Was müssen wir über Frauengesundheit wissen, Kareen Dannhauer?

Frauengesundheit – wo fängt sie an, wo hört sie auf und was gehört überhaupt alles dazu? Neben den klassischen Themen wie Zyklus, Schwangerschaft, Geburt und Menopause widmen wir uns den kleineren, vielleicht zum Teil auch noch nicht so vertrauten Frauenthemen. Kareen Dannhauer arbeitet seit 1994 als freiberufliche Hebamme, ist Gründerin von into-life.de und Autorin des Buches “Guter Hoffnung”, in dem sie Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt beantwortet, die sie immer wieder gestellt bekommt. Uns erklärt sie nun ein paar vielleicht nicht so bekannte Frauenthemen.

Wochenbett 

Warum ist das Wochenbett so wichtig – sowohl direkt nach der Geburt als auch für die Zukunft aller Beteiligten?  

Kareen: Im Wochenbett werden wichtige Weichen gestellt für das Leben als Familie. Dass ich als Hebamme mit dem Klassiker „Schön im Bett bleiben“ um die Ecke komme, wird auch niemanden überraschen. Dabei geht es um Erholung, Heilung und Regeneration, aber eben auch darum, Ressourcen zu schonen und sich auszuruhen, wenn es angebracht ist. Und zu lernen, das zur Priorität zu machen. 

Das ist ein Lernprozess, der hier im Wochenbett seine Wiege hat, wenn man körperlich und emotional kräftemäßig auf allen Ebenen so „durch“ ist und das oftmals zum ersten Mal im Leben in diesem Ausmaß so erlebt. 

Die eigenen Bedürfnisse erkennen, sie wichtig nehmen und für ihre Erfüllung sorgen, ist enorm wichtig und offenbar auch in emanzipierten, gleichberechtigten Familien nicht ganz so selbstverständlich, wie wir immer so dachten.

Wir brauchen ganz dringend wieder eine Wochenbettkultur, in der es nicht darum geht, schnell wem-auch-immer wieder zur Verfügung zu stehen, sei es dem Arbeitgeber, der Volkswirtschaft, dem sozialen Leben, der eigenen Selbstverwirklichung, dem Partner, oder wer auch immer Ansprüche anmeldet, denen man – auch dem eigenen Selbstbild zuliebe – genügen möchte.

Mama-Burnout und Hormone 

Dieser ganze Hormonstruggle – kein Wunder, dass man da gestresst ist und durch den Wind. Oder ist es andersrum? Wo kommt das Mama-Burnout her und was können wir vielleicht auch dagegen tun? 

Kareen: Wenn man nicht gut auf sich aufpasst oder auch etwas naiv an die Sache herangeht mit der Jungenaufzucht (und das dürfte für die meisten Familien vor der Geburt des ersten Kindes zutreffen), merkt man plötzlich, dass das neue Leben ganz schön viel parat hält. Tolles und durchaus auch mal weniger Tolles, Anstrengendes. Das macht, erstmal ganz und gar unbewertet: Aufruhr im System; wir nennen es: Stress. Nicht jeden Tag Stress vielleicht und nonstop, schließlich lieben wir das Leben mit unseren Babys ja maßlos und kriegen gar nicht genug vom süßen Babyduft. Aber es ist eben ein anhaltender Zustand von „viel“. Und das setzt sich für viele Frauen nahtlos aus dem Wochenbett fort und bringt manchmal über Jahre auf hormoneller Ebene einiges durcheinander.

Cortisol ist das Hormon, das der Körper in diesen Situationen ausschüttet, ein normaler und sinnvoller Anpassungsmechanismus. Es aktiviert unter anderem nämlich unsere Stress-Schutz-Kompetenzen. Cortisol wird in der Nebenniere produziert, und die kann man sich wie einen Akku vorstellen. Wenn du auf Dauer wenig schläfst, nur im Stehen isst (und nur das, was dir gerade in die Finger kommt), deine Müdigkeit mit Kaffee runterspülst, leert das alles den Akku. Dummerweise wird er aber gleichzeitig nicht mehr durch Ausschlafen, den Tag langsam mit einem ausgedehnten Frühstück starten plus Löcher-in-die-Luft-Starren wieder aufgeladen.

Das heißt: Die Nebenniere erschöpft, und auf Dauer wird dein Akku möglicherweise sogar tiefentladen – das wäre dann das Bild eines Burnout.

Aber es muss ja gar nicht das volle Programm, diese handfeste Diagnose sein. Gar nicht so wenige Frauen bemerken, dass sie nach Geburten mehr unter PMS leiden, sich nach dem Stillen länger kein regelmäßiger Zyklus einstellt, dass sie sich reizbarer und emotional weniger belastbar fühlen.

