anstrengungen die Kinder in Äthiopien in die Schule gingen. Kilometer weit gehen, viele von denen durften nur hin, wenn in der Nähe noch ein Brunnen war, so dass sie auf dem Heimweg noch Wasser schleppen konnten. Die Schule, die wir damals gesehen haben, war in einem wirklich heruntergekommenen Zustand. Die Kinder standen bis zu den Knöcheln tief im Schlamm. Ich stand da so voller Schock und voller Demut, dass ich versprochen habe, dass ich alles dran setzen werde, um diesen Kindern und diesen Leuten eine neue Schule zu bauen. Und dieser Moment von dem Foto, von dem du sprichst, war, als ich drei Jahre später zurückkam und mein Versprechen einhalten konnte. 

Und es war für mich der schöööööönste Moment zu wissen, dass ich das tun konnte, aber auch zu wissen, dass diese Schule nur gebaut werden konnte aufgrund von Spendengeldern bzw. dem Engagement von deutschen Schülerinnen und Schülern. Ich habe die folgenden drei Jahre Schultouren gemacht, bin in Schulen gegangen, habe Vorträge gehalten und über die Bedingungen vor Ort gesprochen und versucht, die jungen Menschen zu mobilisieren sich sozial zu engagieren. Und was die Kids gemacht haben ist, sie haben Benefizkonzerte gestartet, haben Spendenmarathons veranstaltet, wo sie mit jedem Kilometer Geld gespendet haben, oder kleine Kinder haben “Strawberry Fields” gesungen und haben Erdbeer-Shake und Erdbeerkuchen verkauft, Erstklässler haben sich pro vorgelesener Zeile in einem Buch von ihren Großeltern Geld bezahlen lassen und gespendet. Und zu wissen, dass diese deutschen Kinder den äthiopischen Kindern diese Schule ermöglicht haben und dass quasi dadurch diese Verbindung entstanden ist und ich diese Brücke schlagen durfte, war so ein tolles Gefühl. Und auch für mich persönlich, dass der Sieg bei GNTM nicht so ganz sinnlos war, sondern dass ich meine Popularität und Aufmerksamkeit tatsächlich sinnvoll nutzen konnte – das war für mich mit Abstand das schönste Gefühl.
Und es war für mich der schöööööönste Moment zu wissen, dass ich mein Versprechen habe einlösen können, aber auch zu wissen, dass diese Schule nur gebaut werden konnte aufgrund von Spendengeldern bzw. dem Engagement von deutschen Schülerinnen und Schülern. Sara Nuru

Du hast mir erzählt, dass nach deinem Einstieg ins Modelbusiness und diesem kurz darauf stattfindenden ersten richtigen Besuch Äthiopiens (2009) eine innere Unzufriedenheit dich dazu getrieben, hat dich so sozial zu engagieren. Deine Zerissenheit und Gedanken beschreibst du auch im Buch. Wie war das genau für dich?

Sara: Ja, diese Zerissenheit und diese Unzufriedenheit sind sehr schleichend in mir aufgekommen. Als ich 2009 das erste Mal in Äthiopien war, bin ich direkt danach das erste Mal nach New York zur Fashion Week geflogen. Und ich weiß noch, wie dieser Kontrast mich total fertig gemacht hat. Weil das Arbeiten in New York damals mein Lebenstraum war, das Nonplusultra für mich. Und ich habe mich echt so drauf gefreut im Vorfeld.

 

Aber dadurch, dass ich direkt aus Äthiopien kam, war ich gedanklich noch so in Afrika und konnte diese ganzen Eindrücke gar nicht verarbeiten. Und dieser Kontrast, auch gerade in New York, dieser Überfluss, die Wolkenkratzer und diese Menschen, die alle funktionieren und arbeiten und getrieben sind, habe ich mit ganz anderen Augen betrachtet. Ich hatte das Gefühl, ich habe das so ganz klar, ohne einen Filter, ohne meine eigenen westlichen Gedanken, sondern von der afrikanischen Perspektive gesehen und einfach gemerkt, wie ungerecht die Welt doch ist. Auf der einen Seite Amerika oder die westliche Welt, die so im Überfluss lebt und auf der anderen Seite Afrika unter der Armutsgrenze am Existenzminimum. Und ich hatte das Gefühl, ich bin zwischen zwei Welten und habe über die Jahre einfach funktioniert. Ich hatte immer dieses latent schlechte Gewisssen und alles, was ich da mache, dient nur meinem persönlichen Ego. Es hat keinen Einfluss auf mein Umfeld. Natürlich habe ich mich sozial engagiert und Schultouren gemacht. Aber ich hatte innerlich das Gefühl, das ist nicht genug. Ich muss mehr tun.

