Die Schulpflicht beginnt

Die Geburt und das erste Babyjahr, der Übergang vom Säugling zum Kleinkind, irgendwann fällt auch das “klein” noch weg. Erst belächelt man die “Das geht immer alles so schnell”s und die “Bist du aber groß geworden!”s der anderen noch, aber irgendwann erschrickt man mit ungeahnter Heftigkeit, wenn man bemerkt, dass es tatsächlich so ist. Die Zeit rast raketesque. Schon in den ersten Monaten und Jahren wird man als Eltern mit immer neuen Phasen und Meilensteinen konfrontiert, bis dann schließlich der größte, schwerwiegendste heranpoltert, der alles noch einmal so richtig auf den Kopf stellen wird: Mehr oder weniger pünktlich am 6. Geburtstag, also mit Beginn des 7. Lebensjahres, beginnt für Kinder in Deutschland die Schulpflicht.

Mein Kind wird ein ABC-Schütze

Für die meisten Eltern beginnt demnach spätestens im 6. Lebensjahr eine emotionale Achterbahnfahrt, aber auch das Informationsverlangen (und vor allem der Informationsbedarf) zum Thema Schulwahl steigen ins unermessliche. Schulpflichtig, was bedeutet denn das? Kann ich jetzt nur noch in den Ferien weg? Welche Schulformen gibt es überhaupt? Und welche Schule ist für uns und vor allem den Nachwuchs die richtige?

Die richtige Schule für mein Kind

Die erste Schule, die schulpflichtige Kinder in der Primarstufe besuchen werden, ist die Grundschule. In der Regel umfasst sie die ersten vier, in Berlin und Brandenburg sind es jedoch die ersten sechs Schuljahre. Und dann hat man auch schon die Qual der Wahl. Zunächst einmal sollte entschieden werden, ob das Kind eine öffentliche, also staatliche geförderte Grundschule besuchen soll oder ob der Besuch einer Privatschule, einer Schule mit einer freien Trägerschaft, in Frage kommt.

Kommunale Schulen (Schulen in öffentlicher/staatlicher Trägerschaft)

Öffentliche Schulen sind in sogenannte Schulbezirke (Schulsprengel) eingeteilt (Ausnahme: Nordrhein-Westfalen). Alle Kinder, die in einem Schulbezirk, also im Einzugsgebiet einer Schule wohnen, werden somit automatisch dieser Schule zugeordnet. Dennoch haben Eltern die Möglichkeit, beim zuständigen Schulamt einen Gastschulantrag zu stellen, wenn das Kind eine andere als die vorgesehene Schule besuchen soll. Damit der Antrag genehmigt wird, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein bzw. triftige Gründe (z.B. eine bestimmte Betreuungssituation oder Fahrtwege, wenn die Schule näher an der Arbeitsstelle der Eltern ist etc.) vorliegen.

Privatschulen (Schulen in freier Trägerschaft)

Im Gegensatz zu den kommunalen Schulen ist der Besuch einer privaten Schule kostenpflichtig und wird zudem von freien Trägern (z.B. Vereinen, Sozialwerken oder kirchlichen Organisationen) gefördert. Die Träger sind sowohl für das Konzept der Schule als auch für die Lehrerschaft verantwortlich, stehen aber unter staatlicher Aufsicht. Sie folgen dem deutschen Grundkonzept, bieten jedoch verschiedene pädagogische Ausrichtungen an und  gestalten den Unterricht deutlich individueller. Sie fördern nicht nur die Stärken, sondern auch die Selbstbestimmungsrechte der Kinder.

Es ist sinnvoll, bei der Schulwahl des eigenen Kindes, das jeweilige Schulkonzept zu beachten. Jede Schule arbeitet individuell und teils sehr unterschiedlich. Das schuleigene Konzept verdeutlicht die Schwerpunktsetzung und das pädagogische Konzept, nach dem alle Mitarbeiter der Schule arbeiten. Hier kann sich eine Schule beispielsweise am Prinzip Maria Montessori orientieren, was für eine sehr freie und vom Kind individuell planbare Art des Unterrichts beziehungsweise des Schullebens steht. Schulen stellen ihr eigenes Konzept häufig auf der Internetseite vor oder haben spezielle Flyer im Angebot. R.,

