MUMMY MAG Klimawandel

Leben in Zeiten des Klimawandels

MUMMY MAG Klimawandel

In unserer Familie gibt es ein Spiel. Es heißt „Was wäre, wenn die Zombie-Apokalypse morgen beginnt?“ (Version meines Sohnes) oder auch „Was wäre, wenn die Weltwirtschaft morgen zusammenbricht?“ (meine Version). Im Wesentliche geht es darum, sich vorzustellen, wie man in einer apokalyptischen Welt überlebt. Eine neue Variante ist, sich das Leben in Zeiten des Klimawandels vorzustellen.

Mein 15-jähriger Sohn beschäftigt sich gern mit Bushcraft und Survival, und ich interessiere mich für Selbstversorger-Gärtnern. Wir sprechen darüber, wie wir genug Kartoffeln anbauen und Hühner halten, Angeln gehen und Kaninchen fangen könnten. Seit einiger Zeit rückt der drohende Klimawandel immer mehr ins Bewusstsein, und unser Spiel hat sich verändert. Es ist nun nicht mehr romantisch und abenteuerlich, sondern zunehmend realistisch und beängstigend. Was wäre, wenn sich die Erderwärmung wirklich nicht mehr aufhalten ließe? Wie sähe die Welt mit einem solchen Klimawandel aus?

Ein Blick in die Zukunft

Im Jahr 2029 werden meine Kinder 25 und 22 Jahre alt sein, ich selbst gerade Ende 40. Schauen wir einmal in diese Zukunft, die hier sicherlich nicht vollständig beschrieben werden kann und die hoffentlich so nicht eintreten wird. Übrigens: Dieser Artikel kann sehr gut zusammen mit den eigenen Kindern und Jugendlichen gelesen werden.

Vor ungefähr zehn Jahren hat alles angefangen – der von Menschen gemachte Klimawandel. Wir können uns noch gut an den Sommer 2019 erinnern, der zweite heiße Sommer in Europa in Folge, ein Hitzerekord jagte den Nächsten. Es war das erste Jahr, in dem die Temperaturen auch in den deutschen Städten über 40 Grad stiegen. Die Kinder und Jugendlichen haben es damals schon gewusst. Sie haben uns gewarnt und sind in Massen auf die Straßen gegangen. Um 2020 herum gab es noch weltweite friedliche Demonstrationen der Fridays-for-future-Bewegung. Seitdem hat sich vieles verändert.

Eigentlich haben wir es alle gewusst, und zwar schon seit den 1980er Jahren. Nur ernst genommen haben wir es nicht. Damals dachten wir noch, wir könnten alles durch freiwilligen Verzicht aufhalten. Die Politik traute sich nicht, Verbote auszusprechen und so den einzig sinnvollen Weg einzuschreiten, um die Erderwärmung noch zu begrenzen. Dabei lagen die Fakten doch auf dem Tisch, und die Katastrophe zeichnete sich schon damals sehr deutlich ab.

MUMMY MAG Klimawandel Kahle Bäume
Bild von Free-Photos auf pixabay.com

Das Wetter spielt verrückt

„Extreme Wetterphänomene werden zunehmen“, haben die Meteorologen gesagt. Das hat sich damals noch gar nicht so schlimm angehört, dann kamen die verheerenden Stürme, die ganze Landstriche verwüsteten. Die Trockenheit und Hitzeperioden hielten länger an. Bei uns in Deutschland haben sich anfangs alle noch über die schönen langen Sommer gefreut. Niemand hat dabei an die Wälder gedacht. Sie verbrannten regelrecht bei der Hitze und der anhaltenden Trockenheit. Die Niederschläge sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Damals waren noch 30 % der Fläche Deutschlands Wald! Heute ist davon fast nur noch eine verödete Landschaft übrig geblieben.

Es ist oft sehr heiß, die Temperaturen bleiben über Monate hoch. Es ist stickig, staubig und trocken. In der Mittagshitze geht kaum noch jemand raus. Das Leben spielt sich hinter dicken Wänden oder in den Kellern ab, denn nur wenige können sich die leistungsstarken Klimaanlagen leisten. Regelmäßig gibt es Hitzewarnungen, dann herrscht Ausgangssperre bis in die Abendstunden. Auch die Winter haben sich total verändert. Es gibt starke Unwetter und Stürme, aber selten sinken die Temperaturen unter 10 Grad. Schnee haben wir seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.

