Heute wurde im Bundestag über zwei fraktionsübergreifende Gesetzentwürfe zur Organspende entschieden. Einer davon war die „doppelte Widerspruchslösung“, die jeden Bürger im Fall seines Todes automatisch zum Organspender machen würde, wenn keine widersprüchliche Willensbekundung bekannt ist. Auch die Anghörigen werden befragt – allerdings nicht, um zu entscheiden, sondern nur, ob sie die Meinung des potentiellen Spenders kennen. Klar, im Prinzip wäre das ein Eingriff in die Freiheit des Einzelnen, aber wir hätten damit so vielen Menschen helfen können, die auf ein Spenderorgan angewiesen sind und bei denen es um Leben und Tod geht.

Die derzeitige gesetzliche Regelung in Deutschland ist die Entscheidungsregelung, also so: Organspender ist der, der es ausdrücklich dokumentiert hat. Dafür gibt es den Organspendeausweis. Habe ich nichts dabei, werden meine Angehörigen befragt und sie müssen die Entscheidung fällen. Für oder gegen mich, je nach Informationsstand.

Die erweiterte Zustimmungslösung zur Organspende

Der Bundestag hat heute mit einer Mehrheit die erweiterte Zustimmungslösung beschlossen. Was das ist? Es handelt sich dabei quasi um eine Weiterentwicklung der bisher geltenden Entscheidungsregelung. Wir als Bürger sollen stärker aufgeklärt werden und so nach und nach die Zahl der Organspender erhöhen. Organspender wird damit keiner automatisch. Der Vorschlag der Grünen-Chefin Annalena Baerbock wird von Kirchen und Ethikern unterstützt. Damit das alles reibungslos funktioniert, soll es bald also ein bundesweites Register geben, in dem die eigene Entscheidung festgehalten wird. Auch Bürgerämter werden verstärkt eingebunden: Wer sich einen neuen Ausweis machen lässt, soll dann zukünftig dort nach seiner Einstellung gefragt werden. Die Antwort landet im Register und Ärzte erfahren so im schlimmsten Fall sehr schnell: Organspender JA oder NEIN! Gibt es keine Angaben der Person, werden weiterhin die Angehörigen befragt.

Die doppelte Widerspruchslösung wäre – in meinen Augen – die denkbar einfachste Idee gewesen, zukünftig mehr Leben zu retten, denn so faul wie der Bürger in die eine Richtung ist (Organspendeausweis runterladen, ausdrucken, ausfüllen, dabei haben), wäre er womöglich auch in die andere Richtung. Das wird allerdings direkt als Zwang und Eingriff in die Freiheit bezeichnet – ganz ehrlich, sich einmal damit auseinanderzusetzen und eine Entscheidung zu fällen, wäre jetzt in meinen Augen echt kein Drama. Immerhin geht es hier um Menschen. Thematisch interessiert sich der Mensch an sich aber halt erst für derlei Themen, wenn es ihn selbst oder seine Kinder/Familie betrifft.
Die deutsche Stiftung für Patientenschutz wirft sogar ein, dass Angehörige so übergangen würden. Da kann ich leider nur antworten: Gut so, weil: Es ist meine Entscheidung, nicht die meiner Angehörigen! Meine Meinung ist, wenn ich tot bin, bin ich tot, da werde ich nichts mitnehmen. Gern darf es jemand haben, der es brauchen kann!

Ein paar Zahlen zur Organspende gefällig?

In Deutschland warten etwa 9000 Menschen auf eine Organspende. Im letzten Jahr waren überhaupt nur 932 Menschen in Deutschland Organspender (2018 waren es 955), sie haben mit ihren Organen (unter anderem Nieren, Herzen, Lebern, Lungen) pro Spender etwa drei Menschen eine neue Chance für ein Leben gegeben. Klingt schon mal super, aber im Prinzip kommen wir in Deutschland pro eine Million Einwohner auf einen mega Wert: 11,2 Spender. ELFKOMMAZWEI! Alter!

Warteliste

Wartezeit auf ein Spenderherz in Tagen

Im Jahr 2018 landeten 5000 Personen auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Für 901 Personen auf der Warteliste gab es kein Organ und sie sind gestorben. Wir sind übrigens in Europa das Land mit den meisten Menschen auf der Warteliste!

Und noch eine Zahl: Wenn ein Kind in den 90ern ein Herz gebraucht hat, hat es in Deutschland durschnittlich 111 Tage auf ein Spenderherz warten müssen. Heute sind es 867 Tage. Und manchmal gibt es für das Kind gar keine 867 Tage mehr.

Organe für die, die eins benötigen kommen auch aus dem Ausland zu uns, wir sind bei Eurotransplant dabei (und das einzige Land ohne Widerspruchslösung!). Da mag man uns übrigens auch nicht so sehr, weil von Deutschland das Solidaritätsprinzip verletzt werde. Die Stimmung ist mies, denn für jedes Organ, das aus Deutschland zu Eurotransplant gehe, kommen im Schnitt drei zu uns.

Im internationalen Vergleich liegen wir mit unseren 11,2 Spendern auf eine Million Einwohner sehr weit hinten. Zum Vergleich: Spanien kommt auf 46,9 Organspender (2018)

Hier gibt es weiterführende Information zum Thema Organspende

Ihr seid euch selbst nicht sicher oder wollt einfach noch mehr über Organspende, Abläufe und so weiter wissen? Viele Fakten findet ihr unter anderem auf diesen Seiten:

DSO – die deutsche Stiftung für Organtransplantation bietet Infos zur Organspende, koordiniert selbige und hat jede Menge Statistiken für jedes einzelne Organ.

EUROTRANSPLANT – der Zusammenschluss von Deutschland, Belgien, Luxemburg, Kroatien, Niederlande, Österreich, Ungarn und Slowenien, eine Serviceorganisation, die eine zentrale Warteliste betreut und die Organspenden verteilt. Aktuelle Zahlen findet ihr hier ebenso wie z.B. Geschichten von Patienten und Reportings und Statistiken der letzten Jahre.

Der Organspendeausweis – den gibt es hier zum Download.

Alles zum Beschluss im Bundestag und was sich künftig ändern wird steht auch auf der Seite des Bundesministeriums für Gesundheit

Eine Seite, die heute überrannt wird und ständig on und off ist: Organspende-info.
Hier versammeln sich viele Informationen zum Thema. Nachzulesen für alle Interessierten.

Ihr wollt euch engagieren, aufklären, mithelfen? Dann schaut mal bei junge Helden vorbei, das ist auch das Projekt, das von Collien Ulmen-Fernandez unterstützt wird, hier hat sie uns davon erzählt.

Die Reden der Sitzung heute findet ihr in der Mediathek des Bundestags. Insbesondere ans Herz legen möchte ich die Rede von Gitta Connemann.

Zum Schluss möchte ich euch noch den Text über Gustav ans Herz legen. Der kleine Mann braucht eine neue Leber und wartet auf einen Spender. Die ganze Geschichte steht drüben bei Stadt Land Mama.