2014 war ich zum ersten Mal schwanger. Es lief alles ziemlich normal: Im ersten Trimester fiel mir regelmäßig gegen sechs Uhr abends der Kopf auf die Tischplatte, ganz egal wo ich gerade saß. Die Müdigkeit hatte mich im Griff. Dazu kam die ständige Übelkeit. Ich fragte mich, wer den Begriff „Morgenübelkeit“ erfunden hatte – morgens war eigentlich die einzige Zeit des Tages, zu der mir nie schlecht wurde.

Mit Woche zwölf änderte sich all das schlagartig. Ich wurde zwar immer runder, fühlte mich aber fit und froh wie selten. Im letzten Trimester wurde ich langsam aber sicher zum gestrandeten Wal und hatte zu allem Überfluss auch noch Wassereinlagerungen in Beinen und Füßen. Außer FlipFlops passte nichts mehr über meine elefantösen Füße. Zum Glück war der Sommer lang und bis in den September hinein warm, denn am 28. September, einem Sonntag, sollte es eigentlich soweit sein.

In der Woche vorher untersuchte mich meine Gynäkologin. Sie murmelte irgendwas von „Muttermund bei vier Zentimetern“ und verabschiedete sich so, als würden wir uns nicht so schnell wiedersehen. Ich wunderte mich ein wenig: Ich hatte keine Wehen, noch nicht einmal ganz klitzekleine. Irgendwie war ich mir sicher, dass sich mein Baby noch ein wenig Zeit lassen würde – obwohl ich wirklich keine Lust mehr auf mein Leben als Elefantenkuh hatte. Dass ein bereits geöffneter Muttermund ungewöhnlich war, erfuhr ich erst nach der Geburt von meiner Hebamme. Außerdem: Ich müsste doch Wehen haben, oder? Wenigstens diese Senkwehen, von denen alle sprachen?

Der 28. September kam und ging. Von Wehen keine Spur. Am Montag stand ich wieder in der Praxis, die Ärztin guckte erstaunt. Sie untersuchte die Fruchtwasser-Menge, guckte nach der Plazenta, ein CTG wurde geschrieben. Dann schien sie kurz zu überlegen, ob sie noch einmal den Muttermund untersuchen sollte. Kurzerhand entschied sie „Naja, er ist sicher nicht wieder zu. Ob es jetzt vier oder sechs Zentimeter sind, ist auch egal.“ Hm. Ich ging also nach Hause. Keine Wehen. Am Mittwoch wiederholte sich das Spiel bei der Ärztin. Keine Wehen. Da der Feiertag am 3. Oktober auf den Freitag fiel war klar: Der nächste Kontroll-Termin würde im Krankenhaus stattfinden. Der Donnerstag verging. Keine Wehen. Ich traf mich auf einen Kaffee. Ein Freund brachte mir Quitten aus dem Garten seiner Eltern mit. Ich beschloss, sie noch am selben Abend zu verarbeiten, denn vielleicht würde ich dazu ja nicht mehr so schnell kommen.

In der Nacht um viertel nach zwölf zog es zum ersten Mal unangenehm in meinem Bauch. Eine Wehe? Irgendwie passte mir das nicht. Ich fühlte mich verschwitzt und klebrig vom Marmelade kochen und wollte gerade unter die Dusche und ins Bett. Fünf Minuten später zog es wieder. Das waren dann also vielleicht doch Wehen? Es fühlte sich aber gerade erst an wie starke Regelschmerzen. Unangenehm, aber so richtig ernst kam mir das noch nicht vor. Trotzdem sagte ich meinem Freund Bescheid, der aber betont entspannt auf dem Sofa liegen blieb. In meinem Kopf drehten sich all die Ratschläge aus der Geburtsvorbereitung: Das dauert ewig! Fahrt bloß nicht zu früh ins Krankenhaus, dort hören die Wehen oft wieder auf. Lieber zuhause abwarten. Ernst wird es erst, wenn die Wehen alle fünf Minuten kommen! Die Mutter weiß schon, wann sie ins Krankenhaus muss.