MUMMY MAG Klimawandel Hitze
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Durch die Wetterveränderungen kam es zu großen Ernteausfällen. In den ersten Jahren konnten wir dies noch durch Importe aus Asien kompensieren, und die Landwirte haben hohe Subventionen erhalten. Sie sind auf robustere Getreidesorten umgestiegen. Inzwischen gibt es viele neue Gesetze und Verordnungen. Lebensmittel sollen zu 75 % für den menschlichen Bedarf produziert werden. Massentierhaltung, wie noch vor zehn Jahren, gibt es quasi nicht mehr, weil so viele Tiere gar nicht versorgt werden könnten. Inzwischen werden die Grundlebensmittel rationiert, denn auch die Importe sind seit der großen Ölkrise stark zurückgegangen.

Wer selbst noch etwas anbauen kann, hat Glück, alles andere gibt es auf dem Schwarzmarkt. Wir haben Glück: mit unserem Garten können wir uns ganz gut versorgen. In den Städten ist das natürlich schwerer als auf dem Dorf, aber in Deutschland muss noch niemand Hunger leiden. Damit die Gärten in den Vororten nicht geplündert werden, gibt es private Sicherheitsdienste, die Patrouille laufen, und es wurden große Zäune um ganze Wohnviertel herum errichtet.

Wasser – flüssiges Gold

Das Wasser, welches früher so selbstverständlich und überall verfügbar war, wurde knapp und wird nun auch vom Staat verteilt. Wir alle sind zu Sparsamkeit im Wasserverbrauch angehalten. Das kannten wir früher nur aus Afrika. Regenwasser wird überall in großen Tanks gesammelt. Es gibt seltene, aber dann starke Regenfälle. Der Grundwasserspiegel ist dennoch drastisch gesunken, viele Pumpen reichen gar nicht mehr tief genug. Im Gegensatz dazu ist der Meeresspiegel um mehr als 1,5 Meter gestiegen, und Teile der europäischen Küstenregionen sind unbewohnbar geworden. Besonders schlimm hat es Dänemark und die Niederlande getroffen. Die Städte konnten sich teilweise mit hohen Dämmen und Schutzwänden schützen. Aber Wissenschaftler erwarten für die nächsten 50 Jahre nochmal einen Anstieg des Meeresspiegels um weitere 2 Meter, und dann ist Schluss.

MUMMY MAG Klimawandel Hochwasser
Bild von LucyKaef auf pixabay.com

Mit der großen Ölkrise ist der Welthandel im Jahr 2028 fast komplett zusammengebrochen. Der Rohölpreis ist drastisch gestiegen, nicht zuletzt wegen der anhaltenden Konflikte im Nahen Osten. Immer wieder ist es dort zu militärischen Auseinandersetzungen gekommen. Die Auswirkungen auf die Industrie waren verheerend. Durch weltweite Klimafolgen wurde zudem die Zufuhr von vielen wichtigen Rohstoffen unterbrochen. Dies führte zu Milliardenverlusten in der Industrie, und viele, selbst große Traditionskonzerne, mussten Insolvenz anmelden. Es kam zu historischen Massenentlassungen. In unserer Region hat es besonders hart die Automobilbranche getroffen.

Politisches Versagen

Die Arbeitslosigkeit ist inzwischen extrem gestiegen. Dies führt zu sozialen Spannungen und politischen Unruhen. Verschärfend kommen die hohen Flüchtlingszahlen hinzu. Obwohl die Grenzen seit Jahren streng kontrolliert werden, kommen immer mehr verzweifelte Menschen nach Europa, die ihre Lebensgrundlage aufgrund der Klimafolgen noch viel dramatischer verloren haben als wir. Die Zuwächse der radikalen Parteien sind Jahr für Jahr anhaltend. Auch wenn diese den Klimawandel inzwischen nicht mehr leugnen, so haben sie doch keine Ideen oder Lösungen, sondern nur restriktive Forderungen. Allerdings haben auch die ehemals etablierten Parteien keinen wirklichen Fahrplan. Die Klimapolitik der letzten Generationen gilt als verfehlt und die jetzige Regierung betreibt nur Schadensbegrenzung. Es werden die Symptome behandelt, auf die Ursachen haben wir längst keinen Einfluss mehr.