Grundschullehrerin

Die kommunale Schule:

Kommunale Grundschulen werden vom Staat geleitet und aus Steuermitteln finanziert. Sie sind überkonfessionell und in der Regel nach Jahrgängen aufgeteilt (in einigen Bundesländern werden die Kinder der ersten beiden Klassen zusammengefasst und bis zu drei Jahre gemeinsam unterrichtet). Der Lehrplan von staatlichen Schulen wird von den jeweiligen Landesministerien vorgegeben und muss eingehalten werden. Er ist meist nach Jahrgangsstufen und Fächern gegliedert. Die Leistungsbeurteilung und somit die Vergabe von Zensuren wird von den Bundesländern selbst entschieden. Der Besuch einer öffentlichen Grundschule ist kostenfrei und ermöglicht somit die Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht.
Das deutsche Schulsystem kann auf sehr gut ausgebildete Lehrkräfte zurückgreifen, die in der Regel in der Lage sind, jedes einzelne Kind mit seiner ganz individuellen und einzigartigen Art und Weise anzunehmen. Der viel diskutierte Aspekt der Inklusion verdeutlicht diese individuelle Sichtweise jedes Kindes im deutschen Schulsystem. In der Inklusion werden Kinder mit und ohne Behinderungen gleich unterrichtet. Auch wenn diese inklusive Art des Unterrichtens noch und in Kinderschuhen steckt und in einigen Abläufen Optimierungsbedarf besteht, erlebe ich die interdisziplinäre, engagierte Zusammenarbeit zwischen Grundschul- und Sonderschullehrern als sehr effektiv und bereichernd. Ein Problem deutscher Schulen besteht momentan im „Versorgungsschlüssel“, was frei übersetzt für die Versorgung der Schule von Lehrkräften steht. Klar ist jedem, der sich mit dieser Thematik befasst, dass ausgebildete Lehrkräfte auf dem Arbeitsmarkt im Moment Mangelware sind. Schulen sind demnach häufig in der Situation Studenten, pädagogische Mitarbeiter oder Hilfskräfte vorübergehend in die Unterrichtsversorgung integrieren zu müssen. Es werden staatlicherseits  einige optimierende Veränderungen vorgenommen, indem beispielsweise Quereinsteiger vermehrt ausgebildet werden oder über eine höhere Gehaltsstufe diskutiert wird. Es bleibt abzuwarten, ob sich durch die eingeleiteten Mittel der Lehrerbedarf minimieren lässt. R.,

Grundschullehrerin

Wer auf das pädagogische Konzept bzw. die Lehrinhalte der potenziellen Grundschule des Nachwuchses Einfluss nehmen möchte, hat neben der Anmeldung an einer öffentliche Schule noch die Möglichkeit, seinen Sprössling in eine freien Schule einschulen zu lassen. Die Angebote sind mittlerweile vielfältig.

Alternative, freie Schulformen:

Waldorfschule

Das Konzept der Waldorfschule beruht auf den Erkenntnissen ihres Gründers Rudolph Steiner. Der Lehrplan ist dabei nicht fest vorgeschrieben, sondern orientiert sich an der Entwicklung der Kinder: sie durchlaufen alle Schuljahre ohne ein Sitzenbleiben. Der Unterricht ist insbesondere in den ersten Schuljahren sehr bildhaft und erlebnisorientiert. Eine Besonderheit ist auch der Epochenunterricht (Konzentration auf ein Lehrfach über einen gewissen Zeitraum). Daneben werden mehrere Lehrfächer häufig durch Projekte miteinander verbunden. Das System kommt ohne Schulnoten, dafür aber mit möglichst detaillierten Charakterisierungen, die die Leistung, den Leistungsfortschritt, die Begabungslage und das Bemühen in den einzelnen Fächern aufzeigen. Die Waldorfschulen in Deutschland erhalten staatliche Zuschüsse, die monatlich anfallenden Elternbeiträge sind an den meisten Schulen nach Einkommen gestaffelt. Der Bund der freien Waldorfschulen bietet weiterführende und ausführlichere Informationen inklusive eines Schulfinders.

