Keine Zeit, keine Zeit

Eigentlich geht es ja schon los bevor der Tag überhaupt richtig begonnen hat. In unseren Köpfen rattert es, noch bevor wir die Augen aufschlagen: Aufgaben, die erledigt werden müssen türmen sich mit Terminen, die es einzuhalten gilt, zu immensen Wolkenkratzern. Das Thema Mental Load ist längst kein exotischer Begriff mehr, sondern bittere Tagesordnung. Und zu der mentalen Belastung kommt häufig noch die körperliche: Aus dem Hamsterrad ist ein Mamsterrad geworden und wir rennen von früh bis spät, als gäbe es Kilometergeld. Oft tragen wir dabei eine schwere Tasche vom Einkaufen, die Schulrucksäcke der Kinder, Laufräder, ein Rutschauto und/oder ein Kind auf der Hüfte. Von der Verantwortung für all das ganz zu schweigen.

Dabei spielt es noch nicht mal eine Rolle, ob wir unsere Kinder zuhause betreuen oder wieder unserem Beruf nachgehen, unsere Kalender sind voll, die Köpfe noch voller und nicht selten bleiben Wäsche, Haushalt oder Termine auf der Strecke und fallen schlichtweg hinten über. Tanz der Termine und Prioritätengerangel.

Abends sind unsere Akkus dann im dunkelroten Bereich und die Nacht, die wir Dank Familienbett und dem ewig währenden “Bettchen wechsel dich” nicht unbedingt ungestört und erholsam verbringen, reicht schon längst nicht mehr aus, um genügend Kräfte für den nächsten Tag zu sammeln. Kleine Pause? Fehlanzeige.

Soviel Zeit muss sein

Dabei ist es umso wichtiger, das wir uns genügend Pausen einräumen, und das nicht nur einmal, sondern – wait for it – sogar regelmäßig. Zum einen, um gar nicht erst zu sehr in das Erholungsdefizit zu rutschen. Zum anderen, und das ist mindestens genauso wichtig: Wir wollen unsere Kinder begleiten und ihnen Werte vermitteln, die aus ihnen selbstbewusste und verantwortungsvolle Menschen machen. Nicht nur ihrer Umwelt gegenüber, sondern auch sich selbst. Wie wollen wir das plausibel erklären, wenn wir selbst nicht danach leben?

Der-Inseln-schaffen-5-Punkte-Plan

 

1. Pausen bewusst einplanen

Eine Pause passiert nicht einfach, sie muss geplant werden, sonst wird das nie was. Immer ist da noch etwas, das wir “schnell noch eben” zu Ende bringen/erledigen/anschieben möchten, bis wir uns endlich mal eine Pause erlauben. Der Haken: Wir sind nie wirklich fertig mit allem und kaum ist eine Aufgabe vollbracht, klopft, mal leiser und mal lauter, schon die nächste an. Fazit: Wir müssen unseren Pausen einen Rahmen schenken und diesen dann auch einhalten. Mein Tipp: Schreibt euch einen “Stundenplan”, der all eure Aktivitäten (z.B. auch Fahrtwege), Tätigkeiten (Beruf, Haushalt, Einkauf, Hobbies der Kinder) und Termine (Vorsorgeuntersuchungen, Impftermine, Playdates etc.) beinhaltet und tragt euch dort dann auch ausreichend Pausen zum Essen (!) und Ausruhen ein. Plant nicht zu viel für einen Tag, sondern nur maximal 50% der verfügbaren Zeit und lasst euch einen ordentlichen Puffer. Und am allerwichtigsten: Verschiebt sie nicht, sondern haltet sie ein! Auch, wenn euch eine Pause schier unmöglich erscheint, zieht das durch und lasst lieber etwas anderes dafür weg – die Küche putzt sich schließlich morgen noch genauso gut. Stellt euch einen Wecker, der euch daran erinnert, euch auszuruhen und einen, wenn es an der Zeit ist, um weiterzumachen. Am Anfang wird es euch wahrscheinlich nicht leicht fallen, aber wenn man dann plötzlich frisch gestärkt wieder loslegen kann und neue Energie hat, fällt die nächste Pause vielleicht gar nicht mehr so schwer.

2. Richtig abschalten

Nutzt eure Pause nicht dafür, euch zu überlegen, was ihr als nächstes angehen wollt oder müsst. Nutzt sie ausschließlich für euch, sie soll allein eurer Erholung dienen! Ganz egal, ob ihr dabei einfach auf einer Parkbank oder eurer Couch sitzen wollt, am Küchentisch oder ob ihr lieber einen Spaziergang macht, ob ihr eine kleine Runde laufen geht, ein Powernap einlegt, meditiert, ein Buch lest oder eure Lieblingsserie bingt – tut, was immer euch am besten entspannt. Und zwar ganz ohne schlechtes Gewissen. Denn wer schafft, richtig abzuschalten, der kann auch besser bei der Sache sein, wenn es wieder weitergeht.

Für Fortgeschrittene: versucht mal, auch reell richtig “abzuschalten” – Handy in den Flugmodus und es im anderen Zimmer liegen lassen, den Fernseher gar nicht erst anmachen und auch sonst alle Quellen, die euch vom Abschalten abhalten oder ablenken, entfernen. Probiert mal, einfach nur (mit euch allein) zu sein, die Stille auszuhalten und ganz bewusst wirklich mal überhaupt nichts zu machen. Gelingt euch das?