MUMMY MAG Klimawandel Überleben
Bild von Christine Foetzki

Wer Geld hat, der hat sich rechtzeitig in den hohen Norden abgesetzt, in die Wälder Norwegens oder Schwedens. Oder nach Grönland. Seitdem es kaum noch Benzin zu kaufen gibt, ist natürlich die Mobilität stark eingeschränkt. Fliegen kann man nur noch mit staatlicher Ausnahmegenehmigung, doch das kann sich sowieso kaum jemand leisten. Wer reisen muss, der nimmt den Zug. Für kurze Strecken reichen noch die alten E-Autos, denn durch fast flächendeckende Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern gibt es zumindest ausreichend Strom.

Leider wurde der Ausbau der Windenergie Ende der 2010er Jahre gekappt, sodass heutzutage nachts oder bei länger anhaltender Bewölkung vieles ausgeschaltet bleiben muss. Auch die Bürgerinitiativen, die den Ausbau der Stromnetze und Windkraftanlagen verhindert haben, haben so dazu beigetragen, dass es nun immer wieder Stomausfälle gibt. Die Biogasproduktion kam zum Erliegen, nachdem alle noch bewirtschaftbaren Flächen für die Nahrungsmittelproduktion genutzt werden mussten. Und Energiespeicher kann man aufgrund der Rohstoffknappheit nicht mehr kaufen. Naja, für den Nahverkehr ist Fahrrad fahren auch eine Möglichkeit, allerdings gilt ein Fahrrad-Fahrverbot ab 38 Grad.

Point of no return

Die Fridays-for-future-Bewegung aus den Jahren 2018/19 hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Bei den jungen Menschen machte sich zunehmend Frustration breit, denn alle Bemühungen des friedlichen Appells an die Regierungen brachten überhaupt nichts. So war es denn auch nicht verwunderlich, dass sich die jungen Menschen radikalisiert haben. Es gab Sabotagen und Anschläge auf Kohlekraftwerke und Bohrinseln, auf die Textilindustrie und Massentierhaltung. Aber der Klimawandel ließ sich auch damit nicht mehr aufhalten, der Point of no return war längst überschritten.

MUMMY MAG Klimawandel Demo
Bild von Markus Spiske auf pexels.com

Wie wird es weitergehen? Hier in Braunschweig ist die Situation noch nicht ganz so verheerend. Das Leben hat sich deutlich verändert, es ist nicht gerade einfach, aber wir konnten uns noch darauf einstellen. Viele Freunde und Verwandte sind inzwischen aus den Großstädten weggezogen aufs Land, wenn sie konnten. Auch wir teilen unser Haus seit einiger Zeit mit einer weiteren Familie aus Berlin. Ob die Menschheit diese Entwicklung überleben wird? Wir wissen es nicht, seit dem letzten Sommer gilt die Biene als ausgestorben. Und wenn die Temperaturen weiter steigen, leben wir bald in einer Wüste. Dann versuchen auch wir, nach Schweden auszuwandern.

Und zum Schluss …

Dieses Szenario ist natürlich fiktiv. Es ist inspiriert von den Warnungen vor dem Klimawandel von Wissenschaftlern und von den Beobachtungen der Geschichte und Gegenwart. Wir sind keine Experten, aber wir machen uns wirklich Sorgen um die Zukunft dieser Welt, unserer Natur, dem Leben unserer Kinder und Enkelkinder. Wir beginnen, unseren Alltag zu hinterfragen und dahingehend zu verändern, dass u.a. unser CO2-Fußabdruck möglichst gering bleibt. Noch ist es nicht zu spät, eine solche Zukunft zu verhinder, aber die Zeit wird knapp.

Diesen Artikel hat Christine zusammen mit ihrem 15-jährigen Sohn geschrieben.

Titelbild von icon0.com


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Christine ist Mutter von zwei Teenager-Söhnen und Diplom-Pädagogin. Sie arbeitet als Familienhelferin im Raum Braunschweig/Salzgitter und begleitet benachteiligte Kinder, unterstützt herausfordernde Jugendliche und sucht neue Perspektiven für abgehängte Familien. Ihre Leidenschaft gilt dem Gärtnern, ihrem Hund Nero und noch vielem mehr.

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