Ich wusste eigentlich gerade gar nichts. Die Wehen kamen alle fünf Minuten. Aber schlimm waren sie nicht. Mir fiel ein anderer Tipp aus dem Kurs ein: Wenn ihr euch nicht sicher seid, geht in die Badewanne oder unter die Dusche. Da gehen die Wehen entweder wieder weg oder sie werden richtig heftig. Duschen wollte ich ja eh gerade. In meinem Fall trat die zweite Vorhersage ein: Plötzlich waren die Wehen so stark, dass ich kaum wusste, wie ich wieder aus der Dusche kommen sollte. Irgendwie schaffte ich es, zum Sofa zu watscheln und meinem Freund zu sagen, dass wir JETZT SOFORT ins Krankenhaus müssten.

Naiv wie wir waren, hatten wir geplant, mit einem Car-Sharing-Auto zur Klinik zu fahren. Also lief er los, um das Auto zu holen und vor der Tür zu parken. Die 15 Minuten allein in der Wohnung waren die wahrscheinlich schlimmsten der ganzen Geburt: In den Wehenpausen zog ich mich an, packte noch ein paar Dinge in die Kliniktasche und spürte langsam Panik aufsteigen. Inzwischen waren die Wehen bei alle drei Minuten angekommen. Es war kurz nach eins, das Ganze hier ging gerade mal eine Stunde, aber ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt gerne sehr schnell Menschen um mich herum hätte, die sich mit sowas auskennen.

Die Fahrt zum Krankenhaus dauerte mitten in der Nacht nur wenige Minuten. Ich wand mich im Sitz und versuchte meinen Freund nicht zu beschimpfen, dass er gefälligst schneller fahren sollte. Natürlich tat ich es doch. Am Eingang der Notaufnahme sahen sie uns schon durch die Tür kommen, schoben mir sofort einen Rollstuhl unter den Hintern und schickten uns zum Fahrstuhl. Der Kreissaal lag im dritten Stock. Die Tasche mit dem Mutterpass lag leider noch im Auto vor der Tür.

Oben kamen uns zwei betont ruhige Hebammen entgegen: „Guten Tag, wir würden dann jetzt erst einmal ein CTG schreiben“, sagte die eine. Ich schrie die nächste Wehe durch den Gang. „Ich denke, wir gehen gleich in den Kreissaal“, sagte die andere. Im Kreissaal wieder betont beruhigendes medizinisches Personal. „Können Sie sich auf den Tisch setzen? Ich würde sie gerne kurz untersuchen und dann müssten sie bitte den Gurt fürs CTG umlegen.“ Ich schrie die nächste Wehe durch den Raum. In der nächsten Pause schaffte ich es auf den Tisch. Befund: Sieben Zentimeter. Nach der nächsten Wehe: Zehn Zentimeter. „Sie können dann jetzt pressen!“ sagte die Hebamme.

Moment mal, ich bin doch gerade erst auf diesen Tisch geklettert, dachte ich. Die kann doch jetzt nicht was von „Pressen“ sagen! Es war ungefähr zwei Uhr. Die nächste Wehe sorgte dafür, dass ich keine weiteren Fragen hatte.

Bildquelle: Free-Photos via Pixabay

Pressen war angesagt, daran hatte ich plötzlich nicht mehr den geringsten Zweifel. Vom CTG-Gurt sprach keiner mehr. Irgendjemand sagte was von „Sonde von unten an den Kopf des Babys, damit wir die Vitalzeichen überwachen können.“ Ich hörte nicht mehr viel. Ich war so mit Pressen beschäftigt, sie hätten mir in dem Moment alles erzählen können. Also drückte ich mit jeder Wehe, so sehr ich konnte. (Wohl auch die Hand meines Freundes. Sie sah jedenfalls nicht gut aus am nächsten Tag.) Tatsächlich merkte ich mit jeder Wehe, wie das Kind einige Zentimeter voran kam. Es tat weh, aber dafür hatte ich jetzt wirklich keine Zeit. Ich musste das jetzt hinter mich bringen.

Um 02:32, am 3. Oktober 2014 kam unser Feiertagsbaby auf die Welt. Die Hebamme legte mir ein etwas schmieriges Baby mit einer tiefen Falte über der plattgedrückten Nase auf die Brust. Es guckte mich aus riesigen blauen Augen an. Ich sagte: „Hallo! Du riechst seltsam.“ Irgendwie war der Moment nicht real. Gerade mal zwei Stunden und 15 Minuten nach der ersten Wehe lag da plötzlich ein Baby auf meiner Brust. Hatte alle Warnungen, Tipps und Erfahrungen Lügen gestraft und mal eben einen Spurt hingelegt. Ich war noch viel zu verwirrt, um das so richtig zu verstehen. Aber gleichzeitig absolut selig und vertieft in diese Augen, die mich die ganze Zeit sehr wach anguckten.