Dazu muss man wissen, dass die Vorläufer unserer Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron ebenfalls in der Nebenniere gebildet werden, zwei weniger bekannte Hormone, nämlich das DHEA und das Pregnenolon. 

Wenn die Nebenniere nun ständig genötigt wird, Cortisol auszuschütten, weil das Stress-System unseres Körpers permanent alarmiert ist und wir zwischen beruflichen Deadlines und Kuchenbasar und nächtlichem Stillen des Säuglings im Dreieck springen, stellt der Körper weniger dieser Baustoffe für die restlichen Hormonbaustellen zur Verfügung, weil das biologisch Höherrangige erst immer die hormonelle Bewältigung von Stress ist.

Fortpflanzung ist dann einer der ersten Komplexe, der dann runtergefahren wird. Fortpflanzung ist Luxusprogramm, das fädelt der Körper nur dann ein, wenn die Ressourcen dafür da sind. Und in so einer anstrengenden Lebenssituation setzt die Natur nicht noch ein weiteres Baby in die Welt, sie ist ja nicht bekloppt. Möglicherweise springt unser Zyklus nach der Geburt erstmal gar nicht wieder so richtig an. Das liegt nicht immer nur an dem hohen Prolaktin, dem Milch-Hormon, sondern manchmal ganz banal am Stress.

Die Biologie spart also an „Fortpflanzungshormonen“, nur haben wir eben mit viel Cortisol und weniger Progesteron auf Dauer eine erschöpfte Nebenniere, mehr PMS und unsere Stressbelastungskapazität sinkt bis unter die Grasnarbe. 

Das ist, etwas vereinfacht gesagt, das, was viele Frauen kennen. Die Motzmama, die permanent rotiert und sich in ihrem Hamsterrad gefangen fühlt und sich manchmal selbst kaum erkennt.

Vitalstoffe (Mikronährstoffe) 

Die Versorgung der Mutter mit Vitalstoffen sind ein Problem in Schwangerschaft und Stillzeit. Denn beides fördert einen Mangel bei der Frau, langes Stillen ganz besonders. Denn das Kind bekommt alles, die Mutter nichts. Was für Auswirkungen kann das haben und was können wir dagegen tun? 


Kareen: Sagen wir mal so: Ein Problem ist es dann, wenn man nicht extra dafür sorgt, dass der erhöhte Bedarf an Nährstoffen gedeckt wird. Über die Ernährung allein, gleich vorweg, ist das ausgesprochen schwierig. Nochmal: Schwangerschaft und Stillzeit sind Hochleistungssport! Ich würde sagen, dass ich hier im Prenzlauer Berg als Hebamme mit einem überdurchschnittlich ernährungsbewussten Klientel arbeite. Wenn ich dann in meiner Praxis mal ein Nährstoffprofil abnehme, um genau zu schauen, wie die Vitalstoffversorgung denn überhaupt aussieht, bin ich regelmäßig erschüttert. Natürlich können unsere Zellen nur gut funktionieren, wenn sie alles brauchen, was sie benötigen. Und nur wenn unsere Zellen gut funktionieren, sie genug ATP in den Mitochondrien bilden können, die Hormonrezeptoren in der Zellwand funktionsfähig sind, spezielle Gewebe ausreichend Vitamine aus der Blutbahn aufnehmen können, „funktioniert“ unserer Körper, natürlich auch mit allen daran hängenden Systemen wie mentaler und seelischer Gesundheit.

Auch wenn wir uns bewusst und bio ernähren: Durch unser modernes Leben, dadurch, wie wir mit Nahrungsmitteln umgehen, wie wir sie anbauen, verarbeiten, zu uns nehmen, unsere Lebensumstände und viele andere Einflussfaktoren, reicht unserem Körper in diesen Hochleistungsphasen die Nährstoffdichte in unserer Nahrung nicht aus. Und klar, das kann massive Auswirkungen auf unsere Schwangerschaften haben. Oder möglicherweise werden wir auch gar nicht mal eben so schwanger, vor allem dann, wenn wir nicht mehr 25 sind und der Körper in Sachen Kompensation aus dem Vollen schöpft. Seit einigen Jahren gibt es viele wissenschaftliche Untersuchungen, und es setzen sich Mosaiksteine zusammen, wie spezifische Vitalstoffe, vor allem beispielsweise Vitamin D, das Coenzym Q10 und Omega 3 zusammenwirken und was sie für einen wichtigen Einfluss haben.

