Eltern haben kein Interesse – Liebe Frau Prien, reden wir mal Klartext

Es gibt Sätze, da dauert es bei mir nur wenige Sekunden, bis ich explodiere. Bundesbildungsministerin Karin Prien hat mir einen davon geliefert, als sie nach dem neuen „PISA-Schock“ erklärte, sie sei überrascht über die „doch sehr niedrige Bildungsaspiration in Deutschland, also, dass Eltern Bildung einfach nicht so wichtig finden, wie in anderen OECD- und EU-Staaten“ und weiter, das führe dazu, dass Eltern „es nicht so wichtig finden, ob ihr Kind in der Schule erfolgreich ist oder nicht“.

Ich habe mir den O-Ton mehrmals angehört und überlegt: verstehe ich was falsch? Was genau meint sie? Geht’s noch? Während die Ministerin mir als Elternteil (und ja, bei „Eltern“ fühle ich mich also grundsätzlich mitgemeint) Desinteresse unterstellt, sieht mein Alltag und der von Millionen anderer Eltern mit Sicherheit etwas anders aus: Wecker um sechs, Kita-und/oder-Schul-Bring-Stress, Teilzeit- oder Ganztagsjob, Abholen von Kita oder Hort, Hausaufgabenbetreuung im Anschluss (wenn man es leisten kann) oder alternativ der Trost und Motivationsversuch, warum das Kind am nächsten Tag wieder zur Schule soll, Abendessen is ja auch noch, Zeit für spielen eher nicht, mit Glück: Vorlesen (bei einem Drittel findet das nicht statt, darüber hatte ich hier schon mal kurz was geschrieben) und nun ja, da fehlt noch die Wäsche, die E-Mails, die „Me-Time“ (Mütter haben aber keine Hobbys zu haben).

Was PISA zeigt und was Prien daraus macht

Fangen wir mit den Fakten an, bevor wir zur Wut kommen. Die PISA-Studie 2025 zeigt tatsächlich dramatische Ergebnisse: Rund ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland erreicht beim Lesen und in Mathematik nicht die grundlegenden Kompetenzniveaus, ein Viertel schafft es in den Naturwissenschaften nicht. Und es geht dabei nicht um freakige Kisten, sondern auch um Alltagsaufgaben (lohnt sich ein Tagesticket oder sind drei Tickets günstiger). Das ist ernst, das ist ein Alarmsignal, keine Frage. Also seit 20 Jahren, aber hey, JETZT haben wirs geschnallt (WTF).

Aber die Studie sagt noch etwas anderes, viel Wichtigeres: Der Bildungserfolg in Deutschland hängt IMMER NOCH so stark von der sozialen Herkunft ab wie in kaum einem anderen Industriestaat! Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Bildungserfolg ist hierzulande etwa dreimal so stark wie in Kanada und doppelt so stark wie in Dänemark oder Norwegen! Nur zwei von hundert sozial benachteiligten Schülern gehören zur Leistungsspitze. Bei privilegierten Kindern sind es immerhin 25 von hundert.

Das ist die eigentliche Schlagzeile: ein System, das strukturell ungleich und beschissen ist. Und was macht die zuständige Ministerin daraus? Sie dreht den Spieß um und macht mich als Elternhaus dafür verantwortlich. Konkret mein angebliches Desinteresse. Kritiker attestieren ihr genau das: Statt mit dem Finger auf strukturelle Probleme zu zeigen, zeigt sie auf die Eltern. Das ist nicht nur unsäglich, das ist auch billig und sehr bequem, Verantwortung dorthin zu schieben, wo niemand zurückschreien kann. Wir Eltern tun es ja eh kaum. WANN DENN!