Zum Glück, denn jetzt begann der wirklich unangenehme Teil der Geburt: „Die Plazenta muss raus,“ sagte die Hebamme. Doch so schnell die Wehen gekommen waren, so schnell hatten sie sich auch wieder verabschiedet. Dass der Job noch nicht beendet war, schien meinen Körper nicht zu interessieren. Nun wurde mir doch noch der Zugang gelegt, für den bisher keine Zeit gewesen war. Sie spritzten mir ein Mittel, damit die Plazenta sich löst. Es passierte nichts. In der Zwischenzeit hatte mein Freund Tasche und Mutterpass aus dem Auto geholt. „Streptokokken positiv? Das ist ja jetzt ein bisschen blöd, da hätten wir Ihnen normalerweise ein Antibiotikum gegeben. Naja, war ja eh keine Zeit dafür.“ Eine halbe Stunde und die nächste Ladung des Medikaments später, kam die Hebamme zurück: Sie würde sich jetzt auf meinen Bauch schmeißen, die Plazenta müsse raus. Nicht erschrecken, das sei jetzt unangenehm. War es auch, sehr sogar. Aber die Plazenta fand endlich ihren Weg.

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Doch damit nicht genug: Erst jetzt konnte die Assistenzärztin sich mit Nadel und Faden den nicht ganz unerheblichen Geburtsverletzungen zuwenden. Sie nähte und tupfte, konnte aber nicht alle Blutungen stillen. Sie rief die Hebamme zu Hilfe, dann den Oberarzt. Irgendwann standen drei Menschen zwischen meinen Beinen und fragten sich, warum da immer noch Blut war. „Mir egal, macht irgendwas!“ hätte ich am liebsten geschrien. Mir war kalt, ich war verwirrt, ich wollte jetzt in ein Zimmer, mit meinem Baby kuscheln und schlafen. Inzwischen war es fünf Uhr morgens.

Der Oberarzt befand: Muttermund eingerissen, das ist Schleimhaut, da können wir nicht nähen. Muss von selbst aufhören zu bluten. Alle anderen Risse sind versorgt. Endlich ließen sie mich in Ruhe. Zum Abschied sagte er noch: „Wenn Sie ein zweites Kind bekommen, warten Sie nicht eine Stunde zuhause ab, sondern fahren bei der ersten Wehe ins Krankenhaus.“

Immer wenn ich die Geschichte meiner ersten Geburt anderen Müttern erzähle, höre ich: „Oh wie toll, ich hätte es auch gerne schneller hinter mir gehabt!“ Das verstehe ich sehr gut, aber meine Freude und Dankbarkeit hielt sich nach der ersten Geburt noch in Grenzen. Es hatte niemand etwas falsch gemacht, ich fühlte mich im Krankenhaus rundum gut betreut und versorgt, aber dennoch brauchte ich eine ganze Weile, bis ich so richtig begriff, was da in einem rasanten Tempo mit mir passiert war. Im Grunde hatte ich das Gefühl, in einer großen Atlantikwelle gefangen gewesen zu sein: So eine, die über deinem Kopf zusammenbricht, dir gleichzeitig die Füße wegzieht und dich mit Wucht auf den Sandboden schmeißt. Und wenn du gerade herausgefunden hast, wo oben und unten ist, zieht dich schon der nächste Brecher von den Füßen.

Erst die zweite Geburt ließ mich so richtig Frieden schließen – denn die würde ich im Nachhinein wirklich als Traumgeburt bezeichnen.

Liebe Helene, vielen Dank für dein Vertrauen, eure berührende Geschichte mit uns zu teilen. Wahnsinn, dass das so schnell gehen kann! Wir freuen uns jedenfalls schon auf den Tag, an dem Oskar – auch hier bei uns – ein kleines Geschwisterchen bekommt und du deine Traumgeburt mit uns teilen kannst. Wir wünschen euch alles Gute!

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