Equal Pay Day 2019 also. Wie Sabine bereits schrieb, wäre es ja am wünschenswertesten, wir bräuchten einen solchen Tag nicht mehr. Aber davon sind wir leider meilenweit entfernt. Es gibt so viele Themen, die wir hinsichtlich der Gleichberechtigung noch zu erkämpfen, zu besprechen und zu diskutieren haben. Ein Thema, das mich sehr viel beschäftigt sind Arbeitsmodelle. Ich plädiere und kämpfe für mehr Flexibilität, gegen die Vollzeit als Maxime und für die verschmähte Teilzeit.

Teilzeitfalle – das Wort allein…

Ein Thema, das mit dem Pay Gap eng verbunden ist, ist das Thema Teilzeit. Oftmals geht es hierbei um die Teilzeitfalle. Ich finde schon das Wort ganz schrecklich. Da ist sie wieder, unsere deutsche Gesellschaft, die nichts mehr honoriert, als die gute 40-Stunden Woche, oder natürlich am besten noch mehr. Vollzeit ist das „richtige“ Arbeiten, Teilzeit ist der Ausweg, den hierzulande zumeist Frauen nehmen, die sich um die Kinder kümmern.

Nun wurde ein Gesetz beschlossen, dass es leichter machen soll, der Teilzeitfalle zu entkommen. Das Gesetz zur Brückenteilzeit, das eine Rückkehr aus Teilzeit in Vollzeit erleichtert. Natürlich ist das zu befürworten, denn es braucht jegliche Flexibilität, die wir herstellen können. Aber seien wir doch mal ehrlich: Es unterstreicht ja wieder den gesellschaftlichen Grundgedanken, dass das wahre Arbeiten die Vollzeit ist.

Nicht nur Eltern wünschen sich Flexibilität

Umfragen zeigen deutlich, dass sehr viele der Vollzeitarbeitenden sich eigentlich kürzere oder flexiblere Arbeitszeiten wünschen. Grund dafür sind nicht nur Kinder oder Familie, Gründe sind auch die Pflege von Angehörigen, der Wunsch nach mehr Freizeit, Weiterbildungen oder ähnliches. Aber au weh, dieser Weg zur Teilzeit bedeutet ja definitiv: weniger Geld, weniger Prestige, keine Karrieremöglichkeiten, wenn er denn überhaupt möglich ist.

Die folgende Tabelle aus einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt nur einige der Nachteile, die sich aus Teilzeitarbeit ergeben.

Flexibles Arbeiten als Ziel

Wie schaffen wir es denn endlich, diese Teilzeit aus der verschmähten Ecke zu holen? Nennen wir es evtl. besser mal flexibles Arbeiten? Es geht doch darum: Neuen Generationen ist die Work-Life-Balance wichtiger, wir wollen Familien und Arbeit unter einen Hut bekommen, wir möchten Karriere machen, einen Job haben, der uns erfüllt. Aber die starre Arbeitswelt passt so gar nicht dazu. Obgleich stets neue Studienergebnisse zeigen, dass z.B. Vier-Tage-Wochen Mitarbeiter zufriedener macht und sogar die Produktivität steigert.

Ich befinde mich in dieser Situation: Ich bin auf der Suche nach einer neuen Stelle. Ich arbeite sehr gerne, habe viel Erfahrung und eine gute Ausbildung. Wenn ich mich nun aber auf sämtlichen Job Portalen umsehe und auch nur wage das Stichwort „Teilzeit“ einzugeben, dann schrumpft das mir gebotene – bis dahin sehr vielversprechende – Angebot an Stellen auf einige wenige. Und diese sind dann zumeist „Werkstudenten“, „Praktikanten“ oder manchmal noch in der Buchhaltung. Ernsthaft?