Andere können es doch auch

Während Deutschland bei PISA 2025 historische Tiefstwerte einfährt , zeigen andere Länder, dass es auch anders geht – und zwar deutlich anders. Estland etwa, eines der ärmsten EU-Länder, landet bei PISA 2025 mit 511 Punkten unter den globalen Top 5 und ist damit europäischer Spitzenreiter. Das Bemerkenswerte: Estland gibt für Bildung sogar unterdurchschnittlich viel Geld aus – rund ein Drittel weniger als der OECD-Schnitt. Der Erfolg liegt also nicht am Budget, sondern am System: Estnische Kinder lernen bis zur neunten Klasse gemeinsam in einer Einheitsschule, ohne frühe Aufteilung nach Leistungsniveau, ergänzt durch verpflichtende Förderzentren für schwächere Schüler. Das Ergebnis: Nur rund 5 Prozent gelten dort als leistungsschwach, deutlich weniger als anderswo in Europa. Auch Singapur, Japan und Südkorea zeigen bei PISA 2025 erneut, wie stark konsequente frühkindliche Förderung, gut ausgebildete Lehrkräfte und ein hoher gesellschaftlicher Stellenwert von Bildung wirken. Deutschland dagegen selektiert Kinder oft schon nach der vierten Klasse in unterschiedliche Schulformen – ausgerechnet in einem Alter, in dem sich soziale Herkunft besonders stark auf die Entwicklung auswirkt. Wer wirklich etwas ändern will, sollte nicht Eltern beschuldigen, sondern beim System ansetzen: längeres gemeinsames Lernen, echte Frühförderung ab der Kita statt bloßer Betreuung, und Investitionen dort, wo sie wirken – bei multiprofessionellen Teams, Förderzentren und guter Lehrerausbildung, nicht bei Symbolpolitik. Estland beweist: Das ist keine Frage des Geldes, sondern des politischen Willens.

Ihr sollt mehr arbeiten – aber bitte trotzdem präsente Eltern sein

Der Treppenwitz an der ganzen Debatte: Dieselbe politische Logik, die uns Desinteresse vorwirft, verlangt gleichzeitig, dass wir schon mehr arbeiten sollen. Vollzeit, bitte, am besten alle. Eine Prognos-Studie vom letzten Jahr wird gerne als Beleg herangezogen: Wenn beide Elternteile Vollzeit arbeiten, spielt Armutsrisiko für Kinder praktisch keine Rolle mehr, während es bei nicht erwerbstätigen Eltern bei 68 Prozent liegt. Klingt erstmal logisch. Nur: Diese Rechnung geht halt auch nicht auf, ohne dass irgendwo Zeit verloren geht. Die Zeit, die es angeblich braucht, damit Eltern sich für den Bildungserfolg ihrer Kinder „interessieren“.

Man kann nicht in einem Atemzug fordern, dass Eltern ihre Erwerbstätigkeit ausweiten, und im nächsten beklagen, dass zu Hause zu wenig über Schule gesprochen wird. Genau das aber zeigt PISA selbst: 53 Prozent der Jugendlichen berichten, dass Eltern oder Familienangehörige mindestens einmal wöchentlich mit ihnen über die schulische Entwicklung sprechen. Ist das der Ausdruck von Desinteresse oder schlicht die Konsequenz eines Systems, das von Eltern erwartet, gleichzeitig Vollzeit zu arbeiten, den Haushalt zu schmeißen und noch pädagogische Präsenz zu zeigen? Zeit ist kein unendlich dehnbares Gummiband, Frau Ministerin.

Und dann kürzen wir auch noch

Als wäre die Gemengelage aus Zeitmangel, Diskriminierung und Dauerstress nicht genug, plant genau jene Ministerin, die uns Desinteresse vorwirft, gleichzeitig einen ganzen Strauß an Kürzungen bei Familienleistungen. Das Elterngeld soll von 14 auf 12 Monate schrumpfen, der Etat sinkt von 7,51 auf 7,07 Milliarden Euro. Der Unterhaltsvorschuss, der gerade für Alleinerziehende überlebenswichtig ist, soll künftig schon mit 16 statt bisher 18 Jahren enden – anstatt endlich mal die, die nicht zahlen ranzuziehen. Die Mittel dafür brechen von 1,31 Milliarden auf 914 Millionen Euro ein. Und der Kindersofortzuschlag von 25 Euro monatlich für arme Familien wird komplett gestrichen. 1,5 Millionen Kinder in 600.000 Haushalten sind davon betroffen. Man wirft aber uns vor, uns nicht genug zu kümmern, und zieht uns im nächsten Schritt genau das Geld und die Zeit ab, die dafür nötig wären und nennt es „Familienpolitik“.

Alleinerziehend und „bloß nicht einstellen“

Für Alleinerziehende wird dieser Widerspruch besonders zynisch. Sie sollen (und ja auch wollen) mehr arbeiten, gleichzeitig ist es für aber ungleich schwerer, überhaupt einen Job zu bekommen. Eine Studie zur Diskriminierung von Alleinerziehenden im Berufsleben kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Alleinerziehende erfahren zahlreiche individuelle und strukturelle Benachteiligungen bei der Jobsuche, weil ihre Familiensituation von Arbeitgebenden als unvereinbar mit dem Job wahrgenommen wird. Viele verspüren den Druck, ihren Status als alleinerziehend zu verstecken, und werden bei Bekanntgabe mit Vorurteilen und Absagen konfrontiert.