Ein Schlüsselmoment war, als ich für einen Fernsehbeitrag einen 1000,- Euro Eisbecher essen sollte und ich kam mir in dem Moment so dumm und dämlich vor und habe mich so geschämt, dass ich mir gesagt habe, “Ey was tue ich hier eigentlich. So jetzt reicht’s, ich bin raus”, und ich die Zeit genutzt habe – wirklich ein Jahr lang – um nachzudenken und zu reflektieren.

Ein Buch hat mich dann letztendlich dazu bewogen, mein eigenes Social Business zu starten. Dieses “Start something that matters” von Blake Mycoskie, dem Gründer von TOMs Shoes, hat mich dazu gebracht, gleiches zu versuchen, indem man durch wirtschaftliches Handeln Gutes tut. So ist die Idee entstanden mit Kaffee (Äthiopien ist ja das Ursprungsland des Kaffees) Gutes zu tun und die Idee für NuruCoffee und später NuruWomen war geboren.

Aber das Krasseste war für mich, dass ich in allen diesen Gesichtern dort entweder meine Eltern gesehen habe oder auch mich selber. Und das hat mich so geschockt. Ich hatte nicht gedacht, dass ich so berührt sein würde von alldem. Und obwohl ich mich in erster Linie als Deutsche gesehen habe, habe ich mich diesen Menschen doch so nahe gefühlt, weil ich wusste, wären meine Eltern nicht mutig gewesen und nach Deutschland gegangen aufgrund der Perspektivlosigkeit im eigenen Land, hätte mein Leben genauso verlaufen können. Sara Nuru

Was hat dich 2009 bei deinem ersten längeren Besuch Äthiopiens am meisten berührt? Und wie kam es davor schon zur Zusammenarbeit mit der Karlheinz Böhm Äthiopienhilfe „Menschen für Menschen“, für die du immer noch als Botschafterin tätig bist?

Sara: Die Zusammenarbeit mit „Menschen für Menschen“ ist zustande gekommen, weil die Organisation mich in der Sendung gesehen hat. Und noch bevor ich im Finale war, hat die Organisation mich kontaktiert und mich gefragt, ob ich nicht als Jugendbotschafterin für ihr Bildungsprogramm tätig werden möchte.

Die Sendung wird ja vorproduziert: Im Fernsehen war ich unter den ersten 10, ich war aber eigentlich schon im Finale. Und bevor das Finale ausgestrahlt wird, gibt es eine Pause, deswegen war ich schon zurück in Deutschland. Meine Agentin erzählte schon von Anfragen, unter anderem von „Menschen für Menschen“ (MfM). Für mich war das total überraschend. Also einmal, dass man mich überhaupt kannte und ich gar nicht dachte, dass ich schon so eine Reichweite habe, aber vor allem, dass mich MfM kannte. Die Organisation war etwas ganz besonderes für mich, weil ich mit der Organisation groß geworden bin. Immer, wenn im Fernsehen etwas über Äthiopien berichtet wurde, hatte das was mit von MfM zu tun. Und meine Eltern waren Riesenfans oder Anhänger der Organisation. Unabhängig davon, ob ich gewinne oder nicht, fand ich das ganz spannend. Aber ich musste mir erstmal ein Bild von ihrer Arbeit machen. Deswegen sind wir dann 2009 nach Äthiopien gereist.

 

Die Reise diente ja eigentlich dazu zu sehen, wie sie dort arbeiten. Aber das Krasseste war für mich, dass ich in allen diesen Gesichtern dort entweder meine Eltern gesehen habe oder auch mich selber. Und das hat mich so geschockt. Ich hatte nicht gedacht, dass ich so berührt sein würde von alldem. Und obwohl ich mich in erster Linie als Deutsche gesehen habe, habe ich mich diesen Menschen doch so nahe gefühlt, weil ich wusste, wären meine Eltern nicht mutig gewesen und nach Deutschland gegangen aufgrund der Perspektivlosigkeit im eigenen Land, hätte mein Leben genauso verlaufen können. Und das wurde mir in dem Moment klar. Und hat mich eigentlich am meisten berührt. Also dass ich eigentlich eine von denen bin. Und auch die Tatsache, dass die Menschen, obwohl sie nichts haben, trotzdem so herzlich waren und uns so gastfreundlich und mit offenen Armen empfangen haben, uns jedes mal einen Kaffee gemacht haben und das Wenige, was sie hatten, haben sie geteilt. Das fand ich so besonders. Alle hatten ein Lachen im Gesicht. Auch, wenn ich bei meiner ersten Reise nur Armut gesehen habe, weil ich alles durch die westlichen Augen und noch nicht durch die Entwicklungs-Augen gesehen habe, war ich trotzdem fasziniert, dass die Menschen nicht gelitten haben, die hatten eine Freude, die haben einen angelächelt. Das passiert mir nicht mal im Prenzl Berg, dass ich so glückliche Menschen sehe, obwohl sie so wenig haben. Das hat auch mein Weltbild verändert von wegen “Was heisst denn heute glücklich zu sein? “ Es nicht unbedingt, dass ich ein großes Auto fahre oder eine Eigentumswohnung besitze, sondern dass Zufriedenheit und glücklich sein bedeutet, dass man nicht hungern muss, dass man Wasser hat, dass es eben ganz kleine Dinge sind im Leben. Und das hat mich eben sehr, sehr berührt.