Ich bin doch nicht die einzige sehr gut ausgebildete Person, die richtig gerne gute Arbeit machen würde, aber eben in flexibler Einteilung. Ich werde schon richtig wütend, wenn in Stellen nochmal ganz explizit dabei steht: Vollzeit! Dass sich nur bloß keine Personen melden, die eventuell etwas anderes verlangen. Und wenn man Teilzeit anfragt, dann naja, eventuell mit 35 Stunden. Ja klar. Danke. Und diese natürlich fix im Büro. Denn seien wir mal ehrlich: Ich schaffe schon auch 35 Stunden, solange man mir die Möglichkeit der Flexibilität lässt. Dass ich eben auch abends nochmal was erledigen kann, das ich am Nachmittag nicht geschafft habe. Wobei hier auch ein Problem hinzukommt, dass ich von sehr vielen kenne und das oftmals dazu führt, dass diejenigen doch in Vollzeit arbeiten. Man hört meist den Satz „Ich arbeite lieber gleich Vollzeit. Wenn ich in Teilzeit arbeite, dann mache ich eh den vollen Job nur bekomme ich weniger Geld“. Also quetscht man sich in die Vollzeit und versucht alles unter einen Hut zu bekommen mit unterschiedlichsten Betreuungshilfen.

Gesellschaftlicher Wandel braucht uns alle

Aber ich drifte zu sehr in Details. Was ich mir wirklich wünschen würde wäre, dass wir endlich einen gesellschaftlichen Wandel anstoßen. Dass wir weg kommen von unserem dichotomen System der Voll- und Teilzeit. Dass Arbeit flexibel gestaltet werden kann, verringerte Stunden der Karriere keinen Abbruch tun. Dass das Oberziel nicht sein muss in die Vollzeit zu gehen, sondern dass man sich eben auch in flexibler Arbeit verwirklichen kann, Ansehen erlangt, Geld verdient und Führungsmöglichkeiten bekommt.

Und es geht! Mein letzter Job war in einer Führungsposition. Und in Teilzeit. Und es hat wunderbar geklappt, weil mein Chef toll war, weil er wusste, dass er mir vertrauen kann, ich meine Aufgaben erledige, dass ich gute Arbeit leiste und wir so funktionieren. Er selbst ist CEO, Papa und ist eben, wenn seine Kinder eine Schulaufführung haben auch dort. So läuft doch unser Leben. Es kann eben nicht immer alles warten bis um 19 Uhr oder später. Aber dadurch, dass wir uns in dieses Korsett drängen und versuchen alles zu schaffen, alles unter einen Hut zu bekommen, entsteht ein so enormer Stress. Und der ist mit Sicherheit nicht gesund. Und das kann doch nicht unser Ziel sein!

Der Satz der Journalistin Amy Westervelt, der die schwierige Situation am besten beschreibt, lautet leider doch: Arbeite so, als hättest du keine Kinder, und sei für deine Kinder so da, als hättest du keine Arbeit. Das müssen wir ändern!

Also liebe Unternehmerinnen, Chefinnen und Führungskräfte: Ihr seid der Wandel. Ihr müsst es sein. Wir alle sollten fordern: Ansehen flexibler Arbeit. Weg von Stechuhren und der Bevorteilung der Vollzeit. Ja, Unternehmen wollen Planungssicherheit etc. aber darum geht es hier nicht. Ich bin überzeugt, operativ lässt sich das alles regeln. Zunächst geht es doch darum, dass wir anfangen anders zu denken!

 

Holt die Teilzeit endlich aus dem Abseits!

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Zum Abschluss etwas Gutes

Endlich gibt es eine Jobplatform, die nur Teilzeit Jobs anbietet. Sie nennt sich HappierJobs! Jawohl, ich bin ja quasi vor Freude im Kreis gesprungen, als ich das sah. Hoffen wir, dass sich immer mehr Firmen auch daran orientieren. Und machen wir mit: #TeilzeitRevolution

Fotos: Julie privat; Gifs: via Giphy

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