Montessori Schule

Das von Maria Montessori begründete Bildungskonzept beruht auf dem Bild des Kindes als „Baumeister seines Selbst“, der Grundgedanke dabei ist „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Der Unterricht findet deshalb nach einem offenen, experimentellen Prinzip statt. Der Lehrplan setzt dabei auf Selbstbestimmtheit, Freiarbeit und darauf, die natürliche Neugier und den Drang der Kinder nach Wissen zu fördern und zu stillen. Montessori Schulen kommen ebenfalls ohne Schulnoten aus und haben ein eigenes System der Einschätzung des Lernfortschrittes der Kinder entwickelt. Das monatliche Schulgeld orientiert sich an dem Einkommen der Familie. Mehr Informationen zur Montessori Pädagogik sowie einen Überblick über alle Häuser, die nach diesem Bildungsprinzip arbeiten, gibt es beim Montessori Dachverband Deutschland.

Freinet Schule

Freinet Schulen sind in Deutschland noch relativ selten. Der Unterricht an diesen Schulen basiert hauptsächlich auf der Individualität der Kinder verläuft nicht nach Lehrplan, sondern selbstbestimmt (individuell oder vom Klassenrat entschieden). Die Schulgemeinschaft ist ein wesentlicher Punkt des Konzeptes: In wöchentlichen Sitzungen des Klassenrates wird kontrolliert, ob die Unterrichtsthemen und der gesetzte Zeitplan eingehalten werden. So lernen die Kinder, sich selbst besser einzuschätzen und gleichzeitig die Grundzüge der Demokratie. Das monatliche Schulgeld richtet sich nach dem Betreuungsangebot der Schule und dem Elterneinkommen. Viele Freinet Schulen sind zudem als Ersatzschulen anerkannt und erhalten einen staatlichen Finanzausgleich. Mehr Informationen zur Freinet Pädagogik gibt es hier.

Demokratische Schule (Sudbury)

An der demokratischen Schule gibt es keinen für alle Schüler verbindlichen Lehrplan, selbst die Unterrichtszeiten sind flexibel und werden von den Schülern und Lehrern gleichberechtigt basisdemokratisch festgelegt. Ziel ist es, dass die Kinder selbstbestimmt und damit nachhaltig(er) lernen, Lerninhalte, Projekte und Kurse werden nach ihren Interessen festgelegt. Jeder Schüler kann sich an der Schule komplett frei bewegen, solange er dabei nicht die Freiheit eines anderen stört. Das monatliche Schulgeld richtet sich nach dem Einkommen der Eltern und liegt bei durchschnittlich 200 EUR/Monat. Einen Überblick über die demokratischen Schulen in Deutschland sowie einen (weltweiten) Schulfinder gibt es bei der Alternative Education Resource Organization.

Jenaplan-Schule

Das pädagogische Konzept der Jenaplan-Schule, „Spielend lernt es sich einfach am Besten“, beruht auf selbsttätigem Arbeiten in altersübergreifenden Lerngruppen sowie dem gemeinschaftlichen Zusammenarbeiten und -leben und der Mitverantwortung der Schüler und ihrer Eltern. Es basiert auf vier Säulen: Arbeit, Feier, Gespräch und Spiel. Die Schulen sollen bei diesem reformpädagogischen Schulkonzept zur Lebensstätte werden. Zensuren werden bis über die Grundschule hinaus durch Arbeits- und Leistungsberichte ersetzt. Jenaplan-Schulen befinden sich häufig in staatlicher Trägerschaft, somit entfällt das monatliche Schulgeld. Mehr Informationen dazu sowie eine Liste aller Jenaplan-Schulen in Deutschland gibt es auf jena-plan.de

Daltonplan Schule

Dass die Begründerin des Daltonplan Konzeptes eine Schülerin von Maria Montessori war, merkt man bei diesem Pädagogikkonzept deutlich, denn es fußt auch auf der Erkenntnis, dass man etwas am leichtesten lernt, wenn man es selber macht. Bislang gibt es kaum Schulen, die ausschließlich nach dem Daltonplan Prinzip lehren, viele Schulen haben jedoch Auszüge dieser Ausrichtung in ihre eigenen Konzepte integriert. Bei der Daltonplan Vereinigung gibt es mehr Informationen dazu sowie eine Übersicht der Schulen, die sich zumindest teilweise am Daltonplan Konzept orientieren. Das Schulgeld basiert auf dem Konzept der jeweiligen Schule.