Gerade dann, wenn Frauen eine Schwangerschaft hinter sich haben, eine lange Stillzeit und nun erneut schwanger sind. Unsere Nährstoffdepots und -reserven sind dann aufgebraucht, weil wir ein Kind rund und gesund gemacht haben. Für uns selbst ist dann quasi nichts mehr übrig, und das Wort „ausgelutscht“ beschreibt ziemlich treffend, wie Frauen sich dann fühlen.

Stilldemenz ist da ein schönes Beispiel. Es gibt unterschiedliche Ebenen das zu erklären, was da los ist (oder eben nicht mehr los ist) im Oberstübchen. Da ist einerseits der typische, alltägliche Stress, Stichwort Cortisol. Einerseits sind wir im späteren Wochenbett, also nach der gesellschaftlich akzeptierten kurzen Schutzzone, ziemlich schnell wieder zurück im Alltag. Und jonglieren zeitgleich unser Baby, und zwar mehr oder weniger nonstop. Und zwar nicht schön eins nach dem anderen, sondern alles und immer gleichzeitig. Während wir das Baby in den Schlaf schuckeln, fahren wir schon mal den Rechner hoch, damit wir in den kostbaren 30 Babyschlafminuten auch noch irgendwas wegschaffen. Während wir uns mit nassen Haaren ein Brot schmieren, das wir gleich erst unterwegs aufessen werden, gucken wir mit dem anderem Auge, wann die Stimmung kippt und das Baby spätestens los-geh-fertig im Wagen liegen muss, oder ob wir vielleicht noch ein paar Sekunden Zeit haben, die Briefmarken zu suchen, die wir vor drei Tagen auf irgendeinen Stapel gelegt haben, weil Telefon und Baby gleichzeitig Alarm machten, damit der wichtige Brief auch endlich zur Post kommt.

Vitamine lösen nicht das Wochenbett- und Stillzeitchaos. Aber sie verbessern ganz bestimmt die Ressourcen, mit diesen entbehrungsreichen Zeiten besser klar zu kommen.

Schwangerschaft als epigenetischer Schalter 

Schwangerschaften können Hinweise auf die Gesundheit der Frau in der Zukunft geben. Wie und worauf? 

Kareen: Wenn man eine Schwangerschaft vielleicht ganz nüchtern als „Marker“ bezeichnen möchte, ist sie zunächst ja tatsächlich ein Zeichen und Beweis blühender Gesundheit. Wenn der Körper einer Frau keine Ressourcen hat, weil entweder ihr hormonelles Gleichgewicht aus der Balance ist, sei es durch Stress, einen Vitalstoffmangel oder eine andere Grunderkrankung, wird sie voraussichtlich gar nicht erst schwanger. In den Wochen und Monaten einer Schwangerschaft vollbringt der Körper ein Wunder: Er macht einen ganz neuen Menschen, aus sich heraus. Das zieht ordentlich Energien ab, alles Stoffwechselprozesse, unsere Organe, das ganze System gibt alles und arbeitet auf Hochtouren. 

Epigenetik bedeutet, dass es auslösende Faktoren gibt, die eine genetische Disposition, eine Veranlagung, triggern und gewissermaßen anschalten können. Eine Schwangerschaft kann so ein Schalter sein.

Sie kann Frauengesundheits-problematiken katalysieren, beschleunigen oder einen Vorausblick auf die Gesundheit der Frau in Zukunft geben. Wenn Frauen einen Schwangerschaftsdiabetes entwickeln, ist das ein frühes, aber deutliches Zeichen einer vulnerablen Insulinachse. Sie sind Hochrisikopatienten für einen Diabetes Typ 2 in 20-30 Jahren, fast 50 % aller Frauen entwickeln im späteren Leben einen Diabetes Typ 2, wenn sie nicht ernsthaft und dauerhaft ihre Ernährung umstellen. Oder Frauen, die eine Gestose entwickelt haben, das sind immerhin 5-10% aller Schwangeren, tragen dann ganz massive kardiovaskuläre Risiken für Schlaganfall oder Herzinfarkte im weiteren Leben. 

Eine Schwangerschaft ist natürlich per se kein gesundheitliches Risiko, im Gegenteil, es gibt diverse Erkrankungen, von Brustkrebs bis zu speziellen Schilddrüsenerkrankungen, von denen kinderlose Frauen häufiger betroffen sind. Aber sie können Hinweise geben darauf, was Frauen per Veranlagung in späteren Lebensjahren blühen kann. Und man natürlich auch im Rahmen des Lebensstils einiges darauf abstimmen kann.


Mehr von
Kareen Dannhauer findet ihr auf ihrer Webseite.

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