3. Probieren geht über studieren

Ihr seid nicht sicher, was euch wirklich entspannt? Das ist überhaupt nicht schlimm und kann ja auch von Tag zu Tag, sogar von Pause zu Pause variieren. Wir haben vor lauter ToDos einfach vergessen, was uns gut tut, können manchmal gar nicht richtig umgehen mit Zeit, die wir plötzlich und außerplanmäßig zur Verfügung haben. Verlasst euch einfach auf euer Bauchgefühl! Es muss ja auch nicht immer nur Yoga sein – was in der einen Woche hilft, ist in der nächsten schon zuviel oder zu langweilig. Horcht in euch rein und lernt wieder auf eure innere Stimme zu vertrauen. Und scheut euch nicht davor, immer wieder Neues auszuprobieren. Wer weiß, vielleicht wird es ja gut?

4. Kleine Ruhe-Inseln entdecken, Raum schaffen

Oh doch, es gibt sie, diese kleinen versteckten Inseln, wunderschön gelegen, traumhaft ruhig. Und das Beste: Wir müssen dafür gar nicht erst in die Ferne schweifen, sondern einfach nur hinsehen. Wir müssen sie nur (wieder) entdecken, unsere Inseln, und müssen sie wieder für uns nutzen lernen. Entspannung auf Knopfdruck, sozusagen. Der Phantasie und Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Du möchtest in Ruhe duschen? Steh doch morgens einfach 10 Minuten eher auf. Das tut zwar erstmal ganz schön weh, weil hey, wir reden hier ja über wertvolle 10 Minuten, aber frisch geduscht in den Tag zu starten ist so viel wert und du wirst dich bombastisch fühlen, wenn du gleich schon morgens etwas nur für dich getan hast. Versprochen! Oder du verabredest einen Deal mit deinem Partner oder beispielsweise einer anderen Kita-Mama: wechselt euch einfach ab mit den Kids. Frei nach dem Motto “eine Hand wäscht die andere” nimmt eine mal die Kids der anderen mit, so verschafft ihr euch gegenseitig ein paar freie Stündchen am Nachmittag. Oder du trinkst nachmittags noch einen Kaffee auf dem Weg zur Kita, statt schnell noch durch den Supermarkt zu rasen – das kannst du ja auch später mit den Kindern zusammen erledigen. Aber eine Kaffeepause? Wie verlockend! Schon der Weg zum Café, das Öffnen der Tür, das Bestellen wird zu etwas Besonderem, wenn du dir klar machst, dass du dir das hier gerade ganz offiziell gönnst! Nicht husch husch, nebenbei, sondern ganz bewusst zehn Minuten einplanen, in denen es nur um dich und deine kleine Insel geht. Es muss auch gar nicht immer ewig gehen, kleine und vor allem bewusste (!) Fluchten schaffen Raum für ein kurzes Verschnaufen und Kraft tanken. Und in so kurzer Zeit hat dein schlechtes Gewissen ja gar keine Chance, so richtig warm zu laufen. (Also direkt weg damit!)

5. Größere Auszeiten ermöglichen

Geht nicht? Und ob das geht. Klar ist das nicht immer ein Selbstläufer und manchmal stecken da auch wirklich eine Menge Organisationsaufwand und ein paar kleine bis mittelgroße Opfer dahinter, aber – versprochen – das wird es mehr als wert sein. Spann deinen Partner ein, er soll mit den Kids für eine Nacht seine Eltern besuchen. Wechselt euch ab, so dass jeder von euch mal in den Genuss von ganz exklusiver Me-Time kommt. Abends allein (und in Ruhe!) auf der Couch liegen und ein Buch lesen, morgens allein (und in Ruhe!) aufstehen, wenn man so lange geschlafen hat, dass der Rücken schon ganz weh tut, ausgiebig (und in Ruhe!) frühstücken, mit dem Haarbürstenmikro in der Hand laut singend durch’s Wohnzimmer tanzen, ein bisschen Sport machen, einfach nur sein und dabei mal zwei Hände frei haben. Und das sogar gleichzeitig! Und wenn jeder von euch mal in diesen Genuss gekommen ist, setzt ihr dem Ganzen noch eine Kirsche auf’s Sahnehäubchen und lasst es mal richtig krachen. Bittet eure Eltern, Nachbarn oder Schwiegereltern, Patentanten, Freunde oder Kinderfreundeeltern, die Kids bei sich übernachten zu lassen und geht endlich mal wieder so richtig steil. Gönnt euch! Ganz egal, ob das für euch einen Ausflug in die Sauna, ein Abend im Kino und vorher was essen, dancen in eurem Lieblingsclub von früher, ein Besuch im Museum oder ne wilde Kissenschlacht zuhause bedeutet, ob ihr daheim bleibt oder euch in einem Hotel einquartiert (ja klar, auch in der eigenen Stadt, #becausewhynot), schenkt euch selbst eine außergewöhnliche Auszeit, die euch beim bloßen Gedanken daran noch lange ein Lächeln ins Gesicht zaubert und eure Akkus so richtig aufladen wird.

Also denkt dran, wenn mal wieder alles über euch zusammenbricht und ihr nicht den kleinsten Schimmer Sonne seht: Räumt euch regelmäßig genügend Pausen und Auszeiten ein, nur so könnt ihr wieder voll durchstarten. Oder ausschenken?

‘Cause you can’t
pour from
an empty cup.

Das werd ich mir jetzt an den Spiegel schreiben.
Und danach gehe ich eine Runde laufen. 

 

Passend zum Thema:

Judith schreibt warum es so wichtig ist, als Mummy gut auf sich selbst Acht zu geben. [Den ganzen Artikel lesen.]

Hier schreibt Sabine über das aktuelle Thema Mental Load.
[Den ganzen Artikel lesen.]