Mehlhorn Schule (BIP Kreativitätsschule)

Das Mehlhorn Konzept als Schulform ist noch relativ jung: erst seit 1997 unterrichtet die erste Schule nach dieser Ausrichtung. Es basiert auf der Annahme, dass Kinder gefordert und gefördert werden wollen. BIP steht dabei für Begabung, Intelligenz und Persönlichkeit, die in diesem Pädagogikkonzept besonders gefördert werden sollen. So gibt es neben den herkömmlichen Fächern noch zehn weitere, die an Mehlhorn Schulen unterrichtet werden (darunter z.B. Tanz und Bewegung, Musik und Rhythmik, darstellendes Spiel, Digitale Medien und Schach/strategische Spiele). Außerdem sind die Kinder verpflichtet, bereits ab der ersten Klasse neben der Schule ein Musikinstrument spielen zu lernen. Neben den Zensuren erhalten die Kinder mindestens wöchentlich (teilw. sogar täglich) Entwicklungsberichte über ihre Kenntnisse und Fähigkeiten, die ihren Stolz und Leistungswillen ankurbeln sollen. Mehlhorn Schulen sind in der Regel Ganztagsschulen mit Kernzeiten von 8-16 Uhr mit einem Betreuungsangebot von 7-18Uhr. Das monatliche Schulgeld setzt sich zusammen aus Schulgeld, Kreativitätszuschlag und Hortgeld und sind von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. Sie fallen jedoch meistens deutlich höher aus als bei anderen freien Schulen, da jede Klasse zwei Pädagogen und zwei Klassenzimmer hat. Weiterführende Informationen gibt es hier.

Club of Rome Schule

Das Schulleben und der Unterricht an Club of Rome Schulen findet unter dem Motto „„Global denken, lokal handeln““ statt. In der sogenannten „Denkfabrik“ wird vornehmlich das ganzheitliche Welt- und Menschenbild gelehrt, um verantwortungsbewusstes, lösungsorientiertes und vor allem nachhaltiges Handeln zu fördern. In Deutschland haben sich bisher 16 Schulen als Club of Rome Schule zertifiziert. Dabei handelt es sich teils um staatliche, teils um staatlich anerkannte Freie Schulen. Der Besuch der Club of Rome Schulen ist in den meisten Fällen kostenfrei und wird ansonsten auf Basis des Einkommen der Eltern sowie der Anzahl der Geschwister berechnet.

Weitere freie Schulformen in Deutschland

Nichts passendes dabei? Dann könnt ihr immer noch selbst eine Schulform gründen oder beim Bund alternativer Schulen, der inzwischen ca. 100 Freien Alternativschulen und Gründungsinitiativen umfasst, nach der richtigen Einrichtung und dem passenden Pädagogikkonzept für euer Kind suchen.

Die Qual der (Schul)Wahl

Welche Schule ist denn nun aber die richtige für mein Kind? Grundsätzlich sollten bei der Wahl der Schule folgende Faktoren berücksichtigt werden:

  • Handelt es sich um eine Halbtags- oder Ganztagsschule und passen die von der Schule am Nachmittag angebotenen Betreuungsmöglichkeiten zur familiären Situation?
  • Ist die Schule für den ABC-Schützen gut erreichbar, kann der Schulweg auch gut allein absolviert werden?
  • Passt die pädagogische Ausrichtung zu den Prinzipien der Familie?
  • Wie ist die Schule ausgestattet (Räumlichkeiten, Materialien, Freigelände etc.)?
  • Biete die Schule zusätzliche Angebote wie zusätzliche Sprachen, Sport AGs, Musikgruppen, die für das Kind von Interesse sind?
  • Sind die ggf. monatlich anfallenden Schulgelder für die Familie tragbar?
  • An welche Schule gehen die Geschwister, Freunde aus der Kita oder die Kinder in der Nachbarschaft?

Nicht zuletzt darf bei der Wahl der richtigen Schule aber auch das Bauchgefühl eine Rolle spielen.

Mehr zum Thema Schulkind und unserer Schulwoche findet ihr hier: KLICK