… so glückliche Menschen zu sehen, obwohl sie so wenig haben. Das hat auch mein Weltbild verändert von wegen “Was heisst denn heute glücklich zu sein? “ Sara Nuru

Credit: Robert Rieger
Hört auf eure Intuition und traut euch! Sara Nuru

Diese Zufriedenheit hast du damals selbst nicht mehr verspürt und wolltest deswegen etwas ändern, wusstest aber zunächst nicht, wie und was es genau sein soll. Du sagst, der Weg, den du dann eingeschlagen hast, war nicht der “gängige Weg”, der sich dir eigentlich bot. Und nicht diesen “gängigen Weg” zu gehen erforderte sicherlich Kraft. Wann lohnt es sich trotzdem, innere Zweifel und Sorgen zu überwinden? 

Sara: Ja mit dem gängigen Weg meine ich, dass viele gesagt haben: “Häh, vom Modeln zum Kaffeehandel, wie funktioniert das, wie geht das?” Ich glaube aber, dass die größten innerlichen Zweifel und Sorgen ich mir selber gemacht habe.

Menschen neigen dazu, Menschen in Boxen zu stecken. Meine Box war Modeln, GNTM, dann in den Handel zu gehen und was Wirtschaftliches zu machen ist komplett was anderes. Und auch zu wissen, wir waren Quereinsteiger. Meine Schwester Sali hatte Psychologie und Wirtschaftspsychologie studiert, aber mehr Psychologie und ich hatte gar nicht studiert.

Aber dadurch, dass ich eben keinen wirtschaftlichen Background habe, hatte ich oft das Gefühl, dass ich mich erst recht anstrengen muss und hatte viele eigene Zweifel. Aber ich habe festgestellt, dass ich am Ende des Tages nur meine eigenen Unsicherheiten überwinden muss. Denn die Leute werden sich so oder so ihren eigenen Teil denken und es entweder gut heißen oder schlecht heißen. Ich habe gemerkt, wenn ich wirklich dahinter stehe – und ich habe ja so gebrannt für die Sache – dass jede Niederlage und vermeintliche Rückschläge, die natürlich in dem ganzen Prozess immer mal wieder kamen, mich nicht davon abhalten können, meine Ziele zu verfolgen. Ich glaube einfach, die Motivation war so groß und so da, dass ich immer wieder weiter gemacht habe. Ich habe gemerkt: Mut wird belohnt.

Dass wir heute treue Kunden haben, die immer wieder bestellen, bundesweit, selbst in der Schweiz, ist eigentlich nur der Beweis, dass es egal ist, woher man kommt und was für einen Background man hat. Solange man das mit Herzblut macht, wirklich die Ärmel hochkrempelt und für seine Überzeugungen einsteht, auch bereit ist zu lernen und keine Angst davor hat, Fehler zu machen, wird es am Ende doch irgendwie gehen. Das war so meine Erfahrung.

MUT WIRD BELOHNT. Sara Nuru

Was würdest anderen raten, die sich in einer Phase der Suche nach dem für sie “richtigen” Weg oder der eigenen Identität befinden und ins Straucheln kommen?

Sara: Folge deiner Intuition! Die Intuition sagt ganz oft, was man eigentlich will. Rein rational hat das gar kein Sinn gemacht, sich zurückzuziehen. Hätte ich bei meinem Job bleiben sollen. Aber innerlich sagt einem die Intuition dann doch, wohin die Reise gehen soll. Gerade, wenn auf dem Weg dorthin Steine gelegt werden, Freunde, Nachbarn, Eltern einem sagen, dass man auf den Verstand hören soll. Bleibt bei eurer Intuition, vertraut eurem Bauchgefühl und seid mutig! Ich meine damit nicht mutig im Sinne von kündigt alles und geht ins Ungewisse, sondern traut euch, nein zu sagen. Traut euch, eurem Instinkt zu folgen, denn: MUT WIRD BELOHNT. Und ich glaube, das ist so mein Appell. Dass man selber insgeheim ganz genau weiß, was man will. Aber man leider oft zu feige oder besser gesagt nicht mutig genug ist, das zu tun, was das innere Bedürfnis eigentlich ist. Hört auf eure Intuition und traut euch, danach zu gehen.