Ich habe jahrelang meine eigenen Kinder nicht im Lebenslauf erwähnt und habe sogar trotz Wechselmodell (Kind eine Woche hier, eine Woche da) dumm Sprüche kassiert, weil gesehene Anwesenheit oft immer noch das Wichtigste ist, Leistung aber halt nicht.

Die Zahlen untermauern das Gefühl, das jede alleinerziehende Person kennt: Rund 1,62 Millionen Alleinerziehende lebten 2025 in Deutschland, ihre Erwerbstätigenquote lag bei 71,8 Prozent – also durchaus hoch. Trotzdem waren 28,9 Prozent der Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten armutsgefährdet, mehr als doppelt so hoch wie bei Paarfamilien mit Kindern (12,0 Prozent). Und das, obwohl alleinerziehende Mütter überdurchschnittlich oft in Vollzeit (HALLO!!!) arbeiten. Man arbeitet also, man kämpft, man ist präsent und wird trotzdem bestraft: erst bei der Bewerbung, dann beim Einkommen. Wo bitte ist da Desinteresse am Erfolg der eigenen Kinder? Es ist fucking strukturelle Erschöpfung, keine Gleichgültigkeit.

Und wenn beide Eltern rackern, bricht die Familie manchmal leise auseinander

Aber es trifft ja nicht nur Alleinerziehende. Auch in Paarfamilien, die alles „richtig“ machen – beide Vollzeit oder vollzeitnah, Kinderbetreuung durchorganisiert, Kalender bis zur letzten Minute getaktet. Da zeigt sich ein Muster, über das gar nicht so oft gesprochen wird: Wenn beide Elternteile mehr arbeiten, um eben jene Bildungsaspiration zu zeigen, die man uns abspricht, bleibt für die Familie selbst oft nur noch Verwaltung übrig. Man sieht sich morgens beim Zähneputzen und abends beim Zudecken der Kinder. Austausch als Paar? Fällt aus Zeitmangel hintenüber, weil man meistens einfach beim Kind ins Bett bringen mit einschläft. Gemeinsame Erholung? Utopie!

Das Ergebnis ist bekannt, auch wenn es selten in politischen Reden vorkommt: mehr Stress, mehr Reibung, mehr Streit. Nicht weil die Liebe fehlt, sondern weil das System keine Pufferzone lässt. Vereinbarkeit wird als Belastungsprobe für Einzelpersonen verkauft, dabei ist sie eine ungelöste strukturelle Gleichung: mehr Erwerbsarbeit plus gleichbleibende Care-Arbeit plus null zusätzliche Zeitressourcen ergibt am Ende Familien, die funktionieren müssen, aber irgendwann nicht mehr können. Das ist, mit Verlaub, alles andere als ausgegoren. Das ist eine Rechnung, die von der Politik nie zu Ende gerechnet wurde, bevor sie an uns weitergereicht wurde.

Was wirklich fehlt, ist keine Elternliebe

Was uns fehlt, ist nicht der Wille. Es fehlen bezahlbare, verlässliche Ganztagsbetreuung, es fehlen Lehrer, es fehlen gute Schulen, es fehlt Zeitsouveränität für Eltern, es fehlt eine Arbeitswelt, die Alleinerziehende nicht vorab aussortiert, und es fehlt vor allem eines: eine Bildungspolitik, die endlich anerkennt, dass soziale Herkunft der größte Hebel ist und nicht die vermeintliche Gleichgültigkeit der Eltern (wenn ich das nochmal höre!!!). Wer als Ministerin Verantwortung trägt, sollte diesen Hebel angehen, statt ihn den Erschöpften vor die Füße zu werfen.

Liebe Frau Prien: Wir haben Interesse. Wir haben so viel Interesse, dass einige von uns auch (fast) daran zerbrechen. Was fehlt, ist Zeit, Struktur und ein vernünftiges System, das uns nicht gleichzeitig zu mehr Arbeit und mehr Präsenz zwingt, ohne uns zu sagen, wo diese zusätzlichen Stunden herkommen sollen.

Dani schreibt seit 2007 ihr Familienreiseblogbutterflyfish und lebt mit ihrer Familie als ehemalige Fränkin in Berlin. Sie arbeitet zudem als freie Redakteurin, Grafikerin und Fotografin und war mal Informatikerin – weil eine Sache ist ja viel zu langweilig. Am liebsten fährt sie mit dem Auto und ihrer Familie durch und über die Berge oder wandert rauf und schläft auf ner Hütte. Mit im Gepäck: jede Menge Reise- und Technikideen - und immer und immer: Kinderkram! Inzwischen auch nen eigenen Kindermodeladen in Köpenick, den halben meter

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