An wen richtet sich dein Buch?

Sara: Das Buch richtet sich an alle, die etwas tun wollen, dass sie persönlich mit Sinn erfüllt. Ich weiß noch, als ich in der ganzen Buchvorbereitung war, ob ich das Buch schreiben möchte oder nicht, habe ich gesagt und gedacht, „Ich möchte die Anwältin erreichen, die am liebsten Bäckerin werden wollte“. Ich weiß nicht, ob das Sinn macht. Da haben alle schon so geguckt. Aber damit will ich sagen, ich möchte Menschen erreichen die sich eigentlich nicht trauen, neue Wege zu gehen. Menschen, die insgeheim damit hadern und sich nicht trauen, den letzten Schritt zu machen. Menschen, die neue Wege gehen wollen. Aber ich möchte auch die Kinder der ersten Generation von Migranten erreichen. Ich würde mich freuen, wenn sie das Buch lesen und das Gefühl haben, “Ok, sie sind nicht alleine”. Das geht uns allen so, dass man manchmal nicht weiß, wohin man gehört. Und die, die vielleicht auf Identitätssuche sind. Und dann möchte ich gerne auch zeigen, dass Integration funktionieren kann und dass es ganz, ganz tolle Menschen gibt, die Nächstenliebe gezeigt haben. Dass es auch positive Beispiele gibt und nicht jeder unwillkommen ist in Deutschland. Es ist an der Zeit, auch diese Geschichten zu erzählen und zu zeigen, was eigentlich das Ergebnis ist, wenn man Leuten die Chancen gibt, sich hier zu integrieren. Weil sich viel mehr Leute integrieren wollen. Meine Schwestern und ich sind eigentlich das gelungene Ergebnis was passiert, wenn Neuankömmlingen geholfen wird.

2017 hast du zusammen mit einer deiner drei Schwestern, Sali, das Social Business NuruCoffee gegründet. Was bedeutete dieser Schritt für dich persönlich?

Sara: Sali und ich hatten 2013/14 die Idee und NuruCoffee dann offiziell 2017 gelauncht. Es hat tatsächlich drei Jahre gedauert, bis alles stand, da wir einfach alles von Grund auf alles selber machen wollten. Dieser Schritt bedeutet mir wahnsinnig viel. Ich bin sehr, sehr stolz, dass Sali und ich diese Idee, die wir hatten, in die Tat umsetzen konnten. Auch wenn es länger gedauert hat, als wir gedacht haben. Ich bin froh, dass ich durch die Erfahrung mit MfM Jahre vorher sehr, sehr viel lernen konnte und diese Erfahrung jetzt in NuruWomen einfließen kann, in meinen eigenen Verein, und dass wir mit NuruCoffee wirklich durch wirtschaftliches Handeln Gutes tun können. Und dass mit jeder Kaffeepackung, die wir aus Kleinkooperativen beziehen, Frauen unterstützen können und so den Kreis schließen. Das macht uns sehr, sehr stolz.

Mit dem Social Business NuruCoffee möchtet ihr fair gehandelten, organisch angebauten Kaffee aus zertifizierten Kooperativen Äthiopiens nachhaltig fördern und wie du sagst, damit zusätzlich Frauenprojekte in Äthiopien unterstützen. Durch Schulungen, Trainingskurse und Mikrokredite wollt ihr Frauen dabei helfen, eine selbstbestimmte, unabhängige Existenz aufzubauen. Kern aller eurer Unterstützung ist es, Hilfe in Form von Selbsthilfe zu leisten. Also die Menschen zu befähigen, ihre Lebenssituation selbst zu verbessern und so eine nachhaltige Entwicklung im Land zu fördern. Magst du das noch genauer erklären?

Sara: Wir beziehen den Kaffee aus Kleinkooperativen, weil die Bauern dann selbst bestimmen, welchen Preis sie aufrufen und nicht abhängig sind von Großeinkäufern, die die Washing-Stations besitzen und so die Preise angeben. Was wir tun ist, wir investieren in Mikrokredite für Frauen, die keinen Zugang haben zum Kaffeehandel. Weil nicht jeder vom Kaffeehandel profitiert. Und Frauen gar keine Einnahmequelle haben und total von ihren Männern abhängig sind. Mit den Krediten können sie ein eigenes Business starten und somit eine Existenz aufbauen und Unabhängigkeit bekommen. Und das ist bisher toll gelaufen und schon über 100 Frauen konnten wir mit einem Kredit unterstützen und haben gemerkt, dass das die Zukunft ist, und den Frauen so viel mehr gibt als nur die finanzielle Unterstützung. Auch ihr Selbstwertgefühl wird dadurch gesteigert, weil sie eben ein Kredit haben und selber für ihr Glück verantwortlich sind und den Kredit dann zurück zahlen. Zwar nicht an uns, aber an die Women Association. Die Frauen bilden eine Gruppe, in die das Geld dann fließt. Wenn die Frauen einen zweiten Kredit aufnehmen, um das Business zu erweitern, nehmen sie das Geld von der Association und nicht mehr von uns. Somit sind sie komplett autark und unabhängig.

Es ist für mich immer faszinierend zu sehen: Die Ziele und Träume der Frauen in Europa sind die gleichen wie die der Frauen in Afrika. Wir in Europa kämpfen für die gleichen Rechte wie die Frauen in Äthiopien auch. Sara Nuru

Ich mag diese Solidarität von Frauen – in Europa, aber auch weltweit. Sara Nuru

Aus NuruCoffee ist deswegen der gemeinnützige Verein NuruWomen e.V. hervorgegangen. Wie kam es dazu, speziell Frauen zu fördern und wie geht es den Frauen in Äthiopien, die eure Hilfe erreichen konnte?

Sara: Den Verein NuruWomen haben wir aus rein organisatorischen Gründen gegründet, weil wir gemerkt haben, dass wir, indem wir die Erlöse von NuruCoffee in NuruWomen, also in den e.V. fließen lassen, besser darlegen können, was wir getan haben. Und wir haben auch gemerkt, dass wir mit Partnern zusammenarbeiten, die uns unterstützen wollten. Ich habe natürlich gesagt “Kauft Kaffee, damit tut ihr Gutes”, aber sie wollten auch spenden, also eine feste Summe und als Firma darf man keine Spenden annehmen. Deshalb haben wir den Verein gegründet und wickeln darüber all die Frauenprojekte ab. Die Frauen sind einfach komplett abhängig und können dadurch unabhängig werden.

Wie beurteilst du die Situation und Stellung der Frauen in Europa?

Sara: Es ist für mich immer faszinierend zu sehen: Die Ziele und Träume der Frauen in Europa sind die gleichen wie die der Frauen in Afrika. Wir in Europa kämpfen für die gleichen Rechte wie die Frauen in Äthiopien auch. Es geht genauso um Gleichberechtigung, dass Frauen ihr eigenes Geld verdienen, unabhängig sind, Anerkennung bekommen. Das ist ein universelles Frauenthema und nicht für Europa spezifisch. 

Ich finde aber, dass sich einiges tut, hingehend auf Europa, dass wir in einer unglaublichen Zeit sind, in der eine Umbruch- und Aufbruchstimmung herrscht. Und die Stimme der Frauen gehört wird. Ich finde diese große Dynamik toll und fühle einen großen solidarischen Vibe, ich fühle mich sehr mitgerissen von der Energie. Ich mag diese Solidarität von Frauen – in Europa, aber auch weltweit.

Noch eine letzte Frage. Du sagtest mir im Vorgespräch, du hast dir niemals die Show GNTM angesehen, in der du 2009 mitgewirkt und schließlich gewonnen hast. Warum? 

Sara: Ich habe ein zwei Ausschnitte gesehen und gedacht: “Um Gottes willen! Wie rede ich, wie bewege ich mich.” Und ich habe bemerkt, wie ich automatisch versucht habe, mich zu verändern. Und ein weiterer Grund war: Ich hatte so eine coole Zeit vor Ort und so tolle Erfahrungen gemacht, dieses Bild wollte ich nicht zerstören. Ich wollte meine Erinnerung unverfälscht im Gedächtnis behalten, deswegen habe ich mir die Sendung nicht angeguckt.

Liebe Sara, ich danke dir ganz herzlich. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit NuruCoffee und NuruWomen und deinen anderen sozialen Projekten. Danke, dass es dich gibt.

Hier findet ihr mehr über:
Sara Nuru
NuruCoffee
NuruWomen e.V.
Saras Buch „Roots“

Titelbild Credit: Jürgen Wacker/Menschen für Menschen

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